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Sport-Regional André Breitenreiter: „Ich werde wieder dabei sein“
Sportbuzzer Sport-Regional André Breitenreiter: „Ich werde wieder dabei sein“
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22:53 30.12.2016
Von Andreas Willeke
BEIM CLASICO: Breitenreiter schaute sich am 3. Dezember in Barcelona das Topduell gegen Real Madrid an (1:1).
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Hannover

André Breitenreiter, Sie sind angeblich seit Monaten bei fast jedem Verein Kandidat, der einen Trainer sucht. Reisen Sie gerade durch die Republik und stellen sich bei ganz vielen möglichen neuen Arbeitgebern vor?

Nein, überhaupt nicht. Ich kann nicht verhindern, dass mein Name gespielt wird, sobald ein Trainer freigestellt wird. So läuft halt das Geschäft. Meine Priorität liegt aber zurzeit ganz woanders. Ich will in andere Länder reisen, andere Fußballkulturen kennenlernen, um einen anderen Blickwinkel zu bekommen.

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Bei welchen Vereinen haben Sie sich umgeschaut?

Ich war bei Manchester City und anderen englischen Clubs. Ich war in Brighton, wo ein ganz neues Trainingszentrum entstanden ist. Ich war in Spanien unter anderem beim Clasico zwischen Barcelona und Madrid. In Kroatien habe ich mir angeschaut, wie kleinere Vereine hohe Transfererlöse erzielen. Dinamo Zagreb hat im Sommer mehrere Spieler für zweistellige Millionenbeträge abgegeben. Demnächst habe ich vor, beim FC Sevilla und Atletico Madrid reinzuschauen sowie die Trainingsmethoden anderer Sportarten in den USA zu beobachten.

Was können Sie bei den Vereinen lernen?

Ich möchte schauen, wie dort gearbeitet wird, tausche mich dazu mit den Verantwortlichen aus. Es interessiert mich, wie der Umgang mit den Spielern ist, welche Schwerpunkte gesetzt werden, welche Möglichkeiten an Trainingsinhalten und Regeneration gewählt werden. Es ist spannend, die unterschiedlichen Vereine in unterschiedlichen Kulturen zu analysieren, darum geht’s mir. Englische Clubs sind beispielsweise im Scouting viel weiter als wir. Da gibt es bei uns noch Verbesserungspotenzial.

Also ein Sabbat-Jahr, um sich weiterzubilden?

Als Cheftrainer bleibt doch kaum Zeit, über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich nutze jetzt die Zeit, um neue Eindrücke und Ideen zu sammeln und den Horizont zu erweitern. Ich werde auch im Januar nach Marbella reisen, wo viele Bundesligisten ihre Trainingslager abhalten.

Ärgert es Sie, wenn Sie bei fast allen Clubs ins Gespräch kommen, die Trainer gefeuert haben - oder schmeichelt es Ihnen?

Ich kann öffentliche Spekulationen nicht beeinflussen und werde mich dazu auch nie äußern.

Es gab doch sicher Versuche, den Trainer Breitenreiter zu verpflichten?

Es gab mehrere Anfragen aus der ersten und zweiten Bundesliga.

Haben Sie Vorbehalte, Mannschaften während der Saison zu übernehmen?

Natürlich ist es vorteilhaft, eine Mannschaft zu Saisonbeginn zu übernehmen, da man als Trainer seine Idee der Spielphilosophie in die Kaderzusammenstellung einbringt. Für diese Mannschaft ist man verantwortlich und kann auch entsprechend beurteilt werden. Während einer Saison kann man seine eigenen Vorstellungen nur bedingt umsetzen, sondern muss zunächst aus dem vorhandenen Potenzial den bestmöglichen Erfolg erzielen.

Welche Lehren ziehen Sie aus Ihrem Schalke-Jahr?

Natürlich habe ich das Jahr für mich analysiert und viele Gespräche geführt, um auch andere Meinungen darüber zu hören. Ich habe auch Ansatzpunkte gefunden, was ich künftig besser machen kann. Es war für mich sowohl ein erfolgreiches als auch ein lehrreiches Jahr.

Was werden Sie konkret bei Ihrem nächsten Club ändern?

Mein Anspruch an mich und die Menschen um mich herum ist sehr hoch. Ich erwarte von mir wie von allen Mitarbeitern immer die maximale Leistung. Vielleicht habe ich nach wenigen Monaten auf Schalke zu schnell zu viel eingefordert. Ich möchte erfolgreich sein, werde aber künftig darauf achten, nicht ganz so rasch vorzugehen.

Schalke steht jetzt in der Tabelle deutlich schlechter als unter Ihrer Führung. Spüren Sie eine Genugtuung?

Ich hege keinen Groll über Schalke. Ich habe zu einigen Spielern auch noch guten Kontakt. Ich freue mich, wenn sie gut spielen. Wir haben unter anderen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen mit der jüngsten Mannschaft gespielt. Wir haben mehrere neue A-Nationalspieler geformt, zudem hohe Transfereinnahmen erzielt, die zum besten wirtschaftlichen Ergebnis der Vereinsgeschichte geführt haben. In dieser Saison wurde eine andere Strategie gewählt und sehr viel Geld in die Hand genommen. Mir steht es aber nicht zu, die beiden Jahre zu vergleichen.

