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Reisereporter Zwischen Dach und Gosse der Welt
Reisereporter Zwischen Dach und Gosse der Welt
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10:19 29.11.2010
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Ein Trip nach Nepal ist eine Reise in eine andere Wirklichkeit. Zwischen Dschungel und Himalaja sind Armut und Schönheit unzertrennliche Geschwister. Buddhistische Spiritualität und westlicher Konsumterror scheinen keine Gegensätze zu sein. Auf den staubigen Straßen kämpfen Tausende ums Überleben, würden aber niemals etwas stehlen. Vier Begegnungen in Nepal.

Hanuman Baba

Auf dem Durbar Square scheint der aberwitzige permanente Verkehrskollaps Kathmandus weit weg zu sein. Dutzende buddhistischer und hinduistischer Tempel zeugen von der einstigen Pracht der Stadt, die heute ein Moloch ist und mit ihrer eigenen Entwicklung nicht Schritt halten konnte. 16 Stunden täglich gibt es wegen Netzüberlastung keinen Strom in Nepals Hauptstadt. Immer mehr Menschen strömen vom Land nach Kathmandu, auf der Suche nach Arbeit.

Von alldem ist auf dem Durbar Square nichts zu sehen; denn wer die weiträumige Tempelanlage im Stadtzentrum sehen will, muss Eintritt zahlen. Hier ist das Postkarten-Nepal, unzählige Verzierungen und Fresken der Tempel erzählen von mehr Göttern, Sagen und Mythen, als selbst der gläubigste Hindu sich jemals wird merken können. Auch Hanuman Baba kennt nur einen Bruchteil.

Baba sitzt in Sichtweite des Tempels der lebenden Göttin Kumari. Er wird bewohnt von einem Mädchen, das im Alter von vier Jahren als Inkarnation der Göttin Kumari erkannt wurde. Bis zu ihrer ersten Menstruation bleibt sie hier eingeschlossen. Draußen auf der Treppe sitzt Baba und legt zum Gruß Daumen und Zeigefinger aneinander. Sein tuchartiges Gewand ist orange wie seine Schminke und sein Bart.

Der 61-Jährige ist ein Scheinheiliger, er lässt sich am Fuß der Tempel für Geld fotografieren. Rund 300 Rupien verdient er so täglich, sagt er freundlich lachend auf Nepali. Drei Euro. Im Übrigen sei er ein echter heiliger Mann, sagt er. Mit 16 Jahren sei er Yogi geworden, nie habe er geheiratet. Dass die Götter ihm wegen der Touristenfotos zürnen könnten, glaubt er nicht, sagt er gut gelaunt. „Schließlich trage ich mit den Bildern ihre Lehre in die Welt.“

Amir Maharjan

Das kleine Dorf am Rand des Dschungels ist rund 150 Jahre alt. Niemand weiß genau, woher seine Bewohner stammen. Die Häuser sind aus Lehm gebaut, die Dächer mit Gras gedeckt. Eine brusthohe Mauer in ihrem Inneren trennt den Stall vom Wohnbereich ab, in dem gekocht und geschlafen wird. Keine Türen, keine Privatsphäre. Wasser liefert der Dorfbrunnen, und wenn manche Hütten nicht die Stromleitung an der Hauptstraße anzapfen würden, die Dorfbewohner würden wie in der Steinzeit leben.

Ein Stacheldrahtzaun soll die Nashörner, Wasserbüffel und Tiger vom Dorf fernhalten. Hinter dem Zaun, in Sichtweite des Dorfes im Chitwan Nationalpark, liegt das Machan Paradise Resort. Hier arbeitet Amir Maharjan als Manager. Der 26-Jährige und seine Mitarbeiter zeigen Touristen den Dschungel – zu Fuß, auf den Rücken von Elefanten oder auf den Dächern von Landrovern. Und er sorgt dafür, dass die Tiere den Gästen nicht näher kommen als erwünscht.

Aber Amir hat noch eine Aufgabe. In seiner Freizeit hilft er den Bewohnern des Dorfes. Der 26-Jährige versucht die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Er plant ein Gebäude, das Dorfschule und -gemeinschaftshaus zugleich sein soll – und verteilt Bilderbücher, die er bei Hilfsorganisationen sammelt. „Fehlende Englischkenntnisse sind das Hauptproblem“, sagt Amir. Ohne Englisch komme kaum ein Nepalese über den Status eines Hilfsarbeiters hinaus.

Nepal ist eins der ärmsten Länder der Welt, die Kraft der öffentlichen Hand reicht nicht aus, um jedem Kind eine Chance auf Bildung zu bieten. Aber im ganzen Land gibt es Menschen wie Amir, die versuchen, in ihrer Umgebung zu helfen, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.

