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Reisereporter Von der Quelle bis zur Mündung
Reisereporter Von der Quelle bis zur Mündung
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13:34 25.08.2010
Von Nicola Zellmer
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Der Weg beginnt im Gewimmel der Straßen von Tours. Um den Anschluss nicht zu verpassen, muss man kräftig in die Pedale treten. Gut, dass man Radfahrern hier wohlgesonnen ist: Wer auf den kreuzenden Verkehr achtet, darf auch bei Rot die Straße überqueren. Schon nach zehn Minuten geht es an einer Brücke auf den Radweg an der Loire ab. Und die wuselige Stadt geht in eine schöne Landschaft über. Auf den gut ausgebauten flachen Wegen rollen die Räder wie von selbst, und es bleibt Zeit, die träge dahinfließende Loire, die Felder und Wiesen am Wegesrand zu bestaunen.

Kinderfreundliche Strecke

Christophe Marzais lässt es sich nicht nehmen, uns ein Stück auf unserem Weg zu begleiten. 1994 eröffnete der heute 42-Jährige in der ehemaligen Römerstadt Tours einen Fahrradverleih und gehört damit zu den Pionieren des Fahrradtourismus in der Region. „Damals gab es hier noch keinerlei Infrastruktur“, erzählt Marzais, der auf ausgedehnten Touren durch Neuseeland, Marokko oder Jamaika seine Liebe für das Radfahren entdeckt hat. 1995 wurde dann in der Region die Idee eines Radweges entlang der Loire geboren. Rund 800 Kilometer ausgebaute Strecken sollen Radlern den Fluss von der Quelle bis zur Mündung erschließen. Ein Großteil dieses „Loire à Velo“-Netzes, also „Loire per Fahrrad“, ist inzwischen fertig. Allein 2009 wurden mehr als 600 Kilometer Weg ausgebaut. Mit seiner Firma Détours de Loire ist Christophe Marzais einer der Partner des Netzwerks, das Leihräder, Gepäcktransport, Übernachtungen und geführte Touren vermittelt.

Die Strecke ist abwechslungsreich und so flach, dass auch Anfänger und Kinder ohne Probleme mitfahren können. Einzigartig wird der Loire-Radweg aber vor allem durch die zahlreichen Schlösser, die wie an einer Perlenkette entlang des Flusses liegen. Mit dem Rad lässt sich so im wahrsten Wortsinn die Geschichte Frankreichs erfahren.

Nur 20 Kilometer von Tours entfernt treffen wir im Renaissanceschloss Villandry Henri Carvallo. Der 45-Jährige ist der Urenkel des spanischen Wissenschaftlers Joachim Carvallo, der das Schloss und die dazugehörigen Ländereien 1906 kaufte. Joachim Carvallo restaurierte nicht nur die Gebäude, sondern ließ auch die ausgedehnten Gärten nach historischen Vorbildern wieder aufbauen. Heute hat sein Enkel das Familiengeschäft übernommen. Um den kostspieligen Besitz erhalten zu können, hat Henri Carvallo Haus und Garten für Besucher geöffnet, bietet Führungen, Kunstausstellungen und Ereignisse wie die „Nacht der 1000 Lichter“, bei der die Gärten von warmem Kerzenlicht verzaubert werden. Besondere Aufmerksamkeit brauchen die Gärten, die mit Blumen und Gemüse gestaltet sind. „Zweimal im Jahr wird alles komplett neu bepflanzt“, erklärt Henri Carvallo. „Dafür benötigen wir rund 700 000 Euro im Jahr.“ In eigenen Gewächshäusern werden die Pflänzchen vorgezogen, bis sie ihren Platz in den kunstvollen Beeten einnehmen. Das reife Gemüse überlässt der Schlossherr den Besuchern. In einer Nische des Stallgebäudes finden sie mal Kartoffeln, mal Zucchini oder Salate zum Mitnehmen.

Köstliches für unterwegs

Wer Glück hat, kann dort schon den Grundstock für ein späteres Radlerpicknick finden. Aber auch die örtlichen Märkte und Markthallen haben ein reiches Angebot regionaler Köstlichkeiten. Unbedingt dazu gehört knusprig-frisches Baguette, ein Landwein und der leckere Ziegenfrischkäse in Rollen- oder Kugelform. Kraft für die nächste Etappe geben auch die für die Touraine typischen Rillons: gekochte Schweinefleischwürfel, die auch kalt schmecken.

Gestärkt machen sich die Radler wieder auf den Weg – immer entlang der Loire, die Jahrhunderte der Haupttransportweg zwischen Orléans und dem Atlantik war. Der Strom ist der letzte große naturbelassene Fluss in Europa. Bis heute wurde er weder begradigt noch vertieft. Wie im Mittelalter machen wandernde Sandbänke den Fluss unberechenbar. Nur traditionelle flache Boote wie die aus Holz gebaute Toue von Jean Ley können ihn passieren. Der 55-Jährige hat gelernt, sich den Launen der Loire anzupassen. „Ich liebe die Loire, aber ich weiß nicht, ob sie mich liebt“, sagt Ley und schmunzelt. Seinen Beruf als Lehrer hat der gebürtige Pariser vor 13 Jahren aufgegeben und sich eine traditionelle Toue gekauft, mit der er Touristen die Schönheit des Flusses zeigt. Zumindest, wenn die Loire dafür in Stimmung ist.

Seinen Hauptstandort hat Jean Ley unterhalb des Schlosses von Chaumont. In dem kleinen Ort zwischen Amboise und Blois lohnt es sich für Radtouristen, einen Tag Pause einzuplanen, um Schloss, Gutshof und Gartenfestival zu besichtigen. Das Gelände ist seit 2008 im Besitz der Region Centre und hat sich zu einem Ort entwickelt, an dem Kunst und Natur zusammentreffen. Dazu gehört von April bis Oktober das international renommierte Gartenfestival, das 2010 zum 18. Mal in Chaumont stattfindet. Unter dem Motto „Körper und Seele“ haben 26 Teams professionelle Gärten gestaltet. Die „Hommage an Lady Day“ beispielsweise – ein üppig bepflanztes Mohnfeld, in dessen Mitte die Musik der 1959 verstorbenen Jazzsängerin Billie Holiday gespielt wird. Oder „Pantagruels Traum“: Ein Tisch, der überquillt von Topfpflanzen als Stellvertreter für Speisen. Dahinter geht der Blick durch eine Lücke in den Bäumen bis auf die Loire.

Radwege weiter vernetzt

Wie Chaumont und Villandry haben die Schlösser der Loire fast alle eigene Schwerpunkte gesetzt. Candé-St. Martin beispielsweise zeigt das Leben der guten Gesellschaft in den dreißiger Jahren. In Blois werden frühe Intrigen um die Macht in Frankreich lebendig. Das 400-Zimmer-Schloss Chambord glänzt durch seine imposante Größe und die ausgeklügelten Turmaufbauten. Alle wird man in einem Urlaub nicht sehen können – aber man könnte. Denn der Loire-Radweg verbindet nicht nur die Städte direkt am Fluss, sondern ist auch angeschlossen an kleinere Netze wie „L’Indre à velo“, die den Weg in zusätzliche Städte wie die alte Königsstadt Loches mit ihrem teilweise erhaltenen mittelalterlichen Festungsturm erschließen.