Das Trainer-Karussell dreht sich immer schneller ...

Der Trend ist auffällig. Es gibt aber auch Gegenbeispiele wie bei St. Pauli. Der Club handelt aus der Überzeugung heraus, dass Ewald Lienen der richtige Trainer ist, obwohl Ergebnisse fehlen. Auch in Leverkusen hält Rudi Völler zu Roger Schmidt und gibt ihm trotz massiver öffentlicher Kritik Rückendeckung. Das ist für mich als Trainer auch die richtige Strategie. Wichtig ist dabei nach meiner Meinung, ergebnisunabhängig zu handeln. Wenn ich überzeugt bin vom Trainer und seiner Arbeit, sollte man auch mal gemeinsam durch ein Tal gehen.

Clubs wie Ingolstadt haben sich für neue Lösungen wie Maik Walpurgis entschieden. Haben Sie keine Angst, aus dem Trainerkarussell rauszufallen?

Maik war mein Zimmerpartner bei der Fußball-Lehrer-Ausbildung. Ich habe ihn schon zum Spiel gegen Leipzig in Ingolstadt besucht und freue mich sehr für ihn. Ich bin total entspannt und auch geduldig. Wenn die richtige Anfrage zum richtigen Zeitpunkt kommt, werde ich wieder dabei sein.

Hat der Topclub Schalke Sie verändert?

Als Mensch und als Typ habe ich mich nicht verändert, wenn ich meinen Freunden glauben darf. Ich bin noch der Gleiche wie zu meiner Zeit beim TSV Havelse. Mir ist wichtig, authentisch zu sein und meiner Linie zu folgen. Aber klar, man entwickelt sich auch weiter.

Soll Ihr nächster Club auch wieder ein Topclub sein?

Natürlich ist es spannend, bei einem international vertretenen Verein zu arbeiten. Es ist aber keine Bedingung, auf allerhöchstem Niveau wieder einzusteigen. Entscheidend ist, dass der Verein 100-prozentig überzeugt ist vom Trainer, ihm 100-prozentige Rückendeckung gibt und Visionen für eine gemeinsame Zukunft hat. Dann ist meine Entscheidung auch ligenunabhängig.

Es könnte also auch die zweite Liga werden?

Wenn ich überzeugt bin, schließe ich es nicht aus, dass man dort ambitioniert etwas erfolgreich aufbaut.

Welche aktuellen Entwicklungstendenzen sehen Sie im Fußball?

In Deutschland gibt es einen Trend zum defensiveren Fußball. Viele Bundesligavereine achten auf mehr Stabilität und kompakteres Verteidigen mit Fünfer-Kette. Auffällig ist auch der Trend der Schauspielerei. Es wird den Schiedsrichtern nicht leicht gemacht. In Spanien wird nach wie vor die Philosophie des Ballbesitzfußballs gepflegt. England durchlebt momentan eine Entwicklung vom reinen Mentalitätsfußball zu variablen Spielsystemen mit Automatismen in Ballbesitz. Verantwortlich dafür sind die mittlerweile vielen ausländischen Trainer.

Clubs wie Leipzig und Köln sind überraschend in der Bundesliga oben mit dabei. Wie erklären Sie sich den Aufschwung?

Leipzig verfolgt ein klares Konzept, der Verein hat natürlich auch große finanzielle Möglichkeiten. Der Erfolg ist kein Zufall. Ralf Rangnick hat ja hier auch 96 zum Aufstieg geführt, wie er bei all seinen Vereinen Erfolg hatte. Er ist ein Fußball-Genie. Der Leipziger Weg ist in erster Linie auf ihn zurückzuführen. In Köln gibt seit vielen Jahren das Duo Jörg Schmadtke und Peter Stöger die Richtung vor. Sie gehen auch mal auf Konfrontationskurs zum hektischen Umfeld, um ihre Ideen durchzusetzen. Es ist ganz wichtig, sich nicht von außen beeinflussen zu lassen.

Als Trainer, der in Hannover lebt und auch öfter im Stadion zuschaut, müssen Sie natürlich auch zu 96 Stellung nehmen - gelingt der Aufstieg?

Ja. Hannover und Stuttgart haben für die zweite Liga sehr gute Kader zusammengestellt, sie haben die stärksten Mannschaften. Es wird ein Rennen zwischen den drei Clubs, die jetzt oben stehen. Stuttgart und 96 werden sich am Ende auf Platz eins und zwei durchsetzen.

Und wo kann man Andre Breitenreiter in Hannover treffen?

Über Weihnachten sind wir diesmal mit der Familie zu Hause geblieben, zu Silvester laden wir Freunde ein. Ich gehe auch gern mal zu den Handball-Recken oder zum Eishockey bei den Indians. Ansonsten mache ich Personal-Training mit Sven Blankenberg vom Fit-Team Hannover und wöchentlich Sport im Elan-Fitnesscenter. Das ist mir auch schon deutlich anzusehen.