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Reisereporter Tempel bis zum Horizont
Reisereporter Tempel bis zum Horizont
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11:49 23.05.2009
Quelle: Schmiedeke
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Langsam, mit vorsichtigen Fingern, nimmt der alte Mann einen flatternden Streifen Blattgold und legt ihn unter dem vielstimmigen Geflüster der Pilger sanft auf dem Bauch des Buddhas ab. Kurz noch verharrt die knochige Hand, streicht das hauchdünne Blättchen glatt, bis es eins wird mit all den anderen Blättern, eintaucht in einem Meer von Gold, das sich fast vier Meter hoch tonnenschwer auftürmt. In Birma heißt es, der Mahamuni-Buddha in Mandalay sei ein Abbild des Erleuchteten, noch zu seinen Lebzeiten angefertigt. Nur Männern ist der Zugang zur Kammer des Buddhas erlaubt, die Frauen knien gehorsam in etwa 50 Meter Entfernung nieder. Doch sie alle bitten den Heiligen inbrünstig um ein Leben ohne Leid – nicht jetzt, aber zumindest im nächsten.

Leidgeprüft ist Birma allemal – dieser buddhistisch dominierten Vielvölkerstaat, den die Militärmachthaber vor zwei Jahrzehnten Myanmar tauften. Als im vergangenen Mai der Zyklon Nargis das Irrawaddy-Delta verwüstete, verhinderte die Armee wochenlang, dass ausländische Hilfe ins Krisengebiet gelangen konnte. Offiziell starben 140.000 Menschen – erst durch Sturm und Flut, dann durch Hunger und Krankheit, die der Katastrophe folgten. Heute sind nur noch wenige Spuren der Tragödie sichtbar. An den Ufern des mächtigen Irrawaddy stehen marode Bambushütten und vom Sturm zerstörte Buddhaschreine. Doch so weit kommen Reisende selten – wenn sie überhaupt kommen.

Denn seit der Empörung über die Generäle meiden besonders Europäer das Land. In der alten Königsstadt Bagan, der Hauptattraktion aller Birma-Reisen im Herzen des Landes, warten die Einheimischen sehnsüchtig auf Kundschaft. „Du bist die erste Besucherin heute“, verrät Aung Lin. Er handelt mit Lackkunstarbeiten in einem Flügel des Ananda-Tempels, einem mächtigen verwitterten Baus aus dem 11. Jahrhundert. Seufzend zeigt Aung Lin auf seine kunstvoll bemalten Schalen, Vasen und Teller, die schon Staub angesetzt haben: „Das Geschäft läuft nicht gut“.

Bei der Besichtigung des weltberühmten Tempelareals mit seinen mehr als 2200 Sakralbauten trifft man vor allem Einheimische. „Du bist kein echter Birmane, wenn du nicht in Bagan warst“, sagen sie. Nach seiner Krönung im Jahr 1044 n. Chr. machte König Anawrahta Bagan zu seiner Hauptstadt und initiierte die ersten Tempelbauten. Binnen 250 Jahren entstanden eine Vielzahl von religiösen Monumenten aus Holz und Ziegelstein. Doch nur letztere überdauerten die Jahrhunderte.

Wohin man auch blickt, erheben sich kunstvoll gebaute Pagoden in der Steppe: begehbare Tempel und sogenannte Stupa, geschlossene Denkmäler, die von den Gläubigen umrundet werden. Wer sich an der Landschaft sattgesehen hat, dem spenden die Tempel kühlen Schatten. Und selbst unscheinbare Bauten überraschen mit wunderschönen Wandmalereien.

Legende vom abgeschnittenen Zopf

„Come in“, ruft die junge Frau. Whe Ming hütet mit ihrer fünfjährigen Tochter eine kleine Pagode. Sie führt Besucher durch die dunkle Halle, leuchtet mit einer Taschenlampe, damit ihnen die Buddhalegende mit dem abgeschnittenen Zopf nicht entgeht. Sie sei im Auftrag der Behörden hier, sagt Whe Ming. Ihr Mann hat bis eben auf den Stufen des Tempels geschlafen, nun wird er wach und drückt seiner Tochter einen Stapel in die Hand: „Willst du Postkarten?“

Postkartenkinder gibt es viele in Birma, überall, wo sich mit Fremden Geld verdienen lässt. Zeichen einer vom Staat vernachlässigten Jugend, deren Eltern sich das Schulgeld nicht leisten können. Seit Jahren schon helfen die buddhistischen Mönche aus, diese zweite Macht in Birma neben dem Militär. Sie gründen kostenlose Schulen für die Armen und eröffnen medizinische Stationen.

400.000 Mönche soll es geben – genau so viele wie Soldaten. Letztere sieht man selten, zumindest nicht in den für Touristen geöffneten Gebieten. Die rot gewandeten Mönche und ihre Novizen hingegen sind allgegenwärtig. Morgens betteln sie in ihrer Gemeinde um Spenden für ihr Kloster, der Rest des Tages ist der Meditation gewidmet.

So weit die fromme Theorie, doch dem 16-jährigen Win Soi steht der Sinn gerade gar nicht nach Gebet. „Wo kommst du her, ist es dort so schön wie hier?“, sprudelt es aus dem kahl geschorenen Novizen heraus. An der U-Bein-Brücke, diesem legendären Teakholzbau bei Amarapura und Ziel vieler Touristen, sucht er das Gespräch mit den Fremden. Schwatzend ziehen seine Brüder an uns vorbei. Ob er Mönch werden wolle, wisse er noch nicht, sagt Win Soi. Vielleicht mache er auch etwas mit Computern, meint er hoffnungsvoll.

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben im Hier und Jetzt ist groß in Birma, auch wenn der Buddha anderes lehrt – und die Regierung Veränderungen nur nach ihren Regeln erlaubt. Der Zugang zu moderner Kommunikation ist strikt reglementiert. SIM-Karten für ein Handy kosten offiziell 1600 Dollar, unerschwinglich für Jungen wie Win Soi, und das Internet wird immer noch streng zensiert. Zwar sind für das Jahr 2010 Parlamentswahlen angekündigt, doch der Opposition werden kaum faire Chancen eingeräumt. Trost bietet den Birmanen daher nur der Glaube an eine glücklichere Wiederkehr, verkörpert durch einen zarten Streifen Blattgold.

Von Anja Schmiedeke

Anreise
Die meisten Touristen reisen über Bangkok mit dem Flugzeug nach Yangon oder Mandalay. Auf dem Landweg ist eine Anreise über Thailand oder China möglich. Dabei gelten jedoch diverse Einschränkungen.

Visum
Deutsche Staatsbürger ab einem Alter von drei Jahren müssen ein Visum beantragen. Formulare gibt es im Internet unter www.botschaft-myanmar.de. In der Regel ist ein Visum über 28 Tage binnen einer Woche erhältlich.

Reisezeit
Von November bis Februar mit Temperaturen von 20 bis 30 Grad. Von März bis Mai ist es wegen der Hitze nur noch in den Bergen angenehm.

Tour
Studienreisen zwischen einer und zwei Wochen bietet Studiosus an (Beispiel: 15 Tage ab 2920 Euro pro Person). Auch Meiers Weltreisen, TUI und Dertour haben Birma im Programm.
Individualreisende sollten ihre Pläne mit einer lokalen Reiseagentur abstimmen, weil sich angesichts der politischen Lage örtliche Reisebestimmungen ändern können.

Weitere Informationen
www.myanmar.com
Reisehinweise des Auswärtigen Amtes:
www.auswaertiges-amt.de

23.05.2009
16.05.2009