Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportmix Der „Maulkorb“ stört die Handballer
Sportbuzzer Sportmix Der „Maulkorb“ stört die Handballer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:21 15.09.2011
Kritik im Gespräch: Burgdorfs Csaba Szücs (l.) macht es aus Sicht der HBL richtig. Quelle: Petrow
Anzeige
Hannover

Es geht oft rau zu im Handball. Die Spieler stehen im ständigen Körperkontakt. Halten, Trikotziehen, Umstoßen – viele Mittel der Verteidigung sind am Rande der Regelwidrigkeit oder darüber hinaus. Schwerstarbeit für die Schiedsrichter, die nicht umsonst in allen Spielklassen zu zweit auf dem Feld stehen, um der Lage Herr zu werden. Trotzdem müssen sie Entscheidungen in Sekundenbruchteilen fällen, teilweise mit großem Spielraum in der Regelauslegung – und liefern damit fast schon als Selbstverständlichkeit die Grundlage für Diskussionen auf den Rängen gleich mit, aber auch unter Spielern und Offiziellen. Diese dürfen ihre Kritik an den Regelhütern aber seit Beginn der neuen Bundesliga-Saison in einer Frist von 48 Stunden nach Spielende nicht mehr öffentlich äußern. Eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wie viele meinen.

Unter den Aktiven der Liga wird diese neue Durchführungsbestimmung inzwischen „Maulkorberlass“ genannt und führt zu kuriosen Erscheinungen. In der Schlussphase des Auftaktspiels der TSV Hannover-Burgdorf gegen die Füchse Berlin (28:31) beispielsweise trugen die Schiedsrichter aus Sicht der Burgdorfer mit mehreren „Kann-Entscheidungen“ zulasten der Gastgeber ihren Teil dazu bei, dass die Aufholjagd der TSV nicht mehr von Erfolg gekrönt war. Da sprühten die Emotionen auch nach der Schlusssirene. TSV-Kapitän Hannes Jon Jonsson erreichte nach dem Spiel als Erster die neugierigen Journalisten und äußerte seine Enttäuschung über das verlorene Spiel. Eine Kritik an der einseitigen Linie der Referees wäre jetzt die erwartete Reaktion gewesen. Doch Jonsson hielt sich zurück, was ihm offenbar nicht jeder Burgdorfer zutraute. Gleich fünf vorbeieilende Mitspieler und Offizielle erinnerten den Kapitän an den „Maulkorberlass“. „Ja, ich weiß“, antworte er offenbar unter großer Mühe, nicht doch schwach zu werden.

Anzeige

„Ich bin schon immer sehr sparsam mit Kritik an den Schiedsrichtern“, sagt TSV-Coach Christopher Nordmeyer. „Aber ich sehe einer möglichen Klage gelassen entgegen, weil die Bestimmung gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung verstößt.“ So sehen auch seine Kollegen in der Bundesliga die Situation. Dennoch hat an den ersten zwei Spieltagen kein Trainer, Spieler oder Offizieller die bis zu 5000 Euro Bußgeld für eine Schiedsrichterschelte riskiert. Ein bisschen Ironie oder vage Andeutungen, zu mehr ließ sich niemand hinreißen. Aber die Unzufriedenheit bleibt.

Peter Rauchfuß, Schiedsrichterobmann der Handball-Bundesliga (HBL), forderte nun auf der Internetseite „handball-world.com“: „Schiedsrichter müssen Kritik aushalten können, sonst sind sie hier falsch.“ Der Wunsch aus seinem Lager nach Schutz vor Anfeindungen und Diffamierungen hatte zur Einführung des „Maulkorbes“ geführt. Ist die Kritik nun also gewünscht oder nicht? „Wir wollen das ausdrücklich“, sagt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann, „aber konstruktiv und in direkten Gesprächen mit den Schiedsrichtern und nicht öffentlich.“

Diejenigen, die sich in der Vergangenheit im Ton oder in der Wortwahl vergriffen haben, hätten dies später bereut. Davor wolle die HBL alle Beteiligten schützen. „Wir müssen eingestehen, dass wir die Gründe für diese Regelung im Vorfeld nicht ausreichend kommuniziert haben“, räumt Bohmann ein. Trotz des allgemeinen Protestes sei eine Änderung der Regel nicht geplant. „Am Ende der Saison werden wir den Erfolg ergebnisoffen beurteilen“, sagt Bohmann. So lange müssen sich die Handballer wohl noch auf ihre Zungen beißen.

Uwe Kranz