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Reisereporter Yes, african!
Reisereporter Yes, african!
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11:20 17.06.2010
Musiker in Kapstadt
Musiker in Kapstadt Quelle: Fröhlich
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Ray aus Botswana trägt das gelbe Trikot der südafrikanischen Fußballmannschaft, eine Clownsbrille und bläst unaufhörlich in seine Vuvuzela, die berühmt-berüchtigte Fantröte der südafrikanischen Fußballfans. Ohne Umschweife kommt er auf die Besucher aus Deutschland zu. „Oli Kahn ist der beste Fußballer aller Zeiten“, sagt er.

Wir sind da zwar anderer Ansicht, aber Ray lacht und zeigt uns einen Händedruck nach botswanischer Tradition, bevor er wieder in der Menge verschwindet. Weit mehr als 50.000 Fans schieben sich über die Long Street, Kapstadts kultiger Partymeile, um an diesem Dezemberabend die Auslosung zur Fußballweltmeisterschaft zu feiern.

Vor der Großbildleinwand, auf der die Auslosungszeremonie live aus dem Kongresszentrum übertragen wird, tobt das Volk. Das seit der deutschen WM sprichwörtliche Sommermärchen haben die Südafrikaner einfach vorgezogen. Italienische, spanische, englische und holländische Fußballtrikots mischen sich mit den allgegenwärtigen gelben Shirts der südafrikanischen Nationalmannschaft, Menschen aller Hautfarben bringen sich gegenseitig ihre Schlachtrufe bei.

Der neueste im WM-Land Südafrika lautet frei nach Barack Obama „Yes african“ – und richtet sich an die Skeptiker, die den Afrikanern die Ausrichtung des Großereignisses nicht zugetraut haben. Doch selbst viele weiße Kapstädter aus dem Villenviertel Green Point hat es an diesem Abend auf die Straße getrieben, obwohl die eher dem Rugby und dem Kricket zugeneigt sind. Ihr anfänglicher Unmut über das gut 300 Millionen Euro teure Stadion am Fuß des Tafelberges, für das ihr Golfplatz weichen musste, gehört der Vergangenheit an.

Mittlerweile sind so gut wie alle Kapstädter stolz auf das luxuriöse Bauwerk des Hamburger Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner, das drei der fünf neuen Arenen am Kap geplant hat. Auch die Skepsis darüber, ob überhaupt alle Arenen zur WM fertig werden, ist schon lange verstummt: Im vergangenen Jahr sind die Stadien eröffnet worden – das Kapstädter Green-Point-Stadion sogar schon Monate vor der geplanten Fertigstellung.

Über die Garden Route nach „PE“

Port Elizabeth hat die Generalprobe bereits bestanden: Im vergangenen Jahr war die Stadt am Ostkap Austragungsort für den Konföderationen-Cup. Das Nelson-Mandela-Bay-Stadion im idyllischen Prince Alfred Park hat Platz für 50.000 Zuschauer. Das Zentrum der Autoindustrie, in dem Mercedes, Volkswagen und General Motors produzieren, besticht zwar eher durch Betonklötze und verschlungene Hochstraßen als durch Charme, ist aber eine beliebte Zwischenstation für touristische Touren.

In „PE“, wie Port Elizabeth von den Einheimischen kurz genannt wird, werden auch zur WM all die Besucherströme erwartet, die über die berühmte grüne Garden Route kommen. Wegen der Nähe zu Kapstadt hat man in Port Elizabeth offenbar darauf verzichtet, die Stadt fürs große Fest vorzubereiten. Der Flughafen ist nahezu der einzige des Landes, der nicht generalüberholt worden ist.

Sommermärchen in Durban

Vielleicht gehen die WM-Organisatoren auch davon aus, dass die Besucher schnell ins 500 Kilometer östlich entfernte Durban fliehen. Die Millionenstadt am Indischen Ozean empfängt mit tropischer Hitze. 300 Tage im Jahr scheint hier die Sonne, während andernorts die Besucher im Juni und Juli Temperaturen im einstelligen Celsiusbereich erwarten.

An Durbans Strandpromenade rund um das neue King-Senzangakhona-Stadion will man deshalb das größte Fanfest des Landes feiern. Die Architekten von Gerkan, Marg und Partner haben der Arena zwei spektakuläre Stahlbögen und eine Aussichtsplattform verpasst, in der Nacht soll das „Körbchen“ illuminiert werden. Rundherum ist ein Sportpark für Tennis, Golf, Kricket und Autorennen entstanden, über mehrere Großbildschirme sollen die Fans die Fußballspiele verfolgen können. „Für uns geht ein Traum in Erfüllung“, schwärmt Stadtplanerin Julie-May Ellingson, die mit ihrem Team in einem ehemaligen Schulgebäude Quartier bezogen hat, in dem auch die Pläne für eines der ehrgeizigsten Verkehrsprojekte zusammenlaufen: Die 24.000 Minibusse sollen durch Linienbusse mit Kameraüberwachung ersetzt werden.

