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Reisereporter Von tiefen Seen und negativen Schafen
Reisereporter Von tiefen Seen und negativen Schafen
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00:35 16.05.2009
Auch der größte natürliche See Englands, der Windermere, liegt im Nationalpark Lake District. An manchen Stellen ist er bis zu 65 Meter tief.
Auch der größte natürliche See Englands, der Windermere, liegt im Nationalpark Lake District. An manchen Stellen ist er bis zu 65 Meter tief. Quelle: britainonview.com
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Pete Jackson lehnt mit verschränkten Armen an einem der zahllosen Gatter, die wir auf unserer Wandertour in den Hügeln über dem Lake Windermere geöffnet und wieder geschlossen haben. „This is fence hanging“, sagt der Mittfünfziger, der erstens über eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Dustin Hoffman und zweitens nach eigenen Angaben über ein weitreichendes Repertoire an absolut unnützem Wissen über die unterschiedlichsten Dinge verfügt. Er weiß zum Beispiel, dass es im fence hanging, also im Herumhängen an einem Zaun, demnächst Weltmeisterschaften geben wird. Er möchte sich auf jeden Fall qualifizieren.

Wir sind im Lake District in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands. Jackson hat uns gemeinsam mit seinem Kompagnon John Nicholls bei einer geführten Wanderung vom Flecken Troutbeck aus hügelanwärts geführt. Jetzt sind wir etwa 400 Meter hoch und erhalten einen ersten Einblick in diese Landschaft, die je nach Lesart als Disneyland der Natur, als grandioseste Kulisse der Insel, als Prototyp des urwüchsigen Englands oder als Hort der Dichter und Maler beschrieben wird. „Stimmt alles“, sagt Jackson. Wir haben nie herausbekommen, wann er es ernst meint oder seinem leicht zynischen Humor frönt.

16 Seen und fast 50 Tümpel

In einem Pub in Santon Bridge im Westen des Lake Districts treffen sich jedes Jahr die begnadetsten Lügengeschichtenerzähler Britanniens zum Wettstreit. Zuletzt hat ein Flunkerer mit der Geschichte brilliert, Maulwürfe hätten die unzähligen, bis knapp 1000 Meter hohen Berge aufgeworfen, die hier Fells heißen. In Wissenschaftlerkreisen ist man hingegen zu der einstimmigen Ansicht gelangt, die Fells seien vulkanischen Ursprungs. Kilometerdicke Gletscher haben dann während der Eiszeiten die Landschaft zurechtgeschmirgelt.

Oben liegen die oft zerklüfteten Fells mit ihrer kahlen Vegetation, die von den heimischen Herdwick-Schafen kurz gehalten wird. „Es sind Negativ-Schafe“, erklärt uns Nicholls. Die Herdwicks, die glänzend im manchmal steilen Gelände zu Rande kommen, haben schwarzes Fell und einen weißen Kopf. Bei den meisten Rassen ist es umgekehrt. Die berühmten halbhohen Mauern aus Steinen, die ohne Mörtel geschichtet werden, ziehen sich aus den Tälern bis weit in die Hügelflanken hinauf. Weiter unten liegen Heidelandschaften, Moore und Laubwälder, von denen es hier mehr gibt als woanders im weitläufig abgeholzten England.

Seinen Namen hat der Lake District aber von den 16 großen Seen und den fast 50 kleineren Tümpeln erhalten, die in der 2300 Quadratkilometer großen Region liegen. Das Wasser kann wegen des Vulkangesteins nicht versickern; und Nachschub gibt es auch reichlich. Es regnet nicht zu knapp in der Gegend. Die Fells fangen die Wolken ein, leiten Regen über zahllose große und kleine Wasserfälle nach unten. Kein Tal, durch das nicht mindestens ein Bach führte.

Zum Seenland gehören aber nicht nur die Schätze der Natur. Die Dörfer hier sind noch urtümlich, wirken dabei aber nicht so museal wie etwa diejenigen in Südengland. Auch die Landstädtchen wie Kendal, Bowness-on-Windermere, Ambleside und Keswick haben sich viel Traditionelles bewahrt. Die Gegend zog und zieht deshalb die Feingeistigen an. Britanniens populärster Poet William Wordsworth lebte in Grasmere, wo er 1850 auch begraben wurde. Die Maler John Constable und J.M.W. Turner ließen sich inspirieren.

