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Reisereporter Mit dem Beatles-Bus durch Hamburg
Reisereporter Mit dem Beatles-Bus durch Hamburg
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00:14 07.11.2009
Ein Blick zurück: Im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli legten die Beatles Anfang der Sechziger Jahre den Grundstein zu ihrer Weltkarriere.
Ein Blick zurück: Im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli legten die Beatles Anfang der Sechziger Jahre den Grundstein zu ihrer Weltkarriere. Quelle: Brünjes
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Das kann richtig peinlich werden: Eine 31-Jährige erklärt einem Bus voll ergrauter Beatles-Fans die Bandgeschichte und schmettert zwischendurch Hits der Fab Four zur Gitarre – „bitte mitsingen!“ Bei solchen Aktionen haben sich schon etliche Cover-Bands im Ton vergriffen – nicht so Stefanie Hempel. Nach ihren ersten Akkorden von „Please, please me“ ist klar: Die gebürtige Mecklenburgerin hat den Bus mit toller Stimme und Charme erobert. Gesundheitsschuhe wippen im Takt, ihre Besitzer singen vom Refrain mindestens schon mal das „oh yeah“ mit.

Durch diesen Auftakt hat Stefanie Hempel das „Ticket to ride“ von ihren Gästen, gespannt erwarten sie ihre Geschichten. Der weiße Reisebus rollt los, über die Reeperbahn am Beatles-Platz vorbei. Hier kamen sie an, im Sommer 1960, Milchbubis mit Elvis-Tolle allesamt, zum ersten Mal von zu Hause weg und dritte Wahl. Denn nur weil zwei andere Liverpooler Bands absagten, wurden die Beatles engagiert.

„Mit Schlagzeug“ stand im Vertrag. Das hatten John, Paul, George und der damals zur Band gehörende Stuart Sutcliff aber nicht. Weshalb sie kurzerhand ihren Kumpel Pete Best zum Hamburgtrip überredeten, denn er hatte kurz zuvor ein paar Trommeln und Becken geschenkt bekommen. Stefanie Hempel erzählt das weder im Stile einer allwissenden „Diplom-Beatologin“ noch mit Star-Heiligenschein, sondern sympathisch augenzwinkernd, und zeigt dazu Fotos und Filmausschnitte auf dem Busmonitor.

Erster Gig mit Stripperin

Erster Busstopp: „Große Freiheit“. An dieser Vergnügungsmeile lagen drei der vier Klubs, in denen die Beatles von Rock-’n’-Roll-Rüpeln zu Poptalenten reiften. Ein Ortstermin ist also Pflicht. „Am 17. September 1960 betraten die Beatles die Bühne des ‚Indra‘. Es war ihr erstes Deutschlandengagement und der Beginn einer großen Karriere“, steht etwas pathetisch auf einer Tafel am roten Backsteinhaus.

Eine „anspruchsvolle Entkleidungsrevue“ wurde hier geboten, verrät ein Plakat von damals. „Die war die Rettung der Beatles“, erzählt Stefanie Hempel, „hatten sie doch damals gerade für eine Stunde eingeübte Titel und waren froh, dass eine Stripperin ihnen bei den ersten Konzerten Verschnaufpausen verschaffte, denn die Band musste meist von 19 Uhr bis zum Morgengrauen spielen, angetrieben vom fiesen Klubbesitzer Bruno Koschmider.“ Die Beatles-Expertin garniert diese Geschichte am Straßenrand mit einer fetzigen Strophe von „Rock’n’ Roll Music“ auf ihrer Ukulele und führt die Fankarawane weiter zum „Kaiserkeller“, der zweiten Beatles-Bühne und dem marmornen „Star-Club“-Erinnerungsstein gegenüber.