Die Stadt muss einiges für ihren Ruf tun, seit Jahren gilt sie als Hochburg für Kriminalität und ist deshalb von den Südafrikanern als Urlaubsmekka zunehmend gemieden worden. Und das, obwohl es von hier aus nur ein Katzensprung in die bekannten Naturschutzgebiete des KwaZulu-Natal oder in die Drakensberge ist.

Stählerne Giraffen in Nelspruit

Weiter nordöstlich im berühmten Krüger-Nationalpark ist der Zulauf dagegen ungebrochen. Das mit 20.000 Quadratkilometer größte Wildtierschutzgebiet Südafrikas lockt Jahr um Jahr Zehntausende Safaribegeisterte. Wer den Park durch eines der vier Tore im Süden passieren will, kommt zwangsläufig durch Nelspruit, eine beschauliche Stadt mit vier Hauptsstraßen – die neuerdings auch über ein Fußballstadion verfügt.

Die afrikanischen Architekten haben das Mbombela-Stadion der reichen Tierwelt in der Nachbarschaft angepasst, seine stählernen Träger muten Giraffenköpfen an. Nelspruit hat zwar außer Höhlen und Mangoplantagen für Touristen nicht viel zu bieten. Die WM-Organisatoren erhoffen sich aber, dass in Zukunft auch das Nachbarland Mosambik das Stadion mit den 46.000 Plätzen für seine Fußallspiele bucht. Mit Blick auf die wenigen Hotels könnte es allerdings eng in Nelspruit werden.

Johannesburg wird sicher – zumindest auf Zeit

Von größeren Umbaumaßnahmen des Stadions wurde in Pretoria, dem Regierungssitz Südafrikas, abgesehen. Gleiches gilt für die Stadien in den Austragungsorten Bloemfontain, Rustenburg und Polokwane, die mit geringen Ausbauten lediglich auf WM-Status gebracht worden sind. Die drei Städte im Landesinneren sind vor allem von Landwirtschaft geprägt und liegen – bis auf das Kasino- und Vergnügungsviertel „Sun City“ in Rustenburg - eher abseits der Touristenströme.

Von WM-Stimmung ist dort nicht viel zu spüren. Im quirligen Johannesburg ist die WM dagegen täglich präsent. Die Sechs-Millionen-Einwohnermetropole ist mit gleich zwei Stadien Hauptaustragungsort. Das steht dem coolen „Joburg“ mit seiner trendigen Klub- und Kulturszene zwar gut.

Die Stadt hat aber zugleich statistisch gesehen eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt. Zum Fußballereignis soll sie sich deshalb in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln: 30.000 zusätzliche Polizisten, mobile Wachen, Schnellgerichte sind geplant. Und schließlich hofft man darauf, dass sich die Kriminellen wegen der Polizeipräsenz fünf Wochen Auszeit vom Alltag nehmen. „Wir werden keine Now-Go-Areas haben. Wir wollen, dass die Besucher überall hingehen können“, sagt die WM-Direktorin der Stadt Johannesburg, Sibongile Mazibuko. Es hat wohl auch symbolischen Charakter, dass der südafrikanische Fußballverband sein neues Gebäude gleich vor die Tore Sowetos gesetzt hat.

Im größten Township Südafrikas, in dem auch die Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela und Desmond Tutu residieren, hat der südafrikanische Fußball seine Heimat. In Zeiten der Apartheid war es für viele die einzige Möglichkeit, sich aus der Hoffnungslosigkeit herauszudribbeln, hier gründete sich einst die illegale Nationalmannschaft Black Eleven. Nun ist in der Nachbarschaft mit dem Soccer-City-Stadion die größte Arena zur WM errichtet worden, 95.000 Fans sollen dort sowohl das Eröffnungsspiel wie auch das Finale sehen können.

Bei der Auslosung hat Südafrika Pech gehabt. Die nicht gerade ruhmreiche Nationalmannschaft Bafana muss ihr erstes Spiel gegen Mexiko bestreiten, und danach gegen Frankreich antreten - schlimmer konnte es für die Gastgeber kaum kommen. Doch auf der Fanmeile in Kapstadt ist das Entsetzen über das „Monster-Los“ schnell der allgemeinen Partylaune gewichen.

Von Sonja Fröhlich

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