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Reisereporter Zum Warmbaden in die Wüste
Reisereporter Zum Warmbaden in die Wüste
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17:13 28.10.2010
Ehrung in Bronze: Der Historiker Joseph Roy steht vor dem Morenga-Denkmal am Soldatenfriedhof in Warmbad.
Ehrung in Bronze: Der Historiker Joseph Roy steht vor dem Morenga-Denkmal am Soldatenfriedhof in Warmbad. Quelle: Nortrup
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Es sind vielleicht noch 60 Kilometer bis zur südafrikanischen Grenze. Der letzte Wegweiser ist schon lange her. Die Luft flirrt. Das Land ist karg, ja mehr noch: Es ist wie entleert. Die Sonne brennt unerbittlich, der Bus fährt Kilometer um Kilometer auf schnurgeraden Pisten. Gegenverkehr gibt es praktisch nicht, kaum jemand fährt so tief in Namibias Süden. Man kann ohne Hustenreiz kaum noch atmen, im Fahrzeuginneren zirkuliert Staub, dass es einem fast die Sicht raubt. Halb dösend werde ich Teil des Buches, das ich gerade lese.

„Was für eine unsinnige Redewendung, dachte Gottschalk, ins Gras beißen, wo es hier doch nur Sand und Steine gibt.“

Der brillante Roman „Morenga“ von Uwe Timm spielt genau in der staubigen Landschaft, durch die unser Bus zuckelt. Gottschalk, die fiktive Hauptfigur des historischen Romans, ist Veterinär im Militärdienst. Als die Hereros 1903 gegen die Kolonialmacht aufbegehrten, wurde er in das deutsche Schutzgebiet „Südwest“, das heutige Namibia, versetzt. Zweifel an der erfolgreichen Niederschlagung der „Hottentotten“, wie die Deutschen ihre Gegner abfällig nannten, waren unerwünscht, das wurde Gottschalk schnell klar.

Dabei gab es guten Grund, die Herero-, Nama- und Bondelzvaart-Stämme zu fürchten – denn sie hatten einen klugen und mutigen Anführer. Immer wieder lockte Jakob Morenga die kaiserlichen Truppen in blutige Hinterhalte. Immer wieder erbeutete er Vieh, um seinen Getreuen Nahrung zu sichern. Sie nannten ihn den „schwarzen Napoleon“, die deutsche Regierung hatte 25 000 Reichsmark Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er war eine Legende.

„Zuweilen unterhielten sich, nebeneinander reitend, Tresckow und Gottschalk. Tresckow sagte, er habe sich das alles anders vorgestellt, den Krieg hier unten. Er dachte, man verteidige das Vaterland, aber genau genommen seien es die Hottentotten, die ihr Vaterland verteidigten. Zuweilen frage er sich, was er hier überhaupt zu suchen habe. Was ist das für ein Feldzug, in dem man versucht, dem Gegner die Ochsen abzujagen, auf Frauen und Kinder schießt und ihnen die Hütten anzündet.“

Der Bus passiert das Ortsschild von Warmbad. Der Name klingt romantisch, er ist Musik für unsere Ohren. Während des Aufstands (1903 – 1907) allerdings war Warmbad ein Militärstützpunkt der Reichstruppen. Der Ort, von dem aus man Morenga stellen wollte. Mit ihm sollte auch die Guerillataktik begraben werden, die Morenga mit seinen Leuten in den Karras-Bergen um Warmbad anwandte.

Auf der Fahrt hatten wir an einem der zerklüfteten Hügel gehalten, und fühlen uns dem Krieg plötzlich ganz nah. Das Bild des deutschen Soldaten, der sich in der Gluthitze mit Marschgepäck über die Ebene schleppt, stand uns deutlich vor Augen. Hinter jedem größeren Stein kann sich hier ein Schütze verstecken.

