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Hannover 96 Groundhopping: Wie das Stadion zur Sucht wird
Sportbuzzer Hannover 96 Groundhopping: Wie das Stadion zur Sucht wird
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09:38 04.12.2014
Von Fabian Mast
ZEIGT FLAGGE: Rene Vortmann vor seinem zweiten Zuhause, der HDI-Arena in Hannover. Man erkennt ihn an den „Goltern“-Bannern - er hat sogar ein Exemplar für Länderspiele.  Foto: Petrow
ZEIGT FLAGGE: Rene Vortmann vor seinem zweiten Zuhause, der HDI-Arena in Hannover. Man erkennt ihn an den „Goltern“-Bannern - er hat sogar ein Exemplar für Länderspiele. Quelle: Florian Petrow
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Herr Vortmann, blicken wir auf den vergangenen September: Wieso verbringt jemand aus Hannover seinen Sonnabendnachmittag beim Vasas SC, einem ungarischen Zweitligisten?
In Budapest gab es ein neues Stadion, das wollten wir uns bei einem Länderspiel angucken. Und dann sind wir halt auch zu Vasas gegangen.

Und wie wars?
Ein grottiges Stadion. Es gab nur eine Tribüne. Und die Balljungen haben die Bälle nicht gefunden. Aber hinterher gabs den halben Liter in der Sportsbar für 1,20 Euro.

Das ist doch nett.
Eigentlich hätte die Fahrt nicht stattfinden dürfen, weil Deutschland in Dortmund gegen Schottland spielte - und ich bin normalerweise bei jedem Länderheimspiel. Aber in Dortmund kann man schlecht seine Zaunfahne aufhängen. Wenig Platz, man muss sie beinah hinlegen. In der Sportsbar haben wir bei der Übertragung dann festgestellt: Es wäre doch gegangen.

Nehmen wir einen anderen Trip. Mitte Mai haben Sie in drei Tagen drei Spiele gesehen: zwei in Hamburg und zwischendrin Europa League in Turin. Anstrengend, oder?
Manche Touren sind krank, hammerhart. Am Dienstag Deutschland gegen Polen in Hamburg. Danach im Auto übernachtet. Am nächsten Morgen zum Europa-League-Finale nach Turin. Am Donnerstag zurück nach Hamburg geflogen zur Relegation gegen Fürth. Der Flieger hatte vier Stunden Verspätung, wir kamen 15 Minuten nach Anpfiff an. Und wissen Sie was? Alle Spiele gingen 0:0 aus.

Gibt es eigentlich bestimmte Regeln für das Groundhopping, das Sammeln von Stadionbesuchen?
Einige reisen, um Länderspielpunkte zu machen. Andere arbeiten alle Top-Ligen ab. Mein Schwerpunkt liegt auf den Stadien der ersten drei Bundesligen in Deutschland. Das ist zugegeben relativ einfach, weil pro Jahr nur die Aufsteiger aus der vierten Liga hinzukommen. Mir fehlen noch die Stuttgarter Kickers, aber das Stadion wird derzeit umgebaut.

Und Länderspiele mögen Sie.
Ja, außerdem natürlich 96. Ich habe nur drei Heimspiele in den letzten 15 Jahren verpasst. Champions League mache ich auch immer häufiger.

Gibt es eine Liste, auf der Sie besuchte Stadien abhaken?
Es gibt Leute, die machen das. Ich hebe nur die Karten auf, die landen dann in Klarsichthüllen.

Wie viele Stadien fehlen Ihnen denn noch?
Mir fehlen noch ganz viele, gerade in Europa. Mein Problem ist: Ich fliege erst seit 2004, vorher hatte ich Flugangst. Das haben übrigens auch manche Spieler. Dennis Bergkamp zum Beispiel ist nur zu Auswärtsspielen mitgekommen, wenn man da mit dem Bus hinfahren konnte. Aber meistens fahre ich Bahn, da habe ich derzeit 6000 Bonuspunkte, die ich in Fahrscheine einlösen kann.

Wo war es bisher am schlimmsten?
Schwierige Frage. Ich war vor drei Monaten beim FSV Zwickau gegen VFC Plauen, Regionalliga Nordost. Mehrkampfanlage, nicht überdacht. In der 88. Minute setzte ein furchtbares Gewitter ein. Komischerweise ist das häufig so in Ostdeutschland: Wenn es lange 0:0 steht, fängt es irre an zu schütten.

Was sagt der Kenner über Hannover?
Ich finde das Stadion okay. Viele sagen übrigens, dass es in Hannover einen der besten Gästeblöcke der Liga gibt. Man sitzt etwas höher, nicht zu eingezwängt, Toiletten und Bierstand in der Nähe.

Man hört die Auswärtsfans derzeit ja auch ganz gut.
Ja, der Stimmungsboykott der Ultras. Selbst die Leverkusener Fans hat man neulich gehört. Ich weiß nicht genau, was unsere Leute damit bezwecken. Man merkt aber natürlich, dass die Stimmung im Stadion recht trostlos geworden ist. Aber was soll man machen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie zurückkommen. In Hoffenheim waren wir nur 300 Fans, erbärmlich für eine Großstadt wie Hannover.

Haben Sie eigentlich jemals ge-dacht: „Irgendwie absurd, mein Hobby“?
Ich habe öfter schon gezweifelt. Bin nach Hause gekommen und habe mich gefragt: „Warum bist du da hingefahren?“ Aber ein Bekannter hat mal den Satz gesagt „Immer noch besser, als wenn du gar nichts machst“. Da ist was Wahres dran.

Familienkompatibel ist das Hobby vermutlich nicht.
Ich bin ja Single. Aber ich werde bald 40, und da weiß ich, welche Gedanken an diesem Tag kommen werden: Man hätte auch anders leben können. Es ist auch nicht mehr wie früher, einige sind seltener dabei und fahren früher nach Hause. Also fahre ich manchmal allein, da kommen dann auch schon mal diese Gedanken. Aber was soll man machen, das Leben ist kein Wunschkonzert. Und die Erlebnisse vergisst man nicht.

Muss Ihre Zukünftige denn Fußballfan sein?
Ich würde mir zumindest nie verbieten lassen, 17-mal im Jahr zum 96-Heimspiel zu gehen. Aber am Sonntag nach Worms zu fahren, das würde ich vielleicht sein lassen.