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Reisereporter Mit einer Hübschlerin durch die Stadt
Reisereporter Mit einer Hübschlerin durch die Stadt
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00:56 31.10.2009
Die Hübschlerin in der Stadt unterwegs: Gewürze, Nüsse und Honig – Anna (rechts) plaudert mit der Lebzelterin über Rezepte.
Die Hübschlerin in der Stadt unterwegs: Gewürze, Nüsse und Honig – Anna (rechts) plaudert mit der Lebzelterin über Rezepte. Quelle: srt
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Sie trägt ein Gewand, das sich auf einem Mittelalterfest sehen lassen könnte. Carmen Machmuridis-Lösch hat sich als Hübschlerin verkleidet, so nannte man vor 500 Jahren die leichten Mädchen. Im wahren Leben ist die Tochter eines Griechen und einer Deutschen Stadtführerin in Nürnberg. Und weil „Leute unterhalten werden wollen“, hat sich die 45-Jährige, die Vor- und Frühgeschichte studiert hat, in die Rolle einer Mittelalter-Dirne namens Anna eingelebt.

Ein halbes Jahr hat sie dafür in den Archiven der Stadt recherchiert. Jetzt weiß sie genau, was es damals bedeutet hat, sich als Hure über Wasser zu halten. Mit Witz und schauspielerischem Talent lässt Carmen alias Anna ihre Gefolgschaft Teil haben am Zorn über die Mächtigen, die ihr sogar die Bekleidung vorschreiben.

Dabei war Nürnberg in Sachen käuflicher Liebe durchaus liberal. Immerhin gab es hier das erste Bordell, das Haus der gemeinen Frauen, das vom Rat der Stadt eigene Regeln bekommen hat, die „Frauenhausordnung von 1470“. Festgelegt war der Mietzins, 42 Pfennig monatlich plus sieben Pfennig fürs Bad. Die Hälfte des Lohns ging für Bettwäsche und Essen drauf. Festgelegt war auch, was ein Freier zu zahlen hatte: drei Pfennig, für die Nacht neun Pfennig. Da wurde Frau nicht reich, es sei denn, sie war nicht nur Handwerkern sondern auch dem Kaiser zu Diensten, der zahlte mit Gulden. „Zur Verhinderung größeren Übels“ wurden die Frauen sogar in der Kirche geduldet. Doch nach der Reformation war’s vorbei mit den lockeren Sitten – das geduldete Gewerbe rutschte in die Illegalität ab.

Wir aber befinden uns noch in den goldenen Zeiten – und Anna kennt hier die wichtigsten Bürgerinnen und vor allem deren Männer. Sie plaudert mit der Lebzelterin über die Geheimnisse der berühmten Lebkuchen, oder holt bei der resoluten Spitalmutter im Heilig Geist Spital Petersilienwurzeln für ihre schlaffen Kunden.

Schön und Hässlich

In Nürnberg liegt alles nah beisammen, das Alte und das Neue, das Schöne und das Hässliche, Biedermann und Brandstifter, Albrecht Dürer und Drittes Reich. So manches hat die Einschläge des Weltkriegs überstanden wie der Schöne Brunnen, die Frauenkirche mit dem berühmten „Männleinlauf“, die „Chörlein“ an den Patrizierhäusern in der Füll, die Fleischbrücke nach dem Vorbild der Rialto-Brücke, der Tugendbrunnen, St. Sebald, das Dürerhaus, die Kaiserburg oder auch die mittelalterliche Stadtmauer. All das gibt einen guten Eindruck der Stadt, die für Martin Luther leuchtete „wie die Sonne unter den Gestirnen“.

So manches freilich wäre so gar nicht mehr nach dem Geschmack des Reformators wie die von den üblichen Kettenläden gesäumten, gesichtslosen Straßen, die deutsche Städte so austauschbar machen. Und so manches ist neu hinzugekommen und einen Besuch wert wie die „Straße der Menschenrechte“ vor dem Germanischen Nationalmuseum in der Kartäusergasse. Hier schuf Dani Karavan eine bewegende Straßenskulptur aus einem Tor und 27 Säulen, zwei Platten und einer Säuleneiche, in die jeweils ein Artikel der Menschenrechte in Deutsch und einer anderen Sprache eingraviert ist. Eine Stein gewordene Mahnung daran, dass auch heute noch die Rechte vieler Menschen mit Füßen getreten werden. Auch ein Kontrapunkt in der Stadt der Rassegesetze und Reichsparteitage und eine Erinnerung daran, dass das Militärtribunal in Nürnberg den Beginn einer internationalen Gerichtsbarkeit markierte.

Für Carmen Machmuridis-Lösch ist Nürnberg wie ein Geschichtsbuch. Ein Spaziergang mit ihr soll den Besuchern das Gestern und Heute näherbringen.

Von Simone F. Lucas

Verein der Gästeführer Nürnbergs e.V., Alte Rother Str. 15b, 91126 Schwabach, Tel. (09122) 86782, Führungen ab 7 Euro pro Person. www.nuernberg-tours.de