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Reisereporter Über Gletscherspalten und ewigen Schnee
Reisereporter Über Gletscherspalten und ewigen Schnee
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10:00 03.03.2012
Aiguille du Midi, felsiger Vorposten im Montblanc-Massiv südlich von Chamonix. Quelle: Atout France/Louis Frédéric Dunal
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Wie eine Nadel sticht die Aiguille du Midi in den Himmel. Es ist ein unwirtlicher Ort aus Granit, Eis und Schnee. Hier in 3842 Metern Höhe hat eine Legende ihren Anfang: die Vallée Blanche. In jedem Frühjahr zieht die längste Abfahrt Europas Tausende Skienthusiasten an. Einmal im Leben muss man sie gemacht haben, heißt es in der Szene.

„Sie verändert dein Leben“, sagt Lionel Wibault, der die rund 22 Kilometer unzählige Male bewältigt hat. Wibault ist Bergführer, mit mittlerweile 64 Jahren einer der erfahrensten, den die Vereinigungen École du Ski Français (ESF) und die Compagnie des Guides de Chamonix Mont-Blanc hat. Er fuhr bereits mit Jean-Claude Killy um die französische Skimeisterschaft, wurde 1967 hinter dem Star Vierter und arbeitet seit 40 Jahren als Bergführer.

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Einen guten Guide braucht es auf der Vallée Blanche. Obwohl jeder sichere Skifahrer sie meistern kann, ist es eine ungesicherte Naturabfahrt mit Lawinen, Gletscherspalten und Steinschlägen. In jedem Jahr werden Skifahrer verletzt, sterben Menschen. Trotzdem drängen sich die Massen schon am frühen Morgen an der Talstation der Seilbahn hinauf zur Aiguille du Midi. Die Morgenstunden sind die besten, denn die Sonne weicht im Lauf des Tages den Schnee auf. Dadurch sinkt nicht nur die Schneequalität, sondern erhöht sich auch die Lawinengefahr.

Lionel Wibault schnallt Steigeisen unter seine Skistiefel. Ein schmaler Grat, genannt Arête, führt vom Ausstieg der Seilbahn zum Startpunkt der Piste. Manche haben die Skier neben Spitzhacke und Schaufel auf den Rücken geschnallt. Andere ziehen sie zusammengebunden neben sich her – damit in jedem Fall eine Hand frei bleibt, um sich an dem Seil festzuhalten, das als eine Art Geländer gespannt ist. Links und rechts geht es gleichermaßen steil bergab. Als Seilschaften steigen meist kleinere Gruppen den Weg hinab.

Wir haben Glück. Über Nacht sind 30 Zentimeter Neuschnee gefallen. Der Himmel zeigt sich wolkenlos. Es ist windstill und ziemlich frostig. Im Schatten des Montblanc ziehen wir die ersten Schneisen in den unberührten Schnee. Das Gelände ist zunächst leicht, vergleichbar mit einer blauen mittelschweren Piste. Schon sind die anderen Skifahrer, die mit uns auf der Arête gegangen sind, außer Sichtweite. Obwohl stark frequentiert, bietet die Vallée Blanche so viel Platz, dass jeder sein Tiefschneeerlebnis findet. Das Weiße Tal ist weit und hält mehrere Routen bereit.

Rundum ragen die spitzen Gipfel auf. Wie in einer riesigen Schüssel sammelt sich zwischen ihnen der Schnee, der jetzt von unseren Schwüngen losgetreten nach links und rechts stebt. In Richtung Süden ist schon Italien zu sehen.

Das Gelände wird steiler. Vor uns tauchen Gletscherspalten auf. Manche klaffen meterweit als Riss in der Landschaft, andere sind schwer zu sehen, weil vom Schnee verdeckt. Und auf Schneebrücken werden sie sogar überquert. Eine sehe ich erst, nachdem mich Wibault darauf aufmerksam macht, obwohl sie kaum einen Meter von mir entfernt ist. Ein tiefes Loch. Ich schaudere und erinnere mich, was ich vor meiner Abreise gelesen hatte: Louis Lachenal, der vermutlich erste Mann, der je auf einem Achttausender gestanden hat, starb hier, weil er sich 1955 beim Sturz in eine Gletscherspalte das Genick brach. Auch heute ist die Vallée Blanche definitiv kein Ort, an dem Leichtsinn Platz hat.

Wibault weist mich an, genau seinen Schwüngen zu folgen. Wir schwingen links am Refuge du Requin vorbei, weil die Sonne den Schnee am Südhang schon so weit aufgeweicht hat, dass er ins Rutschen kommt. Man sieht es an den Spuren der Skifahrer. Wir sind unterhalb davon, und Wibault mahnt zur Eile – nur nicht allzu lange unnötig im Gefahrenbereich verweilen.

Am Salle à Manger machen wir Rast. Der „Speisesaal“ liegt direkt unterhalb der Séracs du Géant. Grün, türkis, blau leuchtet das von der Sonne angestrahlte und zu Zacken gestauchte Eis. Es ist fast Mittag und so warm, dass wir uns unserer Skijacken entledigen. Wir sind seit gut einer Stunde unterwegs, der Schnee ist schwer geworden und hat Kraft gekostet. Die Konzentration hat bei mir merklich nachgelassen. Ein Baguette mit Käse, Traubenzuckertabletten und eine Flasche Wasser helfen, ein wenig zu regenerieren.

Dann wird der Weg eng, weil Gletscherspalten und -türme nur wenig Platz lassen. An manchen Stellen ähnelt die Vallée Blanche hier einer extrem ausgefahrenen Skipiste, bevor sie sich mit dem Eismeer vereint. Der Blick weitet sich, die Augen richten sich wieder auf die Landschaft, und es ist auf einmal wieder viel Platz.

Wie alle Gletscher schmilzt auch das „Mer de Glace“. 1990 lag der Gletscher noch 82 Meter höher zu der Stelle, an der wir ohne Probleme den Rest unserer Abfahrt beschließen. Am Ende müssen wir die Ski schultern und über ein Geröllfeld zu einer Seilbahn hinaufsteigen, die uns zur Bergstation Montenvers bringt.

Vom altehrwürdigen Hotel aus hat man einen perfekten Blick auf den Gletscher. Mit einem Panaché, einem Alsterwasser, begießen wir die Abfahrt und lassen die Vallée Blanche Revue passieren. Ich spüre Demut gegenüber dieser großartigen Naturkulisse, bin erschöpft, erleichtert und glücklich.

Von Michael Heinrich