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Sportmix ARD und ZDF zeigen 220 Stunden Live-Wintersport
Sportbuzzer Sportmix ARD und ZDF zeigen 220 Stunden Live-Wintersport
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14:21 10.02.2010
Rund 320 Stunden werden die Öffentlich-Rechtlichen aus Nordamerika senden, 220 davon live. Quelle: dpa
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Mit Olympischen Winterspielen verhält es sich wie mit Pepsi-Cola, der Fußball-Europameisterschaft, Burger King, dem „Focus“, Skoda und dem „heute-journal“: Sie sind nicht das Original. Sie sind die ewigen Zweiten, die zweitbeste Lösung, das zweitbekannteste Produkt, das zweitinteressanteste Sportereignis. Das wissen auch ARD und ZDF. Und trotzdem haben sie versprochen, dem olympischen Motto folgend „mit glühendem Herzen“ aus Vancouver und Whistler zu berichten, wenn von Freitag an in Kanada 5000 Sportler in 86 Disziplinen um 256 Medaillen kämpfen.

Rund 320 Stunden werden die Öffentlich-Rechtlichen aus Nordamerika senden, 220 davon live. „Live geht vor“, heißt es diesmal, nachdem man es zuletzt in Peking 2008 nicht so genau nahm mit der Einblendung des „Live“-Logos in der Bildschirmecke. Immer öfter wurden Würfe, Sprünge, Duelle aus der Konserve gezeigt, ohne dass die Reporter darauf hinwiesen. Für die Bildrechte hat die European Broadcasting Union (zu der auch ARD und ZDF gehören) 125 Millionen Euro bezahlt. Eine Stunde Live-Olympia kostet damit rein rechnerisch 570 000 Euro. Ohne Personal und Technik.

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Längst vorbei die Zeiten, als das Fernsehen noch Geld kassierte, damit es sich überhaupt für Olympia interessierte: 1956 strich der italienische Fernsehverbund RAI 10 000 000 Lire ein, damit er die Spiele in Cortina d’Ampezzo überhaupt live übertrug. „Wir haben es 60 Jahre ohne Fernsehen geschafft, und wir werden es sicher auch noch weitere 60 Jahre ohne dieses managen“, sagt damals IOC-Präsident Avery Brundage. Die neunstündige Zeitverschiebung zwischen Vancouver und Deutschland kommt dem hiesigen TV-Publikum entgegen: Die meisten Entscheidungen des Tages laufen bei uns abends zur besten Sendezeit ab 19 Uhr. „Ich erwarte deshalb gute Einschaltquoten“, sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.

60 der 86 Entscheidungen fallen vor Mitternacht unserer Zeit. Den Auftakt macht am Freitag um 18 Uhr die ARD mit der Skisprung-Qualifikation. Die Eröffnungsfeier ist dann freilich erst ab 3 Uhr morgens in der Nacht zum Sonnabend zu sehen (Vorberichte ab 23.30 Uhr in der ARD). Die olympischen Nächte werden täglich gegen 18 Uhr beginnen und enden morgens um 9 Uhr. Am Vormittag folgt die Zusammenfassung des Tages. Das ZDF zeigt die Schlussfeier in der Nacht zum 1. März. Rund 10 000 Medienvertreter berichten von den dritten Olympischen Spielen aus Kanada (nach Montreal 1976 und Calgary 1988).

Auch die Digitalkanäle EinsFestival und der ZDF-Infokanal zeigen tagelang nicht viel mehr als Olympia. ARD und ZDF wollen sauberer arbeiten als zuletzt. Das betrifft aber nicht nur die Tiefe der Berichterstattung, die profunde Recherche und kritische Begleitung, sondern auch die Bildqualität: „Mit Beginn der Olympischen Winterspiele schreiben ARD und ZDF ein Stück Fernsehgeschichte“, jubeln ARD-Programmdirektor Volker Herres und der scheidende ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender im Verein. Beide Sender schicken die Bilder aus Kanada im hochauflösenden „HD“-Format auf die Flachbildfernseher ihrer Kunden.

In letzter Minute einigte man sich dafür mit dem störrischen Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland. Für den HDTV-Empfang via Kabel oder Satellit benötigen Zuschauer entweder einen Fernsehapparat mit dem Logo „HDTV“ oder – falls ihr Gerät nur einen „HD ready“-Aufdruck trägt – eine Set-Top-Box, die zwischen Satelliten- oder Kabelanschluss und Fernseher geschaltet wird. Alte Röhrenfernseher können HDTV nicht empfangen, erhalten aber weiterhin das gewohnte Bildsignal. Das Erste schickt mit Michael Antwerpes, Claus Lufen und Gerhard Delling gestandene Sportfernsehveteranen ins Rennen, als Experten treten unter anderem Katarina Witt (Eiskunstlauf), Peter Schlickenrieder (Langlauf) und Markus Wasmeier (Ski alpin) an – nachdem die ARD noch im Herbst fünf Experten aus Kostengründen gefeuert hatte, darunter Exrodlerin Sylke Otto.

Das ZDF geht mit Kathrin Müller-Hohenstein, Norbert König, Michael Steinbrecher und Rudi Cerne an den Start. Als Experten stehen ihnen Sven Fischer (Biathlon), Jens Weißflog (Skispringen) und Gunda Niemann-Stirnemann zur Seite. Technik und Studios teilen sich beide Sender. Auf der Inventarliste standen unter anderem 250 Telefone, 180 Notebooks und 50 Drucker. Und wieder stellt sich die Frage: Wie kritisch können Sender sein, die für die TV-Rechte rund 125 Millionen Euro bezahlt haben? Das IOC ist im Sinne der allmächtigen Sponsoren traditionell an „keimfreien“ Spielen interessiert, an möglichst ungetrübtem Winterspaß – ohne lästige Dopingaffären, politische Demonstrationen, Rauchbomben.

Dass sich ARD und ZDF nicht zum Erfüllungsgehilfen der positivistischen Veranstalter machen wollen, dass sie sich nicht auf die Rolle des mitjubelnden Medienpartners reduzieren lassen möchten, haben sie wenige Tage vor der Eröffnungsfeier mit den Doping-Dolumentationen „Geheimsache Doping – Eiskalter Betrug“ (ARD) und „Mission Gold – Die Blutspur der Dopingbetrüger“ (ZDF) klargestellt. Freilich waren beide kritische Sendungen, die auch deutsche Wintersportler unter Dopingverdacht stellten, im Nachtprogramm versteckt. Mutig sieht anders aus.

Imre Grimm