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Reisereporter Unberührte Wildnis im Damaraland in Namibia
Reisereporter Unberührte Wildnis im Damaraland in Namibia
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15:52 11.02.2013
Von Hannah Suppa
Foto: Im Damaraland in Namibia gibt es noch die seltenen Black Rhinos - doch auch sie sind bedroht.
Im Damaraland in Namibia gibt es noch die seltenen Black Rhinos - doch auch sie sind bedroht. Quelle: Hannah Suppa
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Windhoek

Überall Steine. Die roten Brocken sind faustdick, manche so groß wie Fußbälle. Eine halbe Million Hektar Wüste gesäumt von uraltem Gestein. Der würzige Staub vernebelt die Sicht, die Luft ist trocken, doch die sengende Hitze ist kaum zu spüren, die entfernte Skelettküste bringt mit einer sanften Brise Erleichterung.

„Ist das nicht phantastisch?“ Christiaan Bakkes liebt Namibia, und diesen Flecken besonders. Das Damaraland in der Kunene-Region, diese Marslandschaft aus Schotter, eingerahmt von den Etendeka-Bergen. Als der Urkontinent Gondwanaland in mehrere Kontinente, darunter Afrika und Südamerika, auseinanderbrach, entstand diese Landschaft. Hier ist das nächste Dorf eine stundenlange Fahrt mit dem Land Rover entfernt, und die Spitzmaulnashörner, Wüstenelefanten, Giraffen, Bergzebras, Oryx-Antilopen und Löwen können noch unbehelligt ihrer Wege gehen.
Namibia ist zweieinhalbmal so groß wie Deutschland, doch hat mit seinen zwei Millionen Einwohnern gerade mal so viele wie Hamburg. Was das bedeutet, spürt man in der Kunene-Region besonders; die Landkarte ist für dieses Gebiet so leer, dass sich sogar der Eintrag eines besonders alten Baumes lohnt, weil ja sonst nichts ist hier, außer Steinen und Tieren. Und der unwirklichen kleinen Landebahn zwischen den Etendeka-Bergen, wo die Safarigäste aus den wackligen Cessnas aussteigen. „So etwas wie hier gibt es nicht noch einmal, eine Wildnis ohne künstliche Begrenzung“, sagt Bakkes und rollt das „R“ kräftig.

Dieser Südafrikaner ist ein hemdsärmeliger Typ, ein Teufelskerl in Khaki, mit Indiana-Jones-Ausstrahlung und langer blonder Löwenmähne, die unbemerkt in den Vollbart übergeht. Bakkes, 47 Jahre alt, ist der Aufseher und Game Ranger über dieses Damaraland, vielmehr über die 450.000 ha große Konzession für das Gebiet „Palmwag“ im Norden von Namibia. Seit zehn Jahren ist er hier, vorher war er Soldat im Caprivi-Streifen an der angolanischen Grenze, Ranger in Südafrika, vertrieb beruflich Elefantenwilderer und verlor seinen linken Unterarm, als ihn beim Schwimmen im Krüger-Nationalpark in Südafrika ein Krokodil packte.

Der Südafrikaner Christian Bakkes und sein Terrier „Tier“ kennen und lieben die afrikanische Wildnis – der Aufseher verlor durch ein Krokodil einen Arm, sein Hund in einem Kampf ein Auge. Nun arbeiten sie zusammen in der Kunene-Region in Namibia.

Hier im namibischen Nirgendwo brauchten die Tierschützer vom Projekt „Save the Rhino Trust“ vor etwa zehn Jahren genau so einen wie Christiaan Bakkes. Die Nichtregierungsorganisation betreibt zusammen mit dem Safari-Anbieter „Wilderness“ unter anderem das „Desert Rhino Camp“ – eine Luxus-Lodge für Touristen und Naturschutzstation in einem. Die Touristen können hier die Nashorn-Fährtensucher bei ihrer Arbeit begleiten und erleben, wie versucht wird, die bedrohten Spitzmaulnashörner zu erhalten. Auch zu Fuß – jedoch mit der Ansage des Safariguides: „Wenn ich sage: ‚Werft Euch hin!’ – dann tut das auch.“ Wenn sich die tonnenschweren Kolosse gestört fühlen, kann es lebensgefährlich werden.

