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Reisereporter Natureislauf lockt Touristen an den Weißensee
Reisereporter Natureislauf lockt Touristen an den Weißensee
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00:53 02.02.2013
Von Bernd Haase
Am Weißensee gibt es während der „Alternatieven Elfstedentocht“ nahezu alles, was auf glatter Fläche realisierbar ist.
Am Weißensee gibt es während der „Alternatieven Elfstedentocht“ nahezu alles, was auf glatter Fläche realisierbar ist. Quelle: Weißensee Information
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Weißensee

Es darf nicht kratzen. Es muss knirschen, aber nur ganz sachte, und zwischendurch muss es kaum hörbar klacken, wenn die Klappkufe des Schlittschuhs wieder zurückschnellt in die Führung. „Wenn Eislauf auf Natureis so klingt, dann ist es perfekt“, sagt Wolfgang Wernitznig, der Eislauflehrer vom Weißensee in Kärnten. Über zwei Wochen im Winter kann man das leichte Knirschen und das Klacken millionenfach hören auf dem See. Dann sind die Holländer da. Sie kommen zu Tausenden zur „Alternatieven Elfstedentocht“, der „alternativen Elf-Städte-Tour“, einem der größten Eislaufspektakel Europas.

Um zu verstehen, was jährlich rund 10000 Niederländer im tiefsten Winter an einen See zieht, an dessen Ende auch die Straße nicht mehr weiterführt und an dessen Ufer nur 800 Menschen leben, muss man die mehr als hundert Jahre alte Geschichte der echten „Elfstedentocht“ kennen. Nüchtern betrachtet handelt es sich um ein Rennen auf Schlittschuhen für Profis und Hobbysportler, das über 200 Kilometer auf zugefrorenen Grachten und Seen durch elf Städte Westfrieslands führt. Aber kein Niederländer betrachtet diese Elf-Städte-Tour nüchtern, das Hauptrennen und das Rahmenprogramm lassen das eislaufverrückte Volk kollektiv ausflippen. Millionen feuern die Läufer an; der Rest guckt die Übertragungen im Fernsehen, und die Sieger werden zu Volkshelden. Den Namen von Henk Angenent, der das letzte Rennen gewann, kennt in Holland jedes Kind.

Angenents Sieg datiert allerdings auf das Jahr 1997, und da liegt das Problem. Die Grachten in Westfriesland frieren selten so zu, dass der Rundkurs befahren werden kann. „In Holland gibt es kaum noch Eis“, sagt Toine Doreleijers. Der muntere 44-Jährige ist der Präsident der eigens gegründeten Stiftung, die die Rennen organisiert. Um wenigstens den Nimbus der Elf-Städte-Tour zu erhalten, sah sich Aart Koopmans, der Gründer der Stiftung, schon vor 25 Jahren nach Orten um, an denen Eiseskälte diesen Namen noch verdient. „Er war in Finnland, Polen und sogar in der Mongolei“, erzählt Doreleijers. Auch den knapp zwölf Kilometer langen Weißensee kennt er spätestens seit 1987. Damals drehten sie dort eine spektakuläre Verfolgungsjagd auf Eis für den James-Bond-Film „Der Hauch des Todes“.

Die Filmleute hatten ihre Wahl nicht von ungefähr getroffen. Der See liegt auf 930 Metern Höhe in einem von eiszeitlichen Gletschern ausgeräumten Hochbecken in den Gailtaler Alpen. Die Berge an seinem Ufer schützen ihn vor Wind, der Wellengang verursachen und so die Eisbildung erschweren könnte. Weil die Temperaturen in klaren Nächten auf mehr als 20 Grad minus sinken, friert der See zumindest im flacheren Westteil zuverlässig zu. Außerdem liegt er für die Holländer nur 1000 Kilometer entfernt - für das reisefreudige Völkchen auch im Winter kein Thema.