„Und was soll jetzt noch kommen“, raunt ein Beatles-Kenner bei der Rückkehr zum Bus, „die Jungs haben sich doch nur hier auf den Kiez rumgetrieben.“ Von wegen. Stefanie Hempel gondelt ihre Gäste zum Haus von Fotografin und Pilzkopf-Erfinderin Astrid Kirchherr, wo die Beatles sich satt essen und duschen durften, zeigt, wo sie ihre Instrumente kauften und wo sie am Hauptbahnhof ihre ersten, allerdings verschollenen Studioaufnahmen machten – erstmals mit Ringo Starr am Schlagzeug. Am Fischmarkt schließlich kauften die Fab Four reichlich angetrunken mal ein Schwein, verpassten ihm ein Halsband und zerrten es – in Gedanken an den verhassten „Indra- und Kaiserkeller-Besitzer“ – mit dem Anfeuerungsruf „Come on, Bruno“ auf die Reeperbahn.

Postkarte an Ringos Oma

Hier wieder angekommen, geht’s für die Busbesatzung ins Beatlemania-Museum, zum zweiten Teil der „Magical History Tour“. Der Start, in der fünften Etage, knüpft nahtlos an die Rundfahrt an: Wie John, Paul, George & Co. stehen die Besucher auf einer liebevoll nachgebauten Kiezgasse der frühen Sechziger, unter Neonreklamen und vor Schaukästen mit einmaligen Raritäten: Dem Auftrittsvertrag der Beatles im „Top Ten“ (40 Mark pro Nase und Nacht), ihren für den Konzertagenten handgeschriebenen Lebensläufen (Johns Lebensziel: reich werden) und Ringos Postkarte an die Oma – vorne mit Alsteransicht und hinten mit Rechtschreibschwäche: „The wether hear is not to bad. The people hear are ok.“

Die raue und graue Wahrheit dagegen auf zwei Zeichnungen des Beatles-Freundes Klaus Voormann: Er hat „das schwarze Loch von Kalkutta“ gemalt. So nannten die Beatles ihre beiden ersten Übernachtungsräume hinter der Leinwand des Bambi-Kinos: zusammen 22 Quadratmeter, fensterlos, muffig, mit rostigen Militärbetten und einem Miniwaschbecken im Kinoklo. Mehr Erinnerungen erzählen Voormann, Horst Fascher und andere Hamburger Wegbegleiter in Videoclips, die im Museum in alten Holzfernsehern laufen.
Ab Beatlemania-Etage vier spüren die Besucher, was dieses Wort bedeutete, am deutlichsten im Konzertraum: Shea-Stadion New York 1966, erster Stadionauftritt der Beatles. Durch geschickte Projektionstechnik wähnt man sich mitten in der ohrenbetäubend kreischenden Fanmasse und sieht die Beatles vorne auf der Bühne, hört aber keinen Ton, weil die Verstärker viel schwächer waren als gut 50.000 Kehlen.

Schon 5000 reichten bei der Blitz-Tournee-Rückkehr der Fab Four im selben Jahr nach Hamburg, um die Band fast verstummen zu lassen. Die Kritikerin des „Abendblatts“ muss was gehört haben, schrieb sie doch hinterher: „Man muss es klar sagen: Das, was die Beatles und ihre Mitstreiter fabrizieren, ist tatsächlich Musik.“ Ein paar Schritte neben diesem kulturellen Ritterschlag beginnen Vitrinenregalmeter voll mit Beatles-Turnschuhen, Beatles-Strumpfhosen, Barbie-artigen Modellbaufiguren der Fab Four. Zusammengetragen wurden diese auf elf Themenräume verteilten Schätze überwiegend von den Beatles-Sammlern und -Experten Uwe Blaschke und Ulf Krüger.

Und weil die eingefleischten Fans weder die Beatles-Fahrradwimpel noch die Pomadedose mit nach Hause nehmen dürfen, haben sich die Beatlemania-Macher etwas ausgedacht: Im nachgebauten Abbey-Road-Studio können sie Beatles-Titel als Karaokefassung aufnehmen. Oder ein paar Schritte weiter hinter die XXL-Sperrholzversion des Sergeant-Pepper-Covers treten, um sich damit fotografieren zu lassen. Song und Bild gibt’s dann am Ende dieses nicht zu über„beat“enden „Get Back“-Trips.

Von Stephan Brünjes

Informationen

Die Beatles-Bustour startet jeden Freitag um 19.30 Uhr vor dem Beatlemania, Reeperbahn/Nobistor 10. Sie kostet 27 Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühr. Informationen und Karten unter Tel. (040) 300337916. www.beatlesbus.de