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Reisereporter Und dann dieser Sonnenuntergang!
Reisereporter Und dann dieser Sonnenuntergang!
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09:33 15.04.2009
Dafür fliegen manche um die halbe Welt: Sonnenuntergang über dem Dorf Oia auf Santorin. Quelle: Sobik
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Sie passen auf den ersten Blick nicht mehr ganz in die Zeit. Trotzdem gibt es noch etwa 250 davon auf dieser Insel. Ihre Besitzer verdienen gut an ihnen, vermieten sie für bis zu 50 Euro pro Tag. Und das nicht an die vielen Fremden, sondern vielmehr an Einheimische: an die, die an schwierigster Stelle bauen wollen, wo mit Lastwagen, mit Kränen nichts zu wollen ist. Die Maulesel sind es, die Santorins gewagte Bauvorhaben möglich machen – Hotels am Abhang, Restaurantterrassen über dem Abgrund in Oia, in Firostefani und Imerovigli. Und das mit bestem Blick aus bis zu 300 Meter Höhe herab auf den gewaltigen wassergefüllten Krater, auf die vorgelagerten Inseln Thirassia, Nea und Palea Kameni. Und auf den Sonnenuntergang!

Denn vor allem deswegen kommen die Fremden aus aller Welt hierher und sind plötzlich bereit, zehn Euro für ein gutes Glas Wein, 18 für einen Salatteller, und manchmal mehr als 300 für ein Zimmer zu zahlen. Sie kommen wegen der besonderen Aussicht von jenen drei Bilderbuchorten aus, sie sind da wegen jenes Romantik-Set-ups, das kein Hollywood-Filmemacher schöner inszenieren könnte.

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Santorin, eine halbe Flugstunde von Athen entfernt und erst durch einen gewaltigen Vulkanausbruch vor rund 3600 Jahren in seine heutige Form gepresst, ist die Kykladen-Insel der Frischvermählten, Urlaubsziel vor allem von Träumern, Romantikern, von Verliebten: weil hier die Kulisse stimmt. Weil sich schneeweiße Quaderhäuser und hellblaue Kuppeln an den Kraterrand des eingestürzten und längst mit Ägäis-Wasser gefüllten Vulkans von einst klammern, über dem Abgrund zu schweben scheinen und von dort jenen Bildband-Titelfoto-Ausblick bieten. Die trittsicheren Maulesel machen es möglich, Zementsäcke und Steine noch über schmalste Pfade zu schleppen.

Kitschig und schön

Tief unten zerschneiden derweil Kreuzfahrtschiffe und stattliche Privatjachten die spiegelglatte See. Und abends ist es die Sonne, die im Tiefflug an Thirassia vorbeizieht und als glutroter Feuerball kitschig-schön an der Westspitze vor Oia im Meer versinkt

Im Hochsommer sind es viele, die auf der Steilküstenseite der Insel diesen Zauber suchen – die Passagierscharen der manchmal zeitgleich fünf Kreuzfahrtriesen auf Reede, die Tagesausflugstouristen aus dem Badeort Kamari an der gegenüberliegenden Inselseite, wo die Strände sind. Sie stehen sich beim Träumen gegenseitig im Weg

In der Nebensaison bis Mitte Juni und wieder ab September ist das anders. Da entfaltet diese Insel ihr Flair. Und diejenigen, die es als Hotelier oder Gastwirt mit inszenieren, als Fremdenführer daran teilhaben, als Winzer für den Geschmack Santorins sorgen, können endlich selber durchatmen, haben wieder Zeit für einen Plausch – und erzählen, was sie an ihrer Insel so lieben

Joy Kerluke zum Beispiel stammt aus Vancouver, ist seit zwanzig Jahren hier, kam natürlich der Romantik und blieb der Liebe wegen. Sie verguckte sich in den Fischer Dimitri und eröffnete kurzerhand eine Taverne mit ihm. Abseits vom ganz großen Rummel direkt an der Kaimauer des alten Fischerhafens Ammoudi: das letzte Haus, bevor die Felsen beginnen. Das Mittelmeer schwappt nur fußbreit von den Tischbeinen entfernt. Es duftet nach gegrilltem Hummer, nach Barrakuda mit frischen Kräutern, nach Dorade mit Dill und Zitrone. Und auf den Lippen liegt ein Hauch von Meersalz

Wenn sie die Stille von vor zwanzig Jahren wiederhaben will, steht Joy morgens früh auf, läuft den schmalen Pfad am Felsrand, der neben ihrer Taverne beginnt, bis zum Ende – und badet ganz allein im 22 Grad warmen Mittelmeer: „Du siehst von dort aus niemanden, hörst nur die Wellen gegen den Stein schlagen, kannst bis zum Grund schauen. Der Sonnenuntergang auf Santorin ist spektakulär – aber ich liebe vor allem ihren Aufgang, das Licht am Morgen.