Reinhold Messner

Neun Tage Rundreise durch Nepal – immer wieder in Sichtweite der Eisriesen des Himalajas. Aber die Zeit reicht nicht für einen Besuch auf dem Dach der Welt. Denn allein die Gewöhnungsphase an die Höhe dauert mehrere Tage. Doch Buddha Air fliegt jeden Morgen mehrmals von Kathmandu aus mit kleinen Propellermaschinen zum Mount Everest und zurück. Eine gute Stunde dauert der Flug in Gipfelhöhe, Kosten: rund 100 Euro.

Wie ein aufgepeitschtes Meer aus Fels und Eis ziehen die von der Sonne angestrahlten Riesen unter den Fenstern hinweg. Der Shisha Pangma (8013 Meter), der heilige, nie bestiegene Berg Dorje-Lakpa (6966), der Cho-Oyo (8201). Dann ruft Flugkapitän Thapa mich ins Cockpit. Wir fliegen auf eine riesige Pyramide zu, die deutlich alle anderen Berge überragt. Sargamantha, der Mount Everest, 8848 Meter hoch, thront grimmig über dem Rest der Welt. Neben ihm der Lhotse, 8516 Meter. Der Berg scheint zum Greifen nah, als die Maschine für den Rückflug wendet.

Als ich den Flughafen Kathmandu verlasse, grübele ich, ob ich tatsächlich am Everest war. Schließlich kann auch niemand behaupten, er sei in Paris gewesen, nur weil er es überflogen hat. Just in dem Moment kommt der Mann auf mich zu, der diese Frage so kompetent beantworten kann wie niemand sonst. Reinhold Messer führt mit Trekkinghose, kariertem Hemd und Rucksack eine Reisegruppe in den Flughafen.

Wir unterhalten uns ein paar Minuten, und Messner brummelt die Antwort auf meine Frage mürrisch in seinen Bart: Natürlich sei man nicht dort gewesen, erklärt mir Messner. Auf den Everest müsse man schon zu Fuß gehen. Es muss ja nicht gleich bis auf den Gipfel sein, und ohne Sauerstoffgerät, wie er es 1978 tat.

Sangita

Die sanfte Hügelwelt rund um den Begnas Lake nahe Pokhara bewandert man am besten am frühen Morgen, wenn die Sonne noch nicht so unerbittlich niederbrennt. Eine Stunde liege ich auf einem Berggipfel im Gras und schaue auf das leuchtend weiße Annapurna-Massiv in der Ferne. Gegen 12 Uhr ist die Hitze da.

Beim Abstieg verlaufe ich mich im Wirrwarr der Trampelpfade. Ich sitze über der Karte, als sie plötzlich vor mir steht: Eine junge, schlanke Frau mit leuchtend rotem Sari, bronzefarbener Haut und langem schwarzen Haar. Wie in einem Bollywood-Film. Ob sie helfen könne, fragt sie, und ihre Augen blicken ebenso freundlich wie neugierig. Kann sie.

Ihr Vater hat ein Boot, damit kann er mich über den See zu meinem Hotel bringen. 500 Rupien. „Das ist viel Geld“, sage ich. „Nicht für dich. Das ist der Preis“, sagt sie. 20 Jahre alt ist sie, spricht gebrochen Englisch und heißt Sangita. Sie führt mich hinunter zum See, ihr Gang ist leicht und wiegend – trotz Flip-Flops. Sangitas Haaransatz ist rot gepudert, als Zeichen ihrer Ehe. Sie will wissen, wieso ich nicht verheiratet bin, ob ich ein Auto habe, ob ich in einer Stadt wohne und wie schlimm die Kälte in Europa ist. Jeder, dem wir begegnen, macht einen offensichtlich anzüglichen Scherz, Sangita antwortet keck lachend auf Nepali.

An einem niedrigen, weiß getünchten Bau verabschieden wir uns. Sie ist Lehrerin an der kleinen Dorfschule. Sangita hat nicht studiert, aber sie hat die Schule besucht. Das reicht, um zu unterrichten. Zum Abschied drückt sie mir fest die Hand, dann verschwindet jeder von uns wieder in seine Welt. In zehn Minuten beginnt ihr Unterricht, eine Stunde später bin ich zurück im Begnas Lake Resort. Bei einem Drink am Pool erzählt ein norwegischer Diplomat, dass Nepal für ihn eins der faszinierendsten Länder der Erde ist. Ich finde keine Worte, um zu antworten.

Rüdiger Meise