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Reisereporter Wild, wild Wales
Reisereporter Wild, wild Wales
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20:28 12.06.2009
Von Nicola Zellmer
Wandern und reiten ohne Grenzen: Snowdonia ist mit 2171 Quadratkilometern der größte Nationalpark in Wales.
Wandern und reiten ohne Grenzen: Snowdonia ist mit 2171 Quadratkilometern der größte Nationalpark in Wales. Quelle: Visit Wales
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Das Navigationsgerät gibt schon kurz hinter dem Dorf Penmachno auf – und ohne die Beschreibung im Internet wäre die Ty Coch Farm im nordwalisischen Snowdownia-Nationalpark wohl kaum zu finden. Der Weg führt steil ansteigend durch die Wälder, dann als schmale Schotterpiste in ein einsames Tal. Neben der Farm gibt es einen Stall, wo Kaija, Conny und Janzo warten. Die 21-jährige Kaija arbeitet seit ihrem Abschluss als Pferdewirtin für den Betrieb von Cindy Morris und begleitet Reitgäste auf der eigenwilligen Welsh-Cob-Stute Conny.

Auch Janzo ist ein Pferd für Fortgeschrittene: ein brauner Vollblutwallach mit dünnem Hals und langen Beinen, der nach seiner Rennkarriere in Ty Coch gelandet ist. Wie viele Waliser ist Kaija anfangs verschlossen und redet nur das Nötigste. Rund sechs Stunden würden wir unterwegs sein – inklusive einer Rast im Pub, sagt sie beim Start. Also kraxeln wir zu Pferd aus dem Tal und tauchen für Stunden ein in den Zauberwald von Snowdonia.

Im Galopp durch dichte Wälder

Nichts ist zu hören außer dem gleichmäßigen Klackern der Pferdehufe und ab und zu einem Schnauben. Rechts und links vom Weg drängen sich Bäume, Sträucher, Moospolster, Gräser und Wildblumen. Der Wald ist so dicht, dass der Blick nur ein paar Meter weit hineinreicht. Nach einem Regenschauer steigt plötzlich Nebel auf – und man fragt sich, wann wohl die bestimmt vorhandenen Zwerge, Feen und Zauberer aus dem Schatten der Bäume treten. Vor einer Anhöhe dreht sich Kaija um. „Fertig zum Galopp?“, fragt sie knapp, und als kein Widerspruch kommt, lässt sie Conny einfach laufen.

Auch Janzo drängt hinterher und zeigt, dass Tempo nicht auf die Rennbahn beschränkt sein muss. Mittags kommen wir ins sympathische Dorf Dolwyddelan, binden die Pferde vorm Pub an und bestellen drinnen bei Diana Baguette mit Minutensteaks. An der Theke taut Kaija etwas auf, erzählt von der Familie und ihrer Liebe zu den Wäldern. In Snowdonia könne man ohne Limit reiten, sagt sie. Von den drei Nationalparks in Wales ist der 1951 gegründete Snowdonia-Park mit 2171 Quadratkilometern der größte – und er umfasst mit dem 1085 Metern hohen Snowdon zudem den höchsten Berg in Wales.

Auch wer nicht reiten mag, kann dort die Natur beim Wandern, Klettern oder Radfahren genießen. Als Ausgangspunkt dafür bietet sich beispielsweise das Städtchen Betws-y-Coed an. Auch das weiter südlich gelegene Beddgelert ist einen Besuch wert. Dort liegt nämlich buchstäblich der Hund begraben. Der Legende fand Prinz Llywelyn eines Tages seinen Hund Gelert blutverschmiert und die Wiege seines Sohnes leer. Wutentbrannt stieß er sein Schwert in Gelerts Herz. Erst danach bemerkte er das Kind unversehrt und daneben einen Wolf, den sein Hund getötet hatte. Aus Scham und Trauer begrub Llywelyn Gelert mit Ehren. Sein Grab ist heute noch Hauptanziehungspunkt im Ort.