Bakkes mag das besonders. Die Gefahr. Und dass nicht die Touristen mit ihren Teleobjektiven die Richtung vorgeben. Der Mensch soll sich nahezu unsichtbar machen. Nicht im Wind stehen, um nicht durch den Geruch die Tiere aufzuschrecken. Die Mitarbeiter der Lodge wühlen im Kot der Tiere, scannen den Schotterboden mit geübtem Blick nach Spuren.

„Wie viele Spitzmaulnashörner es hier in der Kunene-Region gibt, ist ein Staatsgeheimnis“, sagt Simson Uri-Khob vom „Save The Rhino Trust“. Es soll keiner wissen, was es hier zu holen gibt. Denn noch teilt Namibia nicht die Probleme der Nashornwilderei in Südafrika – jedenfalls derzeit. 559 Tiere wurden im Nachbarland im Jahr 2012 getötet und ihr Horn als vermeintliches Wundermittel nach Asien verkauft.  Anfang der 80er Jahre gründete sich die Nichtregierungsorganisation „Save The Rhino Trust“, um die durch die Wilderei fast ausgestorbenen Spitzmaulnashörner in Namibia zu schützen. Seither habe sich die Population vervierfacht. „Wir sind Südafrikas nächste Nachbarn – die Wilderer werden auch hierher kommen“, sagt Uri-Khob. Sie sind sogar schon da: Im Dezember wurde ein Fall von Wilderei eines Spitzmaulnashorns in der Kunene-Region bekannt: Ein 42-Jähriger soll das Tier getötet und das Horn abgehackt haben.

Jetzt ist Christiaan Bakkes hier – und fühlt sich angekommen. Die Natur ist sein Leben, ihr Erhalt seine Mission. „Wir verbrauchen unsere Reserven. Wir essen unseren Planeten auf, wir vergiften die Meere. Wir sind zu viele – und wir sind zu clever. Wir erfinden Dinge wie Plastik. Doch wenn wir sterben, soll es immer noch Spitzmaulnashörner im Damaraland geben.“ Sagt´s und streichelt seinem Hund „Tier“ über den Kopf. Der Terrier hat nur noch ein Auge, er hat wie Bakkes auch schon einmal zu oft die Grenzen der Wildnis ausgetestet.

Die Konzession für das Gebiet Palmwag im Damaraland hat Namibia dem Safari-Anbieter „Wilderness“ für 20 Jahre erteilt – der darf hier Tourismus anbieten, verpflichtet sich aber gleichzeitig dazu, Natur und Tiere zu schützen. Naturschutz steht in Namibia sogar in der Verfassung geschrieben, seit Jahren fördert der Staat kommunale Landschaftspflege. Inzwischen gibt es Vorzeigekommunen, die durch nachhaltigen Tourismus, den Tierreichtum und die Natur bewahren und gleichzeitig Arbeitsplätze und Einnahmen schaffen konnten.

In Namibia ist der Tourismus mittlerweile einer der wichtigsten Wirtschaftszweige, täglich landen die großen Ferienflieger am beschaulichen Windhoeker Flughafen „Hosea Kutako“. Die Touristen werden zum Etoscha-Nationalpark gekarrt, zu den prächtigen roten Sanddünen von Sossusvlei, zum Erspüren der deutschen Kolonialgeschichte nach Swakopmund und Lüderitz. 2010 kamen knapp eine Million Besucher – Tendenz steigend. Unter den Touristen sind vor allem Deutsche, Franzosen und Niederländer.