Die Folge ist eine Art Kolonisation des Weißensees während der zwei Wochen, an denen die Profi- und Volksrennen stattfinden. Die Autokennzeichen: gefühlt zu 90 Prozent holländisch. Die Gasthöfe: außen mit der holländischen Fahne beflaggt. Die Sprache an der Rennstrecke: Holländisch. An Buden im Start- und Zielbereich steigt der Duft von holländischen Poffertjes, kleinen Pfannküchlein, in die klare Winterluft. Nach den Rennen steigt im Festzelt auf dem See eine Fete. Sie heißt Blarenbal, übersetzt Blasenball. „Es bedeutet, dass man sich die Blasen nach den langen Rennen wegtanzt“, sagt Doreleijers. „Wenn die Berge nicht wären, wäre es wie bei uns zu Hause“, sagt Rik Smits, der seit mehr als zehn Jahren mit der Familie zum Eislaufen nach Kärnten fährt.

Die Gemeinde Weißensee als Zusammenschluss der Dörfer am See hat das Medieninteresse genutzt. Es gab schon immer Sommertourismus, es gibt auch ein kleines Skigebiet und ein Langlaufloipennetz. Trotzdem: „Die Elf-Städte-Tour hat uns aus dem winterlichen Dornröschenschlaf geweckt“, gibt Arno Kronhofer, Leiter vom Tourismusbüro am Weißensee, freimütig zu. Auf dem Naturspielplatz Weißensee bieten sie nun Eislaufkurse, Eishockey, Eisstockschießen und sogar Eisgolf an - praktisch alles, was sich auf dem glatten Terrain anstellen lässt. Ende November, Anfang Dezember beginnt die Saison und damit die Zeit von Norbert Jank. Er ist der Eismeister vom Weißensee, und wenn Fräulein Smilla im Buch von Peter Høeg ein Gefühl für Schnee hat, dann hat der knorrige Kärntner eines für Eis. Das behauptet er ohne falsche Bescheidenheit - es gibt aber kaum jemanden, der das abstreitet.

Jank dürfte der einzige Eismeister Europas sein, der nicht bloß eine Fläche in einer genormten Halle präpariert, sondern gleich einen ganzen See. Wenn das Wetter mitspielt und er seinen Job gut erledigt hat, können die Eisläufer auf einem 25 Kilometer langen Rundkurs sowie diversen Nebenstrecken über den See flitzen. Würde es bloß frieren, wäre das kein Problem. Dann würde sich das spiegelblanke Kerneis bilden, das aus reinem Wasser besteht und am Weißensee bis zu einen halben Meter stark wird. Aber ab und an schneit es eben auch, und in diesem Fall sorgt Jank mit seinem Fuhrpark und seinen Helfern dafür, dass die Laufstrecken frei bleiben. „Im Prinzip geht es darum, entweder den Schnee zu räumen oder aus ihm Eis zu machen“, sagt er. Hört sich lapidar an, ist aber ein Job, der ihn manchmal zwölf und mehr Stunden am Tag beschäftigt. Ein einziges Mal mussten die Rennen in Weißensee - an denen übrigens auch Deutsche und Österreicher teilnehmen - abgesagt werden. 2007 lagen 130 Zentimeter Schnee auf dem Eis, das haben selbst Jank und seine Mitarbeiter nicht beiseiteschaffen können.

Etwa Mitte März endet die Eislaufsaison am Weißensee, weil Eismeister Jank mit seinen Geräten nicht mehr auf die Seefläche kann. Bis dahin ziehen die Läufer mit langen, rhythmischen Schritten ihre Bahnen. Und wenn es nur leicht knirscht und kaum hörbar klackt, ist es perfekt.

Hin und weg:

Anreise
Mit dem Auto über München und Salzburg und dann weiter über die A10 bis Spittal am Millstätter See. Von dort auf der E 66 durch das Drautal bis Greifenburg und schließlich über Bruggen hoch zum See. Mit der Bahn auf gleicher Route bis Greifenburg, von dort fahren kostenlose Shuttlebusse zum See.

Reisezeit
Je nach Witterung dauert die Eiszeit von Weihnachten bis Mitte März. Wer dem Holländertrubel entgehen will: Die „Alternatieve Elfstedentocht“ findet in der Regel in der letzten Januar- und der ersten Februarwoche statt. Wer den Trubel miterleben will, muss entweder früh buchen oder in der weiteren Umgebung nach Quartieren suchen. Am Weißensee ist es schwierig, während der zwei verrückten Wochen ein freies Bett zu bekommen.

Informationen
www.weissenhof.com
 www.natureislauf.at