Reich an Geschichte(n)

Überhaupt ist Wales reich an Geschichte und Geschichten. Und die lassen sich auch zu Pferd erkunden. Beispielsweise auf der Insel Anglesey, wo das Tal y Foel Riding Centre Ausritte direkt an der Wasserstraße Menai Strait anbietet, die Anglesey vom Festland trennt. Zwar steht der „Historienritt“ zurzeit gerade nicht auf dem Programm. Aber wer mit der Reitlehrerin Gina über saftige Wiesen reitet, kann bei klarem Wetter direkt nach Caernafon hinübersehen. Dort thront die 1283 errichtete Burg unübersehbar über dem Hafen: die Hauptbastion des englischen Königs Edwards I. gegen seine Feinde. Fast ein Dutzend Burgen hatte Edward an der walisischen Küste gebaut oder bauen lassen – diese Verteidigungslinie kam ihn billiger als ein weiterer langer Krieg gegen walisische Könige und ausländische Angreifer.

Heute sind die mehr oder weniger gut erhaltenen Gemäuer meist Touristenattraktionen ohne offizielle Funktion. Caernafon bildet eine Ausnahme: Dort wurde 1969 der britische Prince Charles zum Prince of Wales gekrönt. Beim Erklettern von Türmen und Mauergängen lässt sich noch heute nachvollziehen, wie trutzig Edwards Burgen einst gewesen sein müssen. Ein sehenswertes Beispiel bietet auch die Burg im nahen Conwy, wo es noch die Reste von Kapelle und Versammlungssaal gibt. Und auf Anglesey lohnt ein Besuch in Edwards letzter und unvollendeter Festung, in der Burg Beaumaris, die einst als uneinnehmbares Bauwerk konzipiert worden war.

Als Kontrapunkt zu seiner bewegten Geschichte glänzt der Norden von Wales mit atemberaubenden Landschaften, in denen sich schroffe Berge mit wild wuchernden Wäldern und Gärten und wunderschönen Sandstränden abwechseln. Mit 27 preisgekrönten Sandstränden gilt etwa die Insel Anglesey als Paradies für Wassersportler wie Surfer oder Kanuten. Für die Schönheit ihrer Küste ist auch die weiter südlich gelegene Halbinsel Llyn bekannt. Von der eher unspektakulären Hauptstadt Pwllheli aus lässt sich jeder Winkel der touristisch wenig bekannten Halbinsel entdecken. Da gibt es etwa den Ort Porthdinllaen mit nur 18 Häusern, dessen Pub „Ty Coch Inn“ im Internet mit Attraktionen wie „auf der Mauer zum Strand sitzen“ wirbt. Wer es belebter mag, findet ein paar Kilometer weiter das moderne Wassersportzentrum Abersoch. Und Gourmets kommen in Plas Bodegroes nahe Pwllheli auf ihre Kosten, wo Chris und Gunna Chown in einem restaurierten gregorianischen Landhaus eine der besten Küchen von Wales führen.

Ein Architektentraum

Pferdefreunde wiederum erhalten im Pen Llyn Riding Center klassischen Dressurunterricht auf gut ausgebildeten Lusitanos und gemütliche Ausritte in die nahen Berge, von wo aus man bis hinüber nach Irland sehen kann. Pen-Llyn-Besitzerin Marcia Pendlebury arbeitet seit 14 Jahren mit den portugiesischen Traumpferden und gehört damit zu den Pionieren der Lusitanozucht in Großbritannien. Erfahrene Schulmeister wie der schneeweiße Mercurio bringen nicht nur Reitschülern das Einmaleins der Dressur bei, sondern treten auch in Filmen wie „Prinz Caspian von Narnia“ in Shows und Reitveranstaltungen auf.

Wer die Halbinsel verlässt, sollte dabei auf keinen Fall einen Besuch in Portmeirion verpassen. Dieses künstliche Dorf war der Lebenstraum des 1978 verstorbenen Architekten Clough Williams-Ellis. Er wollte beweisen, dass eine natürlich schöne Landschaft durch Bebauung noch gewinnen kann. Den bestgeeigneten Ort dafür fand er in einer Bucht nahe der Stadt Porthmadog. Dort errichtete er ein italienisch anmutendes Phantasiedorf, das noch heute zum Lustwandeln einlädt.

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