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Reisereporter Mit Hansruedi in den Seilen hängen
Reisereporter Mit Hansruedi in den Seilen hängen
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00:35 28.11.2009
Sichert die Amateur-Alpinisten: Kurt Egger in historischer Bergsteigerkluft.
Sichert die Amateur-Alpinisten: Kurt Egger in historischer Bergsteigerkluft. Quelle: Frischmuth
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Langsam kriecht die Zahnradbahn bergauf. Beim Eiger-Gletscher ein letzter Halt, dann verschluckt der Tunnel den dunkelroten Zug. Jetzt geht es sieben Kilometer durch den Fels von Eiger und Mönch bis zum Jungfraujoch, mit 3454 Meter über dem Meeresspiegel einer der höchstgelegenen Bahnhöfe der Welt. In einem der Waggons neben japanischen Urlaubern eine verwegen aussehende Truppe. Auf den Köpfen Helme mit Kinnriemen, um die Hüften Klettergurte mit Karabinerhaken. Plötzlich, ein Stopp auf freier Strecke, Stablampen blitzen auf, und das gute Dutzend Abenteurer verlässt unter den entgeisterten Blicken der japanischen Touristen den Zug durch die geöffnete Tür in die Dunkelheit.

Aussicht auf luftiger Höhe

Die Jungfraubahn fährt weiter, und Hansruedi, Bergführer von „Eigervision“, versammelt seine Schar in einer kleinen, aus dem Felsen geschlagenen Haltebucht abseits der Gleise. Mit einem Riegel öffnet er die wuchtige Holztür des Stollenlochs, gleißendes Licht strömt in den Tunnelschacht, alle treten vorsichtig hinaus, klinken sich ins Sicherungsseil und bleiben wie gebannt stehen. Aus luftiger Höhe offenbart sich ein majestätisches Landschaftspanorama.

Mit Eiger, Mönch, Jungfrau und anderen Schweizer Felsmassiven gehört die Bergwelt oberhalb von Thuner und Brienzer See zum spektakulärsten, was Europa an Landschaftsansichten zu bieten hat. Wie bestellt kommt jetzt noch die Sonne hinter einer Bergspitze hervor und taucht die schneebedeckten Felsmassive um uns herum in ein mildes Licht.
Ein kleiner Vorsprung, Platz genug für ein schmales Biwakzelt, gibt etwas Sicherheit. Die verströmt auch Bergführer Kurt Egger, der sich mit Schlapphut und Hanfseilen im Outfit der Bergpioniere von einst präsentiert. In der Ferne ein leichtes Grummeln – wohl ein kleiner Abbruch vom Eigergletscher – während Hansruedi die Geschichte des Stollenlochs erzählt.

Letzte Rettung für Bergsteiger

Ende des 19. Jahrhunderts hatte es zunächst wie eine Schnapsidee geklungen, als der Schweizer Industrielle Adolf Guyer-Zeller eine elektrische Zahnradbahn bis zum 4158 Meter hohen Jungfraugipfel bauen wollte. Rund 16 Jahre, unterbrochen von Energie- und Finanzierungsproblemen, sprengten und schlugen Bauarbeiter eine sieben Kilometer lange Tunnelstrecke in den Fels, schufen bei den Stopps Eigerwand und Eismeer Aussichtspunkte für die Fahrgäste und auf dem Jungfraujoch schließlich die Endstation der spektakulären Schienenstrecke.

Die großen Geröllmengen wurden über das Stollenloch entsorgt, und der dortige Ausstieg, genau unter dem Hinterstoisser Quergang des Eigeraufstiegs, war oft genug die letzte Rettung für Bergsteiger in Not. Jetzt, erstmals nach 100 Jahren, können auch alpine Laien in Begleitung von Bergführern den grandiosen Blick in die Tiefe wagen.

„Hier wurden auch dramatische Szenen der Filme ,Im Auftrag des Drachen‘ (The Eiger Sanction, 1975) mit Clint Eastwood und ,Nordwand‘ (2008) gedreht“, erzählt Hansruedi und hängt dabei lässig-schräg in seinem Sicherungsseil: „Am Berg muss man nicht rasen und hetzen, hier geht es ruhig und besonnen zu“, sagt er. „Tief durchatmen und genießen, damit ihr noch lange von dem tollen Erlebnis zehren könnt.“

Sicherheit spielt für die Veranstalter dieses ungewöhnlichen Ausflugs die wichtigste Rolle. Immer schön einen der Karabinerhaken der Klettergurte in die Sicherungsseile einklinken – wird allen immer wieder eingeschärft. „Abrutschen, das ist ja das, was man nicht will“, sagt Hansruedi, der oft schon am Morgen hier oben ist, die Sicherheitsseile prüft und manchmal auch Schnee beiseiteräumt.

Wie von einem Adlerhorst

Langsam hat sich die kleine Gruppe der Amateur-Alpinisten an den Ausblick wie von einem Adlerhorst in der steilen Bergwand gewöhnt. Einige klettern an einer Strickleiter noch einige Meter gipfelwärts und seilen sich dann zum Stollenloch-Ausstieg ab. Es ist eine echte Mutprobe, quer zur Wand und im festen Vertrauen an die Reißfestigkeit moderner Kletterseile. Und ein einmaliges Erlebnis: an der Eiger-Nordwand zu sein, dort, wo auch die sogenannte Erstbegeherroute langläuft.

„Pfötli us“, ruft Hansruedi auffordernd und meint damit, nicht schlaff im Seil zu hängen, sondern den Po herauszustrecken und sich mit den Beinen abzustoßen. Jeder nimmt noch ein Steinchen der Eiger-Nordwand zur Erinnerung mit, und zum Abschluss, in der Haltebucht der Jungfraubahn, hält Hansruedi einen Schluck heißen Tee aus einer Thermoskanne bereit – auf Wunsch mit einem Schuss guten schottischen Whisky – ein „High Tea“ der ganz speziellen Art.

Von Axel Pinck

Anreise
Mehrere Flugverbindungen täglich mit Lufthansa, Air Berlin, Swiss und Austrian Airlines nach Zürich (ab rund 90 Euro). Von dort in zwei bis drei Stunden mit dem Mietwagen oder der Schweizer Bundesbahn SBB nach Interlaken und Grindelwald.

Erlebnis Stollenloch
Die Agentur Eigervision hat die Exklusivrechte an der Tour zum Stollenloch.
Ganzjährig buchbar für Gruppen ab fünf Personen.
Eiger Vison GmbH, 3818 Grindelwald., Tel. (0041)338535566
www.eigervision.ch

Weitere Information
Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt/Main, Tel. 00800-10020030 (kostenfrei). www.MySwitzerland.com

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