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Reisereporter Wasser, ungesalzen
Reisereporter Wasser, ungesalzen
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11:24 17.06.2010
Die Mackinac Bridge in Michigan Quelle: greatlakes.de
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Seltsame Bräuche haben die Menschen auf der Halbinsel Door County: Im Sommer versammeln sie sich um brodelnde Kessel, unter denen mächtige Holzscheite lodern. Alle halbe Stunde ruft der schwitzende Kesselchef mit warnender Stimme "Boil over", und dann sollte man tunlichst ein paar Schritte zurücktreten. Sekunden später schießt eine Stichflamme empor, die anderswo die Feuerwehr auf den Plan rufen würde. Hier nicht: Auf der lieblich-grünen Halbinsel an der Westküste des Lake Michigan wird das traditionelle "Fischboil"-Essen zubereitet.

Man gebe Zwiebeln, Gewürze, viel Salz, Kartoffeln sowie Stücke von Hecht oder Lachs in einen Kessel mit kochendem Wasser. Wenn alles gar ist, wird das Feuer mit Spiritus angefacht. Das oben schwimmende Fischfett kocht über - und das Feuerwerk beginnt. Und dann: Guten Appetit!

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Auf solche kulinarischen Ideen kommt, wer Wasser im Überfluss hat. Und das hat man an den Great Lakes, den Großen Seen im Norden der USA, die an Kanada grenzen. Wo immer man hinaus aufs Wasser schaut, das Kreischen der Möwen im Ohr und weißen Sand unter den Füßen - vom Ufer auf der gegenüberliegenden Seite ist nichts zu erspähen. Ungläubig steckt man den Finger in den See und leckt daran: Das ist tatsächlich Süßwasser, der See also kein Ozean. "Unsalted Water" hat ein Witzbold über den Lake Michigan geschrieben.

Gleich vier US-Staaten - Illinois, Wisconsin, Michigan und einen Zipfel von Indiana - durchquert, wer den Lake Michigan umfährt. Mindestens eine Woche, besser noch mehr Zeit sollte man sich lassen für die rund 2000 Kilometer lange Tour. Allein der Lake Michigan ist größer als Belgien, Luxemburg und die Niederlande zusammen - und doch nur das drittgrößte Gewässer der gigantischen Seenplatte, die eines der größten Süßwasserreservoirs der Erde bildet.

Das Leben an der (Binnen)Küste hat Land und Leute geprägt, auch in den großen Städten: Das eine halbe Million Einwohner zählende Milwaukee im Südwesten des Sees hat sich ganz zum Wasser hin geöffnet. Endlose Grünflächen säumen das Ufer. Das "German Fest" mit Bratwurst und Bier, veranstaltet von den Nachfahren der deutschen Einwanderer in der wohl "deutschesten" US-Stadt, ist nur eines von vielen Sommervergnügungen. Ein schneeweißes Kunstmuseum, vom spanischen Architekten Santiago Calatrava mit aufklappbaren Flügeln versehen, ein Wissenschaftsmuseum und Aquarien - vieles lässt sich zu Fuß erkunden.

Wer sich wundert, dass so viele Lederkluftträger reiferen Alters auf schweren Motorrädern in Milwaukee unterwegs sind: Hier ist die Harley-Davidson-Weltzentrale. Das Harley-Museum liegt ein paar Meilen vom See entfernt. Auf interaktiven Monitoren kann man den satten Sound der Motoren erklingen lassen und fühlt sich dabei wie ein "Easy Rider". Auch der Kaufvertrag eines berühmten Kunden liegt aus: Ein "Vocalist, Self Employed" erstand 1957 eine Maschine, und zwar auf Raten. Der Name des selbstständigen Musikers: Elvis Presley.

Je weiter nordwärts man von Milwaukee aus fährt, desto mehr bleibt alles Städtische zurück. Dann werden auch die dunkelrot angestrichene Farmhäuser - ein Erbe der skandinavischen Einwander - weniger. Seen und Wälder bestimmen das Bild. Indianer, Trapper und Menschen aus vieler Herren Länder ließen sich hier im Laufe der Jahrhunderte nieder. Heute teilen sich Bären, Elche, Wölfe und Touristen das Naturparadies.