Paris Sigalas unterdessen ist die Tageszeit egal – Hauptsache er ist in der Nähe seiner Reben. Sein Lieblingsplatz ist unmittelbar vor der kleinen Kirche von Kira Panagia auf einer Anhöhe ein paar Kilometer außerhalb von Oia – weil er Gott nah sein kann. Und weil er von dort aus sein Weingut überschauen kann. 300.000 Flaschen, vor allem kräftig-harzigen Asirtiko-Athiri und süße Dessertweine, produziert der Winzer jedes Jahr. Zu seinen Kunden gehört inzwischen sogar Spitzenkoch Alain Ducasse – und Hotelier Kostis Psychas, dessen traditionelles Höhlenhotel am Ortsrand von Oia keine drei Kilometer entfernt ist.

Psychas hat seinem Koch vorgeschlagen, Rinderfilet in einer Soße aus Sigalas’ süßem Vinsanto-Wein anzurichten. In den Genuss dieser kulinarischen Kreation kommen ausschließlich die maximal 40 Gäste von Psychas’ Hotel „Perivolas Traditional Houses“, denn sein Restaurant ist den eigenen Gästen vorbehalten. Und so schön das Setting unterm Sternenhimmel dort ist, mit Blick über den Pool auf den Krater, mit Kerzen und lauem Lüftchen – trotzdem sind dort allabendlich nur wenige Tische besetzt. Weil die meisten Urlauber lieber auf den privaten Terrassen vorm Zimmereingang speisen – und einen noch besseren Blick haben: erst auf den Sonnenuntergang über den Kuppeln und Würfelhausdächern von Oia, dann auf die hell erleuchteten Kreuzfahrtschiffe mit ihren Lichterketten vom Schornstein bis zu Bug und Heck unten in der sichelförmigen Bucht.

Dorfpriester ist Stammgast

Das Hotel ist ein Flitterwochen-Resort, und zu den Stammgästen zählt ausgerechnet der Dorfpriester – weil er immer wieder Hochzeiten auf der Terrasse neben dem Pool zelebrieren muss. Manche durchaus spontan.

Gewohnt wird bei Kostis Psychas wie vor Hunderten von Jahren: in Höhlen, die in den Fels der Kraterwand gegraben sind. Anfang der achtziger Jahre begann er mit Vater Manos und Mutter Nadia, einstige Vorratskammern im Fels und ehemalige Weinkeller ebenso wie die halb zerfallenen Quartiere mittelloser Fischer zu restaurieren. Nach und nach wurden sie mit vielen Ideen, mit ganz viel weißer Farbe und ein paar himbeerfarbenen Kissenbezügen in eine Oase der Stille verwandelt – nur ein paar Schritte abseits vom größten Ferienrummel.

Wo er seine Romantik findet? „Unten auf dem Wasser des Kraters“, sagt er, „mit meiner Tochter auf unserem Boot. Und drüben, keine fünf Fahrtminuten entfernt, auf der vorgelagerten Insel Thirassia, wo sich der Blick umkehrt: auf Santorin, auf die Steilküste mit den schneeweißen Häusern. Und, als ganz kleine Punkte, auf all die Romantiker auf ihren Balkonen, Terrassen, Liegestühlen.“

Von Helge Sobik

Santorin
Die südlichste Kykladen-Insel (90 Quadratkilometer, rund 13. 500 Einwohner) ist das neben Mykonos am besten erschlossene Eiland des Ägäis-Archipels. Badetourismus konzentriert sich auf die Strandorte der Ostküste, während die Westküstenorte Oia, Imerovigli, Firostefani und Fira die im Vergleich deutlich teureren Quartiere mit Aussicht hoch oben an der Steilküste bieten.

Anreise
Flüge mehrmals pro Woche überwiegend via Nürnberg nach Santorin mit Air Berlin (www.airberlin.com), Tickets realistisch ab rund 220 Euro. Außerdem mehrmals täglich Flüge mit Aegean Airlines (www.aegeanair.com) von Athen aus. Tickets auf dieser Strecke oneway rund 50 Euro bei rechtzeitiger Vorausbuchung.

Weitere informationen
Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22,
60311 Frankfurt, Tel. (0 69) 2 57 82 70. www.gnto.gr

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