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Reisereporter Trubel und Ruhe in Lissabon
Reisereporter Trubel und Ruhe in Lissabon
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00:39 01.09.2012
Von Stefan Stosch
Portugals Metropole steht nicht nur als Kurzreiseziel hoch im Kurs. Quelle: iStockphoto/delray77
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Lissabon

Die Sardinen fahren auf Augenhöhe vorüber, kaum einen Meter entfernt. Man möchte beinahe die Nase hineinstecken, um sich zu vergewissern, dass die silbrig glänzenden Fische auch wirklich so frisch sind, wie sie ausschauen. Aber dafür sind die Sardinen zu schnell.

Okay, der Fisch fährt gar nicht, er liegt auf Tellern hinter Glas, garniert mit ebenso appetitlichen Shrimps. Aber es sieht genauso aus. Tatsächlich sind wir es, die sich fortbewegen - in der rumpelnden Straßenbahnlinie 28 in Lissabon, die in manchen engen Durchfahrten den Häusern so nahe kommt, dass man unwillkürlich den Kopf zurückzieht. Die Fensterscheiben der historischen Tram, der Eléctrico, sind im warmen Fahrtwind geöffnet, man kann die Stadt riechen, den Kaffee, den (Stock-)Fisch und manchmal sogar die salzige Luft vom nahen Atlantik.

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Es gibt wohl kaum eine sinnlichere Art, Lissabon zu erkunden als in den gelben Waggons. Wie in einer gemächlichen Achterbahn ruckelt und zuckelt man die steilen Hügel hinauf und hinunter, vorbei an kachelgeschmückten Häuserwänden und an Ausblicken auf den Fluss Tejo. Manchmal fährt man nur Schritttempo, die Bahn bockt und holpert in ihren ausgeschlagenen Gleisen. Immer wieder klingelt der Fahrer energisch, damit sich ihm eine Lücke im Verkehr öffnen möge. Die Touristen versuchen, einen der Sitzplätze auf den hölzernen Bänken zu ergattern, an manchen Haltestellen stehen sie Schlange. Die Einheimischen gehen lieber gleich nach hinten durch, wo der Ausstieg ist.

Wer einen Platz gefunden hat, bleibt im Zweifelsfall bis zur Endhaltestelle an Bord. Und wird dann doch schwach: Draußen locken die vielen Miradouros, die Aussichtsterrassen. Sehr zu empfehlen ist der Largo das Portas do Sol, das Sonnentor an der einstigen maurischen Stadtmauer. Von hier eröffnet sich ein prächtiger Blick auf den Tejo und die roten Ziegeldächer des Alfama-Viertels, in dem abends in beinahe jeder Kneipe der portugiesische Fado gesungen wird - in sehr unterschiedlicher Qualität.

Am besten spaziert man zwischen den Lokalen hindurch, lässt sich von keinem noch so freundlichen Gastwirt hineinkomplimentieren und bleibt dort stehen, wo die Musik am verlockendsten nach draußen dringt. Allerdings verpasst man dann die Gesichter der Sänger, in denen all der Schmerz und die Traurigkeit dieser Welt versammelt sind. Beim Fado komme es zuerst auf den Ausdruck an und dann erst auf die Kunst, sagen Experten. Da könnte was dran sein.

Vom Sonnentor sind es nur noch ein paar Hundert Meter hinauf zur Burg São Jorge, dem einstigen Machtzentrum der Stadt, von wo aus Mauren und Kreuzritter herrschten. Oben weht auch an heißen Sommertagen ein kühler Wind. Der Rundumblick ist grandios. Von unten hallt der Lärm der Stadt herauf, aber hier kann man entspannt an der Burgmauer sitzen und den Blick in die Ferne schweifen lassen.

Erst König Manuel I. verlegte im 16. Jahrhundert seinen Sitz hinunter in den Palast am Fluss. Vom Ufer aus ließen sich die Entdecker auf ihren Schiffen Richtung Atlantik vortrefflich verabschieden - und noch lieber nach der Rückkehr wieder begrüßen, wenn sie für die verschwenderische portugiesische Krone Gewürzrouten nach Fernost oder Goldschätze in Südamerika entdeckt hatten. Damals, im „Goldenen Zeitalter“, war Portugal eine stolze Weltmacht.