Und doch sind die industriellen Spuren unübersehbar: Eine riesige Verladerampe ragt im Städtchen Marquette ins Wasser. Marquette - benannt nach einem französischen Jesuitenmissionar, der um 1670 im Kanu heranpaddelte - ist der Umschlagplatz für das Eisenerz aus den umliegenden Minen. Ein Fünftel des amerikanischen Bedarfs wird hier gefördert.

Wer sehen will, wo die Industriebarone schon im 19. Jahrhundert ihren Reichtum ausgaben, dem sei ein Abstecher auf die winzige Insel Mackinac im Nordosten im Übergang zum Huronsee empfohlen. Viktorianische Prachtvillen wetteifern um die Aufmerksamkeit der Touristen. Nicht nur wegen der Häuser fühlen sich Besucher bald wie Reisende in die Vergangenheit: Autos sind auf Mackinac schon seit Ende des vorigen Jahrhunderts verboten.

Und doch gibt es eine 8,2 Meilen lange Autobahn, die "M 185". Auf der schmalen Asphaltpiste rollen Fahrräder und Pferdekarren (24 Stunden Kutschtaxiservice!). Oben im Fort verschanzten sich einst die Briten gegen die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg - heute werden die Kanonen im Museum nur noch für die täglichen Salutschüsse abgefeuert.

Land der Kirschen

Von Mackinac aus geht es gen Süden an der Ostküste des Lake Michigan entlang. "World's largest cherry pie" heißt es stolz auf einem Schild. Michigan ist das Land der Kirschen, der Pfirsiche und des Spargels. Und auch das Land des Weins: Kellermeister Mark Johnson, 57 Jahre alt und ausgebildet an der Weinuni im deutschen Geisenheim, steht auf seinem Weingut Chateau Chantal bei Traverse City und preist die Vorzüge der Gegend. "Dank der vielen Seen ist das Klima so mild, dass hier Riesling, Chardonnay und Pinot Noir bestens gedeihen", sagt Mark.

Das Ufer der Ostküste wird von Leuchttürmen und Dünen geprägt. Mehr als 50 Meter stürzen manche Sandberge direkt ins Meer hinab und tragen so poetische Namen wie "Sleeping Bear Dunes": Nach der indianischen Sage hat sich an dieser Stelle einst eine todtraurige Bärenmutter niedergelegt und wartete vergeblich auf ihre ertrunkenen Bärenkinder.

Noch weiter im Süden, am Silver Lake, drohen Wanderdünen Gewässer und Häuser zu verschütten. "Das ist die Natur", sagt der Hotelbesitzer Bob und schüttelt bedächtig den Kopf. "Da kann man nichts machen." Nur der Hausbesitzer direkt am Fuße des sandigen Gebirges wehre sich dagegen: Er lasse für 10.000 Dollar pro Jahr sein Grundstück vom Sand befreien, sagt Bob.

Und dann ist man irgendwann wieder in Chicago, wo die Reise begann, fährt aufs höchste Hochhaus und schaut noch einmal auf den Lake Michigan hinaus: Das andere Ufer sieht man von hier oben auch nicht.

Von Stefan Stosch

Anreise

Direktflüge nach Chicago ab Frankfurt mit United Airlines, Lufthansa oder American Airlines, ab Düsseldorf mit Lufthansa, ab München mit United und Lufthansa.

Einreise

Deutsche Staatsbürger müssen sich im Internet über www.esta-gov.org für die Einreise in die USA anmelden.

Informationen in Deutschland

Great Lakes of North America, c/o TravelMarketing Romberg TMR GmbH, Telefon (02104) 797451, Schwarzbachstr. 32, 40822 Mettmann, www.greatlakes.de

Sonja Fröhlich 15.02.2010