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Reisereporter Reisen und Speisen in Schanghai
Reisereporter Reisen und Speisen in Schanghai
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18:05 02.12.2009
Schanghai im Höhenrausch: Die Wolkenkratzer machen sich gegenseitig Konkurrenz.
Schanghai im Höhenrausch: Die Wolkenkratzer machen sich gegenseitig Konkurrenz. Quelle: Wiedersheim
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Superlative in Schanghai: Die Stadt ist weltweit die größte aller Baustellen. 100 Kilometer von Nord nach Süd, 40 Kilometer von Ost nach West und demnächst: 632 Meter lichter Höhe vom Bürgersteig bis zum höchsten Dach des Wolkenkratzers Shanghai Center.

Von Mai bis Oktober 2010 gibt es eine einmalige Zäsur auf Schanghais Weg zur Hybris einer Metropole. Die Stadt drosselt ihr wütendes Wachstum und putzt sich für die Weltausstellung Expo 2010 heraus. Es gibt wohl auf Jahrzehnte hinaus keinen besseren Zeitpunkt für einen Besuch in der Stadt über (Chinesisch: Shang) dem Meer (Hai). Nur für die Expo 2010 ist der Besuch allerdings viel zu schade. Hier sind Tipps für fünf Tage voller Überraschungen für Geist und Gaumen.

Tag 1

Reisende aus Übersee landen auf dem Flughafen Pudong direkt an der Küste des Gelben Meeres. Schade, wenn der Hoteltransfer inklusive und per Bus organisiert ist. So beginnt das Abenteuer Schanghai höchstwahrscheinlich mit mindestens 90 Minuten Stau. Warum nicht den Maglev nehmen? Das Kunstwort steht für „Magnetic Levitation“ (magnetisches Schweben). Richtig, hier verkehrt der Transrapid auf seiner einzigen Echtwelt-Strecke. Anschnallen: In acht Minuten bis zum Rand der City, und für 40 Sekunden erreicht er die Spitzengeschwindigket von mehr als 430 Stundenkilometern. So was macht Appetit.

Wie wäre es – passend zum Transrapid – mit chinesischem Fast Food aus der Garküche? Der beste Tipp sind chinesische Maultaschen, die in Brühe gegart und mit Schweine- oder Krabbenfleisch gefüllt sind (englisch: Dumplings; chinesisch: Shui Jiao). Je nach Hunger sind zehn bis 15 Stück eine gute Portion. Auf dem Tisch stehen Essig, Sesamöl, Soja-soße und Chillipaste zum Würzen. Man nehme reichlich!

Tag 2

Im Westen nichts Neues – das gilt nicht nur für den Globus, sondern in gewisser Weise auch für Schanghai. Westlich des Flusses Huang Pu stehen die letzten Kolonialbauten, früher Handelshäuser, heute Banken, und das weltberühmte Peninsula-Luxushotel an der Prachtstraße Bund (das ist Hindi für Kaimauer). Am Ostufer treiben dagegen Wolkenkratzer wie Bambusschösslinge in die Höhe.

Noch ragt das World Financial Center in seiner markanten Flaschenöffnerform am höchsten. Ist daneben das zurzeit im Bau befindliche Shanghai Center fertig, wird es mit seiner Form einer hochkant stehenden Schriftrolle und mehr als 640 Metern Höhe seine Nachbarn niedlich bis nichtig erscheinen lassen. Nur an Tagen mit klarem Himmel lohnt es sich, auf die Aussichtsplattform des Flaschenöffner-Hochhauses zu fahren (Fahrstuhlfahren als Event!). Bei schlechtem Wetter ist oben alles Grau in Grau.

Am Bund starten bei Abenddämmerung Flussfahrten. Wer mitfährt, bekommt jede Menge Postkartenmotive der beleuchteten Wolkenkratzer vor die Linse. Und Hunger. In der Nähe des Schiffsanlegers finden sich Dutzende Restaurants, die die Küche Sichuans und besonders der Stadt Chongqing bieten. Ein kleines Abenteuer ist Huo Guo („Feuertopf“): In der Brühe über dem kleinen Gasbrenner garen sich die Gäste selbst Fleisch, Fisch und Gemüse, die nach Gusto von der Karte geordert werden. Die Brühe wird auch „sehr scharf“ und „scharf“ angeboten. Für Huo-Guo-Anfänger reicht „nicht scharf“ – und dazu unbedingt viel Wasser, das sicher notwendig ist.

