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Hannover 96 NP-Besuch in der Hölle des Nordens
Sportbuzzer Hannover 96 NP-Besuch in der Hölle des Nordens
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00:22 15.04.2015
Von Dirk Tietenberg
HÄNDE HOCH: Die Fans im Beekestadion machen 90 Minuten Stimmung - dabei ist egal, ob 96 führt oder zurückliegt. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Die Hölle des Nordens befindet sich zwischen Südschnellweg, Mühlenholzweg und Ihme. Im Fußball-Untergrund im Beekestadion in Ricklingen hat sich auch die aktive Fan-Szene von Hannover 96 eingerichtet. Es ist Sonnabend, Spieltag in der Regionalliga gegen den Hamburger SV II. Mittagszeit, warm ist es, die Sonne scheint. und 1000 Fans singen: „Hannover ist die geilste Stadt der Welt.“

Ultra-Gruppen und die aktive Szene verschiedenster Fanklubs sorgen hier für die Stimmung, die sie den Profis in dieser Saison verweigern. Sie haben es sich im Beekestadion eingerichtet, die Ultras verkaufen T-Shirts und Schals in ihrem eigenen bunten Treffpunkt-Container - einem kleinen Bruder des „Zwinger-Clubs“ in der HDI-Arena, der aktuell nicht bespielt wird. Die Ultras und die anderen Klubs der Fanszene „sind hier enger zusammengewachsen“, sagt der Kopf einer Fan­gruppe. „Und guck mal da“, sagt ein anderer: „Ein Polizeiwagen, mehr nicht.“ Im Beekestadion geht man auffallend friedlich miteinander um: Ultras vermischen sich mit dem Rest der Fanszene, sie sprechen mit 96-Funktionären, mit Spielern, sogar mit der Presse.

Redet man mit diesen Anhängern statt über sie, dann wird hier deutlich. Diese Fans wollen die alte Liebe 96 gar nicht verlassen. Aber sie fühlen sich von ihrem Klub betrogen in den juristischen Kämpfen um die Busanreise nach Braunschweig vor einem Jahr. Jüngster Vorfall vor Gericht: Ein Mitglied der Fanszene bekommt nach seiner Klage gegen 96 Recht und erhält 150 Euro, weil er bei der Busanreise nicht pinkeln durfte.

Wegen vieler kleiner und großer Zwischenfälle boykottiert die Fanszene die Profis. Aber es ist eher eine Trennung auf Zeit als eine Scheidung.

Die Profis bekommen den Liebesentzug zu spüren - mit teuflischen Folgen für die Bundesliga-Mannschaft. 96 steckt im Abstiegskampf und im Stimmungsloch vor der leisesten Kulisse der Bundesliga. Die Amateure, die im Beekestadion 90 Minuten lang besungen werden, freuen sich hingegen über paradiesische Bedingungen.

Trainer Sören Osterland findet die „Stimmung fantastisch, einmalig in der vierten Liga, sonst herrscht da oft Totentanz“. Vor solchen Fans „macht es einfach Spaß, Fußball hat auch mit Gefühlen zu tun, diese Gefühle hat man hier“. Kenan Karaman aus dem Profikader spielt hin und wieder in der Reserve. Er köpft ein Tor zur 96-Führung, klatscht nach dem unglücklichen 2:3 mit den Fans ab. Früher, in Hoffenheim, „habe ich vor leeren Rängen gespielt, das ist einfach großartig, was die Fans hier machen“.

„Amateure, wir sind immer für euch da!“ singen die Fans im Block. Und wann kümmern sie wieder um die Profis? Es gibt Gespräche und eine Tendenz zur Rückkehr. „Wann? Diese Saison? Nächste Saison? Der Ball liegt bei 96“, sagt ein anderer Kopf der Ultras. Ausgeschlossen, dass die Fans die Regionalliga-Mannschaft in dieser Saison alleine zurücklassen. Wer die Spielpläne vergleicht, bemerkt, dass 96 versucht, Regionalliga und Bundesliga an unterschiedlichen Tagen terminieren zu lassen - damit die Fans beide Mannschaften unterstützen können. Aber so weit ist es nicht.

Das Paradies Beekestadion werden die Fans nicht gerne verlassen. Es wird mit dem Klub verhandelt. Die aktiven Anhänger wollen, dass ihre Stimme gehört wird - darauf deutete auch ein Plakat im Spiel gegen Hertha: „Wir brauchen keine Hörgeräte, wir brauchen Stimmen.“ Einig sind sich die Fans darin: Zugeständnisse oder eine Entschuldigung sind Bedingung.

Mit 96-Boss Martin Kind sind solche Bedingungen schwer vereinbar. Wer die Ultras zurückwill, muss außerdem mit der Rückkehr von Pyrotechnik rechnen. Einige Auswärtsspiele wurden von Bengalos begleitet. In der Hölle am Beekestadion wurde in dieser Saison nicht gefackelt.

„Uns spielt es in die Karten“, heißt es auf dem Deckblatt der Stadionzeitung zur bedrohlichen sportlichen Lage in der Bundesliga. „Und wir würden auch in der 2. Liga unseren Verein unterstützen, wenn … ja wenn wir nächste Saison wieder zu den Profis gehen sollten. Es bleibt abzuwarten.“

Derweil haben die Fans ihren Spaß im Beekestadion. Sie singen Lieder von früher: „Europapokal - Vierschanzentournee.“ Und was ist mit „Kind muss weg“? Wird erst nur von einer Handvoll Hamburger und erst nach Schlusspfiff von 96-Fans kurz gerufen. Hier, in der Hölle des Nordens, will sich niemand die schöne Stimmung verderben.