Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportmix „Es geht darum, die Lauftechnik zu optimieren“
Sportbuzzer Sportmix „Es geht darum, die Lauftechnik zu optimieren“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 30.04.2010
Matthias Marquardt, Laufmediziner aus Hannover. Quelle: Archiv
Anzeige

Herr Marquardt, wenn Sie bei Wettbewerben wie dem Hannover-Marathon zuschauen, was fällt Ihnen bei den Läufern besonders auf?
Ich freue mich, dass so viele Menschen Spaß daran haben, sich zu bewegen, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Da Freunde von mir am Sonntag dabei sind, werde ich sie an der Strecke anfeuern. Mein spezieller Blick gilt der Lauftechnik, Fehlstellungen und dem Schuhwerk, denn da liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit. In der Hinsicht gibt es schon einige Defizite in der technischen Ausbildung und der Athletik zu sehen.

Wann wird es aus Ihrer Sicht als Arzt damit problematisch für den Freizeitläufer?
Es ist zu begrüßen, wenn Läufer neben ihrer Arbeit zu einem solchen Hobby finden. Aber wenn man seine Athletik jahrelang nicht trainiert hat, wie etwa durch Liegestütze oder Strecksprünge, dann stellen sich typische Fehler ein wie eine sogenannte sitzende Laufhaltung – weil diejenigen eben auch im Alltag sehr viel sitzen. Dadurch verkürzen sich Muskeln. Die Lauftechnik ist dann nicht ökonomisch, und sie belastet die Kniegelenke.

Anzeige

Wie groß ist der Anteil der Sportler, die sich ernsthafte Gedanken wegen ihres schlechten Bewegungsablaufs machen müssen?
Wem es körperlich gut geht, der tut sich mit dem Laufen auch etwas Gutes. Nach wissenschaftlichen Studien machen 30 bis 50 Prozent der Läufer immer wieder orthopädische Verletzungen zu schaffen wie Knie- und Achillessehnenschmerzen oder Schienbeinkantenprobleme. Das ist schon ein sehr hoher Anteil, wenn man davon ausgeht, dass in Deutschland 16 Millionen Menschen mehr oder minder regelmäßig laufen.

Sie haben eine falsche Lauftechnik als eine mögliche Ursache dafür genannt. Ist es überhaupt möglich, dass ein Freizeitsportler mit vielen Laufjahren auf dem Buckel solche Fehler überhaupt abstellen kann?
Jeder Mensch ist bis ins hohe Alter lernfähig. Es geht darum, die Technik zu optimieren und nicht darum, sie komplett neu zu erlernen. Schon richtige Kräftigungs- und Dehnungsübungen können da einiges bewirken, um gesünder und auch schneller zu laufen.

In welchem Zeitraum ist das zu schaffen? Und geht das auch ohne professionelle Hilfe?
Je nach Vorerfahrung kann man das unter Umständen auch allein realisieren. Das ist oftmals ja auch nichts Brandneues, es gehört aber in einen vernünftigen Kontext. Und da können ein Trainer, der sich damit auskennt, oder auch ein Buch mit den entsprechenden Ratschlägen schon sehr hilfreich sein.

Sie propagieren das „natural running“, also eine möglichst natürliche Art des Laufens. Heißt das letztlich, sich nur noch barfuß zu bewegen?
Ich habe nie dazu aufgefordert, längere Zeit barfuß zu laufen. Den Halbmarathon am Sonntag in Hannover sollte man schon in Laufschuhen absolvieren. Es ist aber so, dass wir in Seminaren und auf Lehrgängen darauf Wert legen, einige Minuten ohne Schuhe auf Rasen zu laufen, um so wieder ein Gefühl für die natürliche Bewegung zu bekommen. Dadurch werden die Füße gekräftigt, das Aufsetzen geschieht flacher, man federt etwas mehr im Kniegelenk und minimiert die Stoßbelastung. Auf diese Weise kann man flüssiger und runder laufen. Wenn man das immer wieder mal praktiziert, dann wirkt sich das auch positiv aus, wenn man mit Laufschuhen unterwegs ist.

Wie viele Paar Laufschuhe haben Sie eigentlich, die Sie auch nutzen?
In der Regel setze ich drei, vier Paar ein, mit denen ich gut zurechtkomme. Und die wechsele ich beim Training dann immer durch. Ich rate jedem Läufer, wenigstens zwei, drei Paar Laufschuhe zu haben.

Gibt es den idealen Laufschuh?
Nein. Und den wird es auch nie geben, weil die Läufer alle sehr unterschiedlich sind. Deshalb gibt es ja zum Beispiel Bewegungsanalysen, um die jeweiligen Anforderungen herausfinden zu können. Auf dem Markt sind sehr viele gute Laufschuhe zu bekommen. Das Problem ist, für den jeweiligen Typ den richtigen Schuh zu finden. Das ist die eigentliche Kunst eines Sportfachhändlers.

Wie beurteilen Sie die Beratung in den hannoverschen Spezialgeschäften?
Zu mir kommen viele Patienten, die ihre Schuhe in Hannover gekauft haben. In einigen Sportgeschäften ist die Beratung brillant. Mit den Mitteln, die den Verkäufern dort zur Verfügung stehen – meist ein kleines Laufbahn mit einer Kamera, womit allerdings keine exakte Analyse möglich ist – werden die wesentlichen Fehlstellungen oft gut erkannt.