„Die Abteilung sitzt wieder fest. Schützenketten werden gebildet, die Geschütze gehen in Stellung, aber vom Feind ist nichts zu sehen. Es ist ein wolkenloser Tag. In dem sackartigen Tal ist es absolut windstill. Der Sand glüht. Die Reiter bekommen trotz der Korduniform Brandblasen an Knien und Ellenbogen. Wollen sie schießen, müssen sie sich aufrichten, während die Aufständischen gut gedeckt von oben schießen.“

Der Krieg ist Geschichte, die Menschen haben andere Probleme. In Warmbad leben ein paar Hundert Einwohner, für die es keine Arbeit gibt. Viele von ihnen sind Bondelzvaarts, Angehörige eines Unterstamms der Nama, deren kunstvolle Sprache vier Klicklaute enthält. Ihre Vorfahren haben einst den Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren angeführt. Ein Museum soll daran erinnern – es ist seit Kurzem auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Forts untergebracht.

„Die Bondelzvaarts entdeckten im 14. Jahrhundert die Thermalquelle“, erklärt Historiker Joseph Roy, der die Geschichte aus der Sicht seines Volkes darstellen will. „Thexa-aibes“, Ort voller Dampf, nennen sie ihre Stadt. Aus der Quelle sprudelt bis heute 65 Grad warmes Wasser – Menschen und Ziegen tranken es früher bei Magenbeschwerden. Künftig soll eine kleine (Warm-)Badeanstalt Touristen in den kleinen Ort im Süden Namibias führen – ob allerdings heißes Wasser mitten in der Wüste, bei 40 Grad Außentemperatur, wirklich eine Attraktion für Reisende sein kann?

Da lockt doch eher die hautnahe Begegnung mit deutscher Geschichte. Beim Rundgang durch die Stadt startet wieder der Film in meinem Kopf. Die flimmernde Hitze. Das Fort, von den Deutschen erbaut. Die Kirche der Rheinischen Mission, das Missionarshaus. Die Gräber. Hunderte von Gräbern. Junge Kerle, in Spandau oder Ostfriesland geboren, fanden hier ihre letzte Ruhe.

Vor einigen Monaten wurde ein Denkmal zu Ehren von Morenga aufgestellt. Ein markantes Porträt des Kriegsstrategen, mit breitem Hut und Gewehr. Er soll den kaiserlichen Offizieren besonders aufgefallen sein, weil er keine Grausamkeiten gegenüber den gefangenen Deutschen verübte. Und weil er höflich in Briefen darauf hinwies, dass man in Deutschland doch ausreichend Land habe und nicht auch noch das Gebiet seines Volkes besitzen müsse. Im September 1907 wurde er von britischen Truppen im Grenzgebiet zu Südafrika erschossen.

„Gottschalk hatte in Warmbad oft darüber gegrübelt, dass vieles, was man dachte und wie man dachte, nicht mit dieser Landschaft zusammenpasste. Eine Zeitlang ging er dem verrückten Gedanken nach, aus der Landschaft und von den Einwohnern ein neues Denken zu lernen, mit dessen Hilfe man alles anders sehen könnte, tiefer und genauer.“

Von Alexander Nortrup

Anreise
Air Namibia fliegt fünfmal pro Woche nonstop von Frankfurt/Main nach Windhoek – die An- und Abreise zum Flughafen Frankfurt ist per „Rail&Fly“ im Ticket inklusive (hin und zurück ab 940 Euro). Deutsche Staatsbürger brauchen kein Visum.

Reisezeit
Namibia ist grundsätzlich ein Ganzjahresziel, besonders angenehm ist der namibische Herbst von März/April bis Juni/Juli: Tagsüber nicht zu heiß, nachts nicht zu kalt, und die Tiere kommen nach der Regenzeit (Januar bis März) wieder an die Wasserstellen.

Tour
Elangeni Reisen bietet eine individuell zusammengestellte 14-tägige Reise durch den Süden Namibias ab 1775 Euro inklusive Flug, Unterkunft und Mietwagen an. www.elangeni.de
Bei KL-Reisen kann man einen vergleichbaren Trip ab 1990 Euro buchen.
www.kl-reisen.de

Literatur
Uwe Timm: „Morenga“, dtv, 10,90 Euro, ISBN 978-3423127257.

23.11.2010
Stefan Stosch 23.11.2010
23.11.2010