Tag 3

Meist dauert es drei Tage, bis Schanghais Ruhe- und Rastlosigkeit zu nerven anfangen. Nichts ist dann besser, als das radikal entschleunigte Refugium der Yü-Gärten zu besuchen. Klassische chinesische Landschaftsarchitektur schafft hier eine überraschende Märchenhaftigkeit – erbaut im Jahr 1559 als Residenz eines Mandarins. Es gibt 100-jährige Magnolien neben kleinen Teepavillons, und Spazierwege winden sich um nachempfundene Kalksteingebirge, die den lärmenden Moloch draußen abschirmen. Drinnen stören höchstens Zikaden die Stille. Oder Frösche, die in den Zierteichen quaken lecker. Klingt lecker...

Im stadtbekannten Gu Yi Restaurant mit Spezialitäten aus der Küche der Provinz Hunan gibt es: Ochensfroschschenkel. Im Wok mit tränentreibend viel Chilli und chinesischem Koriander zubereitet und in einem aufgesägten Bambusrohr serviert. Der Schenkelgröße nach zu urteilen, würde für solche Biester in Deutschland Leinenzwang gelten. Ihr Fleisch ist jedoch fast so zart wie ein Wachtelbein.

Tag 4

Wie es in Schanghai vor 100 Jahren ausgesehen haben mag? Im Örtchen Zhu Jia Jiao, eine Autostunde nach Westen, lässt es sich noch heute nachempfinden. Statt Straßen: Kanäle; nicht viel anders als in Venedig. Darauf bringen Bootsleute Lasten und Leute in ihren Kähnen hin und her. Das chinesische Staatsfernsehen rückt oft an, um hier Historienschinken zu drehen. Nur die Leuchtreklamen müssen dann abgehängt werden, die grünen Tee, Kaffee (Lavazza!) und Zongzi anpreisen. Die muss man einfach probiert haben.

Zongzi-Zutaten sind Klebreis und (neben anderen Fleischvarianten) Hong-Shao-Schweinefleisch, das über Stunden in einem Sud aus Sojasoße, fermentierten roten Bohnen und karamelisiertem Zucker köchelt. Reis und Fleisch werden in ein Schilf- oder Bambusblatt gewickelt und dann weiter über Stunden gedämpft. Es gibt auch Zongzi zum Dessert – gefüllt mit gezuckerter Bohnenpaste.

Tag 5

Wie Schanghai in 50, vielleicht 100 Jahren – wie überhaupt die Zukunft der Megastädte – aussehen mag? In der Shanghai Urban Planning Exhibition Hall wird es im Legoland-Format angedeutet. Es gibt tennisplatzgroße Modelle der heutigen Stadt mit ihren 3000 Hochhäusern sowie Miniaturen des Schanghais künftiger Dekaden und des Konzepts der „vertikalen Stadt“, die bald nicht mehr in der Fläche, sondern in die Höhe wachsen wird – zu einem Wohngebirge.

Kulinarisches Kontrastprogramm im Restaurant der islamischen Hui-Minderheit: Die Nudeln werden nach alter Art mit der Hand gezogen und die Suppe mit aromatischem Yak-Fleisch verfeinert. Spezialität des Hauses ist die Hühnerplatte nach einem Rezept aus Chinas Wild-West-Provinz Gansu. Gewürzt mit Stern-anis und dem „Bastard-Zimt“ des Cassia-Baums kommt der gehackte Vogel samt Bürzel, Hals und Kopf mit Hahnenkamm (etwas weich, aber durchaus lecker!) in den Wok und dann auf den Tisch. Die Delikatesse kostet weniger, als man in Deutschland als Trinkgeld ausgibt – und ein bisschen Überwindung. Aber ist nicht die Überwindung von Grenzen ohnehin der ursprüngliche Antrieb auf Reisen?

Hin und weg

Anreise: Per Direktflug, in der Regel ab oder über Frankfurt. Die Flugzeit dauert rund zwölf Stunden. Die Zeitverschiebung beträgt dabei sechs (Sommerzeit) oder sieben Stunden.

Beste Reisezeit: Mai und September – in diesen Monaten ist es kühl und selten über Tage regnerisch. Im Hochsommer wird es in Schanghai bis 40 Grad heiß und dabei subtropisch schwül. Der Winter ist kalt, im Februar bis an die Frostgrenze – und längst nicht jedes Gebäude ist geheizt.

Preise für eine Woche Schanghai etwa mit Veranstalter Gebeco („Schanghai – Paris des Ostens“) je nach Saison ab 888 bis 1222 Euro.

Von Volker Wiedersheim

15.01.2010
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