Heute trifft man im Zentrum Lissabons auch auf aufgebrachte, pfeifende Einwohner, die riesige Fahnen schwenken. Was ist da los? „Viel Unglück“, sagt ein Kellner und zuckt traurig die Schultern. Den Ärzten soll unter den Sparzwängen der europäischen Finanzkrise Lohn abgeknapst werden. Immer wieder andere Protestgruppen ziehen durch die Straßen. Nur wenige Gäste in den zahllosen Cafés gucken noch von ihren Tischen hoch, wo sie Bica, den starken schwarzen Kaffee, schlürfen.

Von solchen wirtschaftlichen Verwerfungen konnte Vasco da Gama nichts ahnen. Der Mann, der den Seeweg nach Indien auskundschaftete, wusste schließlich auch nicht, dass ein paar Jahrhunderte später in Lissabon ein riesiges Einkaufszentrum nach ihm benannt sein würde. Der Entdecker liegt standesgemäß im prächtigen Hieronymuskloster im einstigen Seefahrerviertel Belém begraben. 70 Kilogramm Gold soll der Bau des Klosters jährlich verschlungen haben, das waren gerade einmal fünf Prozent der damaligen Einnahmen aus dem Pfefferhandel.

So sitzt man denn im Gras vor dem mit orientalischen Ornamenten überreich verzierten Kloster, ein paar Kilometer vom quirligen Zentrum entfernt, denkt über die wundersamen Zeitläufte nach und verdrückt Pastéis de Belém, mit Creme gefüllte und mit Zimt bestreute Blätterteigtörtchen. Die Konditorei nahebei verkauft angeblich 15000 Stück täglich, alle handgemacht, kreiert nach einem mehr als 150 Jahre alten Geheimrezept. Durch ein Glasfenster kann man bei der Produktion der wohl berühmtesten Leckerei Lissabons zuschauen, die durch Süßigkeiten wie Engelsbrüstchen, Himmelsspeck oder Bischofsschnitten ergänzt wird. Einst oblag der Zuckerhandel den Klöstern, daher die kirchlich-köstlichen Namen.

Auch wenn man an so vielen Orten und Plätzen Lissabons einfach nur genießen möchte, einem Bürger in dieser Stadt muss man seine Ehrerbietung erweisen: dem Dichter Fernando Pessoa. Auch seine Überreste haben im Hieronymuskloster ihre letzte Ruhestätte gefunden, doch scheint Pessoa noch immer gegenwärtig zu sein. Gleich an mehreren Häusern hängen Schilder, die darauf hinweisen, dass er hier logierte. Eine bronzene Statue sitzt vor dem Café Brasileira und lässt sich von Touristen die steife Hand schütteln. Zu Lebzeiten hätte sich das der menschenscheue Autor in seinem Lieblingscafé kaum gefallen lassen. Aber da war er ja auch noch nicht weltberühmt. Das kam erst nach seinem Tod 1935.

Wer mehr über Pessoa erfahren will, fährt in das nach ihm benannte Kulturzentrum. Hier sind persönliche Notizen, Bücher, Schreibmaschine, Schlafzimmerregale, sogar Rasierklingen vom einstigen Stammfriseur schräg gegenüber ausgestellt. Pessoa sei für Lissabon wichtiger als Franz Kafka für Prag oder James Joyce für Dublin, sagt Museumschef José Correia. Er zeigt auf die Truhe, in der sich nach Pessoas Tod Zigtausende von Dokumenten fanden. Wie viele es genau waren, kann er in diesem Moment nicht sagen. Aber wenig später, als man schon wieder bei einem Kaffee über die Stadt und den Tejo schaut, trifft eine Mail von Correia ein: 27543 Papiere hätten sich in besagter Truhe gefunden. So genau nimmt man es mit dem Dichter Pessoa im sonst so lässigen Lissabon.

Michael Pohl 25.08.2012
Bernd Haase 18.08.2012