Bekannter noch ist die Buchautorin Beatrix Potter, die in Hilltop am Lake Windermere in einem Farmhaus wirkte und dort ihre berühmten Kinderbücher verfasste und illustrierte. In Orten wir Bowness-on-Windermere sind Peter Hase und all die anderen Gestalten der Potter (Aus zum Beispiel „Die Geschichte von Peter Hase und Benjamin Kaninchen“) allgegenwärtig – kein Laden, der nicht irgendwelche Devotionalien im Angebot hätte. Das ist ein Grund, warum man in Bowness viele Japaner trifft. „Bei denen stehen die Potter-Geschichten in den Englischlehrbüchern an den Schulen“, erzählt uns Doug Wilson, der rundliche und wahrscheinlich deshalb ewig fröhliche Hotelbesitzer, in dessen Haus wir untergekommen sind.

Wassersport und Wandern

Der Lake District ist seit viktorianischen Zeiten Tummelplatz für Freizeitaktivitäten aller Art. Der Lake Windermere, mit 16 Kilometern Länge größter seiner Art in England, gehört den Wassersportlern – angeblich sollen hier 14 000 Motorbootbesitzer die Erlaubnis haben, ihn zu befahren. Das führt vor allem im Sommer zu einem Getümmel, das nicht jedermanns Sache ist. Wer die Einsamkeit und das Naturerlebnis sucht, ist deshalb auf den Wandertouren besser aufgehoben. Mehr als 3500 Kilometer ausgeschilderter Wege stehen im Seenland zur Verfügung.

Natürlich lockt eine Landschaft mit einem derartigen Auf und Ab auch die Mountainbiker an. Johan Hoving, gebürtiger Holländer und als Kajakfahrer, Segler, Mountainbiker, Kletterer und Wanderer jemand, für den der Lake District wie geschaffen ist, trifft uns am Coniston Water. Durch den Grisedale Forest fahren wir auf breiten Schotterwegen in die Hügel. Johan hat einen Weg gewählt, der Anfänger nicht überfordert. Wiesen säumen die Piste, später Kiefernwälder und noch später Farne. Wir erreichen eine kleine Schäferei. Jetzt wird der Pfad schmal, Steine liegen im Weg, manchmal begehen wir die Todsünde für Mountainbiker und schieben. Oben schwitzen wir, aber wir wissen, wofür.

300 Meter unter uns liegt Coniston Water, so grau und reglos wie eine Platte aus dem grauen Stein, aus dem sie in Cumbria die Häuser bauen. Der Hügel fällt zum See hin derart steil, dass man glaubt, man könnte direkt ins Wasser springen. Der markante Berg Old Man of Coniston gegenüber hüllt sich in weiße Wolken. Eine Viertelstunde dauert es, dann hat der leichte Wind alles weggefetzt. Die Sonne dringt durch, der See strahlt jetzt blau, die Wälder am Old Man und an den anderen Hügeln protzen herbstbunt. Johan kocht Kaffee – nach Landesart schmeckt er fade, aber das bekümmert uns nur wenig.

Wir fühlen uns, als seien wir auf einer Aussichtsplattform im Himmel. Bill Bryson, amerikanisch-britischer Bestsellerautor, war hier als zuvor bekennder Wandermuffel. Hoch über Coniston Water kleidete er sein Gefühl in vier Worte: „Fuck me, I’m hooked“ (..., ich bin am Haken.) Er kommt seitdem in die Gegend, wann immer er kann. Und wandert.

Bryson ist nicht der Einzige: Zwölf Millionen Besucher zählt der Lake District in jedem Jahr, mehr sind es auf der Insel nur in London. Die weitaus meisten von ihnen sind Briten. Sie werden schon wissen warum, sie kennen schließlich ihre Insel besser als alle anderen.

Von Bernd Haase

Anreise
Mit dem Flugzeug: Die nächstgelegenen Flughäfen sind Manchester und Liverpool, von wo es jedoch jeweils mehr als 100 Kilometer bis zum Lake District sind. Nach Manchester gibt es von Hannover aus Direktflüge.
Mit dem Auto: Durch den Eurotunnel oder mit der Fähre auf die Insel. Dann über die M 26 bis London und weiter über die M 1 Richtung Coventry und die M 6 in den Norden.

Reisezeit
Im Sommer ist der Lake District oft überfüllt. Wer dem aus dem Weg gehen will, fährt im Frühling, im Spätsommer oder im Herbst. Eingefleischte Seenlandfans halten diese Jahreszeiten sowieso für die besseren zum Reisen.

Freizeit-Tipps
Geführte Wanderungen sind die beste Art, den Lake District zu erkunden. Peter Jackson und John Nicholls mit ihrer Firma Knobbly Stick etwa bieten die gesamte Bandbreite – von Tagesausflügen bis hin zu 14-tägigen Rundtouren über 300 Kilometer. www.knobblystick.com

Weitere Informationen
VisitBritain, Dorotheenstraße 54, 10117 Berlin,
Telefon (030) 31571910.
www.visitbritain.com
www.golakes.co.uk/de
www.riverdeepmountainhigh.co.uk