Sie plädieren dafür, dass ein Laufschuh Stöße nicht zu sehr auffangen sollte. Wird nicht eher ein Schuh daraus, einem 100 Kilogramm schweren Läufer ein Modell mit möglichst viel Dämpfung zu empfehlen?
Dämpfung im Schuh soll schon sein. Und zwar so viel, dass sich der Untergrund ungefähr so anfühlt, als würde man auf weichem Grasboden barfuß laufen. Das ist die natürliche Situation, an der man sich orientieren sollte. Der Laufschuh hat primär die Aufgabe, das zu imitieren und ein angenehmes Gefühl zu vermitteln. Er soll aber nicht zusätzlich noch weicher werden, denn dann besteht die Gefahr, dass die Gelenke instabil werden und man den Untergrund nicht mehr gut spürt. Die Folge können Fehlregulationen in der Bewegungskette sein. Zu empfehlen sind flache Schuhe mit straffer Dämpfung aus der Kategorie Lighttrainer.

Bei der Beurteilung der Lebensdauer von Laufschuhen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Hersteller favorisieren logischerweise einen frühen Austausch nach wenigen hundert Kilometern, manche Sportler legen mit einem und demselben Paar 2000 Kilometer zurück. Wo liegt die goldene Mitte?
Bei etwa 1000 Kilometern, das ist die Faustregel. Aber es gibt schon Unterschiede. Bei leichtgewichtigen Läufern mit guter Lauftechnik, die nur auf Waldboden unterwegs sind, hält ein Schuh wesentlich länger. Wer nur auf Asphalt läuft und beispielsweise ausgeprägte O-Beine hat, wodurch die Schuhaußenkante verstärkt abgenutzt wird, der muss die Laufschuhe möglicherweise schon nach 400 Kilometern ausrangieren.

Woran sieht man eigentlich: Dieser Schuh muss weg?
Es ist weniger die nachlassende Dämpfung, die dafür den Ausschlag gibt. Für mich ist gravierender, ob ein Schuh schief ist, nach innen oder nach außen. Dann sollte man sich davon trennen. Jeder Lauf mit einem solchen Paar führt zu einer Gewöhnung, und oft merkt man erst dann, wenn man sich einen neuen Schuh gekauft hat, wie schief der alte schon war.

Wie vereinbaren sich orthopädische Einlagen, die Fehlstellungen korrigieren sollen, mit ihrem Konzept vom „natural running“?
Kein Läufer wünscht sich wirklich, mit Einlagen laufen zu müssen. Wenn jemand gesund ist, dann werde ich ihm auch nie Einlagen verordnen. Stellt sich bei einer biomechanischen Analyse aber heraus, dass Fehler über den Fuß besser reguliert werden können, dann greife ich schon zu speziellen Einlagekonzepten. Sie sollen den Fuß und seine Muskelgruppen aber aktivieren und nicht passiv unterstützen. Notwendig ist dies nach meiner Erfahrung bei etwa jedem 20. Patienten, also eher selten. Bei allen anderen freue ich mich, wenn sie ohne Einlagen laufen.

Wie ist es um die Qualität der Einlagenversorgung in Hannover bestellt?
Nach meiner Einschätzung ist die Streuung da groß, es gibt durchaus einige sehr gute Anbieter. Eine arbeiten aber noch mit den klassischen Methoden der Gewölbenachbildung, ohne die Funktion der Einlagen ausreichend zu bedenken. In dem Fall muss man sich mit der Laufbewegung sehr gut auskennen: Ist es ein Vorfuß- oder Rückfußläufer? Hat er X- oder O-Beine? Das hat große Auswirkungen auf die Konstruktion der Hilfsmittel. Ohne tiefgehende Diagnostik im Vorfeld kann eine gravierende Fehlversorgung das Ergebnis sein.

Was sind die größten Fehler, die ein Läufer vor seinem ersten Wettkampf begehen kann?
Der Hauptfehler von Einsteigern ist der, wenn er meint: Ich brauche jetzt nur noch den richtigen Schuh. Um verletzungsfrei laufen zu können, sind eine vorsichtige Gewöhnung und dann ein vernünftiger Trainingsprozess mit vielleicht drei Einheiten pro Woche, anfangs nicht über vier Kilometer, viel wichtiger. In geringem Umfang mit dem richtigen Schuh anfangen zu laufen und dann das Pensum allmählich steigern: Das ist das Beste, man man machen kann. Muskeln, Sehnen und Bänder brauchen mindestens drei Monate, um sich anzupassen. In Bezug auf die Technik sollten es Anfänger mit kleinen, flüssigen Laufschritten versuchen. Sonst setzt man sich zu großen Stoßkräften aus.

Von den Anfängern zu den Erfahrenen, die nicht genug bekommen können: Kann man laufsüchtig werden?
Die Sucht ist in der Medizin immer eine Sache der Definition. Sie ist dann da, wenn man das Bedürfnis spürt, die Dosis immer weiter zu steigern. Das gibt es sicher bei einigen Läufern, die immer mehr wollen. Die meisten, die ich kenne, haben aber eine positive Abhängigkeit vom Laufen. In dem Sinne: Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nicht laufe – dann werden sie hibbelig. Das geht auch mir so. So gesehen ist man im positiven Sinne abhängig, das gefällt mir als Arzt sehr gut. Eine richtige Sucht mit den Begleiterscheinung Nervosität und Unausgeglichenheit und dem Streben danach, immer mehr laufen zu müssen, ohne etwas anderes zu sehen oder wahrzunehmen, ist die absolute Ausnahme.

Interview: Norbert Fettback