Ins Damaraland und Kaokoveld haben sich bislang wenige Reisende verirrt. Denn feste Wege gibt es kaum, ohne Allradwagen kommt man nicht voran, ohne Ortskenntnis geht es nicht. Die Spuren der Allradwagens sind hier noch Monate später zu sehen, deswegen achten die Safariguides darauf, den einen vorgezeichneten Weg nicht zu verlassen. Ein- bis zweimal die Woche brausen im Damaraland derzeit Touristen durch die Wüste, im angrenzenden Kaokoveld in den trockenen Flussbetten des Hoarusib und Hoanib sind es schon ein paar mehr. Immer wieder tauchen mitten in der Wüste, kleine grüne Oasen mit den regionstypischen Mopanebäumen auf. Auch die Landschaft verändert sich hier stetig: Vom steinigen Teil des Damaralandes wird es in der Nähe der trockenen Flussbetten zunehmend grüner und sandiger. Auch die Tiere haben sich den Bedingungen angepasst: Die Giraffen sind blasser, verschmelzen farblich fast mit den Sanddünen, die sich immer wieder zwischen den jahrhundertealten Bergen auftun, die Wüstenelefanten legen weite Strecken zurück auf der Suche nach Nahrung. 308 der einzigartigen Wüstenelefanten soll es hier geben.

Den Menschen kennen die Tiere noch nicht gut – stören sich an den Motorengeräuschen der Allradwagen, anders als in den großen Nationalparks im südlichen Afrika.
Es kommen selten Namibia-Neulinge her, wie Christiaan Bakkes erzählt; sondern die, die das Pflichtprogramm schon absolviert haben und nun das wirkliche Abenteuer suchen. „Die haben die ,Big Five’ schon im Fotoalbum“, sagt Bakkes. Haben Elefanten, Löwen, Büffel, Nashörner und Flusspferde in den Nationalparks gesehen – der Drang, die stolzen afrikanischen Tiere zu sehen, ist befriedigt. „Hier kann man sich fühlen, als wäre man der einzige. Kein einfacher Gast, sondern jemand, der einen Beitrag für Nachhaltigkeit leistet“, formuliert es Bakkes. Es sei auch keine Nashorn-Safari, eher eine Nashornschutz-Safari. Mit den bis zu 600 Euro Kosten pro Nacht im „Desert Rhino Camp“ wird das Projekt zum Teil finanziert: Die sogenannten Nashorn-Tracker der Lodge arbeiten für den „Save the Rhino Trust“, bezahlt werden sie von „Wilderness Safaris“.

Es sollen mehr Touristen kommen, ja, das auf jeden Fall, sagt Bakkes. Doch eben auch nicht zu viele. Eine schwierige Gratwanderung, er weiß das. Schon jetzt brauchen Selbstfahrer, wenn sie es denn wagen, eine Genehmigung für das Gelände – die kostet Geld und geht mit einer Belehrung über die Sensibilität der Natur einher. „Die Wichtigkeit des Erhalts dieser Region muss bei den Menschen ankommen, dann haben wir eine Chance“, sagt Bakkes.

Hin und Weg: Namibia

Anreise: Air Namibia fliegt die Strecke Frankfurt a. M. – Windhoek Montag, Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Flug mit South African Airways täglich ab München oder Frankfurt a. M. via Johannesburg nach Windhoek.
Start für eine Tour durch das Damaraland ist meist die Palmwag Lodge.
Safariangebote: Eine viertägige Campingtour „Wüstenelefanten, Spitzmaulnashörner und Ovahimbas“ mit einfachem Camping (Teilnehmer hilft beim Aufbauen/Kochen) kostet bei 4 Personen ab 700 Euro pro Person, die Luxus-Tour (Teilnehmer muss nicht mithelfen)  etwa 900 Euro pro Person.
Eine siebentägige Campingtour durch das Damaraland, Kaokoveld und die Kunene-Region kostet bei vier Personen zwischen 1150 und 1450 Euro pro Person.
Unterkunft: „Desert Rhino Camp“ im Damaraland, Vollpension inklusive Tagesfahrten, je nach Saison zwischen 410 und 590 Euro pro Person im Doppelzimmer.
Hinweise: Das Damaraland und Kaokoveld sollte nur mit einem Allradwagen bereist werden.

Weitere Informationen:

www.elefant-tours.de

www.namibia-tourism.de