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Reisereporter Wasserrauschen am Ground Zero
Reisereporter Wasserrauschen am Ground Zero
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08:07 21.11.2011
Die Wasserbecken sind den ehemaligen Grundrissen der Twin Towers nachgebildet.
Die Wasserbecken sind den ehemaligen Grundrissen der Twin Towers nachgebildet. Quelle: Schmidt
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New York

Einmal die Augen schließen. Die im Sonnenlicht gleißenden Fenster der Wolkenkratzer rund um Ground Zero ausblenden. Nichts sehen. Nur hören. Lauschen, was einem die Stadt zu sagen hat. Der Sound der City ist neu. Zumindest an dieser Stelle. Denn New York City klingt normalerweise anders: Man hört den Lärm der Straße, das durchdringende Sirenenheulen eines Krankenwagens, am Broadway die Stimmen der Menschen oder auch die hektischen Schritte von Passanten. Das mit beruhigender Gleichmäßigkeit Rauschen zweier Wasserfälle erwartet man nicht.

Am 11. September ist die Gedenkstätte, das „9/11 Memorial“, eröffnet worden. Es erinnert an die knapp 3000 Menschen, die bei den Terroranschlägen auf die beiden Hochhäuser des World Trade Centers (WTC), des Pentagons und bei Shanksville ums Leben kamen sowie an die sechs Personen, die beim Anschlag 1993 auf das WTC gestorben sind. Dort, wo früher die beiden Hochhäuser standen, rauschen nun zwei Wasserfälle in die Tiefe. Rundherum hat der Designer des Memorials, Michael Arad, Handläufe aus Bronze gestaltet, in denen die Namen der Gestorbenen eingraviert sind.

Auf dem Geländer um den nördlichen Wasserfall finden sich die Namen derjenigen, die im nördlichen WTC-Turm gearbeitet oder ihn gerade besucht haben, derjenigen, die beim Bombenattentat am 26. Februar 1993 ums Leben kamen sowie der von Crew und Passagieren des American Airlines Fluges 11. Auf dem Handlauf des südlichen Wasserfalles sind die Namen derjenigen, die im südlichen WTC oder im Pentagon gearbeitet haben oder zu Besuch waren, Crew und Passagiere der American Airlines Flüge 77 und 93 sowie derjenigen Helfer, die mit der „9/11 Heroes Medal of Valor“ vom Weißen Haus am 9. September 2005 ausgezeichnet wurden.

Michael Arad hat die Wasserfälle streng geometrisch an den Grundrissen der ehemaligen Hochhäuser des WTC ausgerichtet. In zwei Stufen rauscht das Wasser in die Tiefe. Unweigerlich wird der Blick immer wieder hinunter gezogen. Gleichzeitig ist Baustellenlärm zu hören. Nebenan sind die Aufbauarbeiten längst im Gange. Hinter einem hohen, zum Teil verhängten Bauzaun sind Bagger und Kräne im Einsatz. Und vielleicht ist es gerade diese Mischung aus den Geräuschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – hier das ruhige Rauschen, dort das geschäftige Arbeiten – so amerikanisch wie es sich nur selten an einem Punkt konzentriert.

Ebenso streng geometrisch haben die Landschaftsarchitekten des Büros Peter Walker und Partner zwischen den beiden Wasserfällen Eichenbäume in klaren Reihen gepflanzt. Sie haben sich bewusste für diese Baumart entschieden: Zum einen sind die Bäume aufgrund ihrer hohen Lebensdauer nicht nur ein Symbol für Beständigkeit, sondern setzen auch ein Zeichen für permanente Veränderung und Erneuerung: im Herbst verfärben sich ihre Blätter langsam von Ocker bis Goldfarben, bevor sie hinunterfallen.

Ein Baum war es auch, der die „St. Paul’s Chapel“ vor Schäden rettete. Die kleine Kirche ist eine der ältesten Manhattans. Sie wurde 1766 eröffnet. Bis 2001 trennte sie nur die Church Street von den beiden Türmen des WTC. Als diese einstürzten, fing der Baum Schutt, Staub und Asche ab. St. Paul’s blieb unbeschädigt. Sie selbst wurde zu einem Zeichen der Hoffnung und zu einem Zufluchtsort für die rund 14.000 freiwilligen Helfer, die an den Bergungsarbeiten teilnahmen. Hunderte von Menschen fanden dort nicht nur medizinische Betreuung, sondern auch einen Platz zum Ausruhen.

„Kevin, miss you buddy“

Im Innern der Kirche steht gleich links neben dem Eingang ein Tisch, auf dem nicht nur ein schlichtes Holzkreuz steht – die Fläche ist über und über mit Briefen, Abzeichen und Erinnerungsstücken belegt. Das Abzeichen eines Polizisten des spanischen „Cuerpo Nacional de Policia“ ist genauso dabei wie eins von „Portland Fire“ oder auch der Berufsfeuerwehr aus Halle/Saale. „Kevin, miss you buddy“, steht auf einem linierten Blatt Papier, das aus einer Kladde herausgerissen worden ist. Der Absender muss sich spontan überlegt haben, eine Nachricht zu hinterlassen. Es ging ihm wahrscheinlich wie vielen Menschen, die „St, Paul’s“ besuchen. Sie erwarten nicht die Wirkung, die dieser Ort haben könnte, der durch alle Medien ging und einem bekannt zu sein scheint.

Zurück auf der Church Street lärmen einem die bekannten Geräusche dieser Stadt entgegen. Ein Blick über den Bauzaun auf Ground Zero. Im kommenden Jahr soll dort auch ein Museum eröffnet werden. Dazu werden noch immer persönliche Dinge wie Briefe oder auch Sprachnachrichten von den Personen für die Ausstellung gesucht, die bei den Anschlägen ums Leben kamen. Im Internet kann man seine eigene persönliche Geschichte hinzufügen, sich erinnern, wie man den Tag erlebt hat, wo man war, was man gerade gemacht hat.

Entstehen soll ein Mosaik aus Erinnerungen, die diesen Tag vielleicht deutlicher darstellen als alles andere. Dann könnte es wirklich so werden, wie ein Besucher auf Facebook geschrieben hat: „9/11 endet nicht mit 9/11. Mit der Zeit werden die unerzählten Geschichten dieses Tages den Tag beschreiben, der die Geschichte verändert hat.“

Es sind unerhörte Geschichten. Sie werden den Blick auf New York verändern wie das Rauschen der beiden Wasserfälle die Musik dieser Stadt schon verändert hat.

Heike Schmidt