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Reisereporter Mit dem Bollerwagen auf Kohlfahrt
Reisereporter Mit dem Bollerwagen auf Kohlfahrt
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00:07 12.12.2009
Sportlich-feuchter Zeitvertreib: Unterwegs wird geboßelt und sich aus dem Bollerwagen bedient.
Sportlich-feuchter Zeitvertreib: Unterwegs wird geboßelt und sich aus dem Bollerwagen bedient. Quelle: Nath
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Die Insignien des Königs und seiner Königin: Ein Schweinekieferknochen, zu tragen an einer Kette um den Hals. Ihre Machtbefugnisse: Keine. Ihre Pflichten: Sie müssen eine Kohlfahrt organisieren.

Wer bei dem Begriff Fahrt jetzt an ein Auto denkt, ist schief gewickelt. Gemeint ist eine winterliche Wanderung in der Gemeinde Visbek im Nordkreis Vechta, der wiederum zum Oldenburger Münsterland gehört. Wenn dort die ersten Frostnächte dem Grünkohl die leichte Süße in die Blätter getrieben haben, gibt es kein Wochenende, an denen nicht größere oder kleinere Gruppen mit Bollerwagen durch die Landschaft ziehen. In denen befinden sich Getränke, und es wird keinen überraschen, dass es sich dabei nie um Milch und nur selten um Mineralwasser handelt.

Oldenburger Münsterland? Vechta? Da war doch was. „Und ewig stinken die Felder“, lautet das Stigma, das dieser Landstrich seit Jahrzehnten mit sich rumschleppt. Hier werden die bundesweit meisten Hühner, Puten und Schweine gehalten. „Das bringt Imageprobleme mit sich“, gibt Tourismusmanagerin Marion Kessens unumwunden zu. Die Zeiten haben sich aber gewandelt. Längst verfügen die Ställe über moderne Filteranlagen, und die Gülle wandert in die Biogasanlagen, von denen es hier in fast jedem Dorf eine gibt. „Bei uns riecht es nicht mehr und nicht weniger als in anderen landwirtschaftlichen Gebieten“, sagt Kessens.

Herausgeputzte Dörfer

Das Oldenburger Münsterland gehört wegen der Tierhaltung, vor allem aber auch wegen der hier ansässigen Spezialfirmen für Landwirtschaftstechnik aller Art zu den wohlhabendsten Gegenden in Niedersachsen. Jetzt möchte man auch mehr Touristen in die Gegend zwischen den Städten Oldenburg und Osnabrück locken. Sie gehört nicht zu den spektakulärsten in Deutschland, aber abwechselungsreich ist sie allemal. Wälder, Moore, Heidelandschaften, Bachläufe, Teiche und Tümpel.

Alles ist gut erschlossen durch Rad-, Wander- und Reitwege, die durch die flachwelligen Geestrücken führen. Als Wassersportparadies lockt der Dümmer. Mittendrin liegen reizvolle Städtchen wie Vechta oder Lohne. Und wer niedersächsische Dorfkultur mag, der ist hier richtig. Weil genug Geld da ist, können es sich die Dörfer leisten, sich herauszuputzen, ohne dabei das geschichtliche Erbe zu vernachlässigen. Mehr Sieger des Landeswettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ als im Raum Vechta findet man in keinem anderen Landkreis.

Auch Besonderheiten lassen sich entdecken. Im Naturpark Wildeshauser Geest im Nordkreis Vechta liegen die ältesten Steindenkmäler Norddeutschlands. Angelegt wurden sie zur Zeit der sogenannten Trichterbecherkultur vor 5000 Jahren. „Damit sind sie älter als die Pyramiden“, sagt Gästeführerin Ulrike bei der Hake-Tönjes. Sie kann auch erklären, wie es die Menschen damals fertig brachten, den auf 40 Tonnen taxierten großen Deckstein der Grabanlage auf die kleineren Steine zu wuchten.

Und natürlich kennt sie auch die Sage, die sich an die Anlagen mit den Namen „Visbeker Braut“ und „Visbeker Bräutigam“ knüpft. Nämliche Braut sollte einem ihr verhassten Bräutigam angetraut werden. Darüber grämte sie sich so sehr, dass höhere Mächte auf ihren Wunsch hin die Hochzeitsgesellschaften versteinerten. Die realistischere Erklärung lautet allerdings, dass es sich bei den Anlagen um Opferstätten handelt.
Unterwegs eine Kugel schieben

Bleibt die Sache mit der Kohlfahrt. Mit dem Bollerwagen geht es durch die Wildeshauser Geest nach Rechterfeld. Unterwegs wird geboßelt; und wem danach ist, der kann sich aus dem Bollerwagen bedienen. Am Abend treffen sich alle bei „Obbys“ am Rechterfelder Bahnhof zur Grünkohlparty, wo sich die Tische biegen und hinterher DJ Ohrwurm aufspielt.

Zwischendurch kürt jede Clique ihr nächstes Königspaar, die Schweinekieferknochenkette findet neue Besitzer. „Mindestens dreimal pro Winter“, so schätzt Tourismusmanagerin Kessens, „gehen die Leute bei uns auf Kohlfahrt.“ Und damit andere auch mal sehen können, was daran so faszinierend ist, gibt es das Ganze als Pauschalangebot für Fremde.

Von Bernd Haase

Anreise

Mit dem Auto: Von Hannover aus entweder über die Autobahn bis Bremen und dann am Bremer Kreuz auf die Autobahn 1 Richtung Oldenburg/ Osnabrück bis zur Ausfahrt Vechta. Oder auf der Bundesstraße 6 bis Nienburg und weiter auf der Bundesstraße 214 über Diepholz nach Vechta.

Mit dem Zug: Mit der Bahn nach Bremen und von dort aus weiter mit der Nord-West-Bahn nach Vechta und zu weiteren Bahnhöfen im Oldenburger Münsterland.

Weitere Informationen

Tourist-Information Nordkreis Vechta, Kapitelplatz 3, 49377 Vechta, Tel. (04441) 858612.
www.nordkreis-vechta.de