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Reisereporter Marktstände mit Gleisanschluss
Reisereporter Marktstände mit Gleisanschluss
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13:54 27.02.2009
Von Wiebke Ramm

Der Jetlag endet an der Rückwand der Markthalle in Samut Songkhram. Dahinter wartet ein Adrenalinstoß, der die Strapazen eines Zwölf-Stunden-Flugs nach Bangkok samt Zeitverschiebung fürs Erste vergessen lässt. Wer sich zwischen Mangos, Papayas, Eiern und Händlern an eine Wand gequetscht hat, um nicht vom Zug überfahren zu werden, der ist wach.
Doch bevor es so weit kommt, gilt es, eine sinnliche Herausforderung zu meistern. Der Geruch von rohem, gebratenem und gegrilltem Fisch liegt in der Luft. Dazu Mofaabgase und der Duft von Räucherstäbchen. Es sind 33 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 Prozent, und es ist vier Uhr morgens – zumindest für europäisches Empfinden.
Vor Ort, knapp 80 Kilometer südlich von Bangkok, ist es tatsächlich 9 Uhr. Der Thai Railway Market am Mae Klong Flussdelta ist gut besucht, auch an diesem Sonntag. An den Ständen liegen Drachenfrüchte neben Melonen. Mangos und Papayas neben Fisch auf Eis und Paletten voller Eiern. Dahinter Frisiersalons und Elektrogeräte aller Art. Dazwischen Thaifrauen und -männer mit Einkaufstüten. Hinter der Halle geht das Marktgeschehen unter freiem Himmel auf einem schmalen Streifen von etwa vier Metern Breite weiter.
Wände zu beiden Seiten, ein Stand am nächsten. Planen, gehalten von Bambusstangen, schützen Mensch und Ware vor Regen und Sonne. Auf dem verbleibenden Meter in der Mitte drängt sich die Menge vorwärts. Vorbei an einer alten Frau, die neben ihrer Ware sitzt und Reis aus einer Schale löffelt. Nebenan blättert ein Mädchen in einer Illustrierten. Und plötzlich teilt sich die Menge und gibt Eisenbahnschienen frei.
Hockerrücken nach Fahrplan
Mit gleichmütigem Gesichtsausdruck stellt die Alte ihre Schale auf den Boden, erhebt sich von ihrem Hocker, rollt die Kisten mit den Früchten Richtung Wand, ignoriert den Ingwer und das Zitronengras zu ihren Füßen und ergreift die Bambusstange samt Plane, um sie mit einer einzigen Armbewegung einzurollen. Dominoartig und dutzendfach wiederholt sich das zu ihrer Linken.
Es empfiehlt sich, das Schauspiel nicht allzu fasziniert zu verfolgen, sondern sich schleunigst an die nächste Wand zu flüchten. Denn: Der Zug kommt. Und mit ihm die Erkenntnis, wer an diesem Ort fremd, wer heimisch ist. Während die Waggons 50 Zentimeter vor der eigenen Nase mit gefühlten 30 Stundenkilometer durch den Markt fahren, haben nur Ortsfremde diesen staunenden Ausdruck im Gesicht. Und meist die Kamera davor.
Die Händler warten einfach die Sekunden ab, in denen der Zug zentimetergenau über die Ware fährt, ohne sie zu beschädigen, und wiederholen schließlich den vorausgegangenen Bewegungsablauf in umgekehrter Reihenfolge: Bambusstange mit Plane ausfahren, Kisten mit Früchten Richtung Gleis rollen, Schale Reis aufnehmen, weiteressen. Der Tourist steht noch immer mit offenem Mund an der Wand.
Achtmal täglich fährt der Zug durch den Markt. Ein Blick auf den Fahrplan mag eine Orientierung geben, doch die Züge sind in Thailand genauso pünktlich wie die in Deutschland. Ein Blick auf die Marktleute ist verlässlicher. Der Grund für dieses Schauspiel liegt übrigens im Geld. Anders als ein Stand fern der Gleise, kostet ein Stand auf den Gleisen nichts.
In Reiseführern heißt es über Samut Songkhram, Thailands kleinster Provinz, die gerade mal gut doppelt so groß ist wie Hannover, dort gebe es „nichts Besonderes zu sehen“. Schon nach den ersten Stunden in der Provinz ist klar – das ist ein Irrtum.
An jeder Ecke Karaoke
Der Floating Market, der Wassermarkt oder schwimmender Markt, von Amphawa zum Beispiel ist ein besonderes Erlebnis. Menschen schieben sich durch die Gassen vorbei an Ständen mit thailändischer Handwerks- und Kochkunst über die Brücken der Kanäle. Händler zu Wasser und an Land. Straßenfestatmosphäre. Ein Ort, an dem klar wird, warum diese Gegend unter Europäern „Venedig des Ostens“ genannt wird.
Anders als der berühmte Wassermarkt im nahen Damnoen Saduak – besser zu bezeichnen als Touristenjahrmarkt – beginnt der Markt in Amphawa nicht schon am frühen Morgen, sondern erst am späten Nachmittag und auch nur am Wochenende und an Feiertagen. Der Westen in Amphawa hat hier bisher nur in Form der unvermeidlichen Coca-Cola-Werbung und der Popsongs Spuren hinterlassen. Derzeit wird dort zu Dido und The Corrs an allen Ecken Karaoke gesungen.
Der Markt in Amphawa eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für eine Bootsfahrt zu den sogenannten #„Asian Christmas Trees“, den asiatischen Weihnachtsbäumen. So kitschig der Name, so kitschig das Naturereignis, das sich dahinter verbirgt.
Blinkende Büsche
Mit Einbruch der Dämmerung geht es mit dem Boot über den Mae Klong. Vorbei an den Holzhäusern der Landbevölkerung. Vorbei an Kokospalmen, Mangroven und Wasserhyazinthen. Wenn die Dunkelheit kommt und die Insekten in Stimmung sind, also das Timing stimmt, fangen die Büsche am Ufer an zu blinken. Was anmutet wie eine zu heftig eingestellte Lichterkette zur Weihnachtszeit, sind Hunderte paarungswillige Glühwürmchen. Und mitunter kann es passieren, dass eines dieser Würmchen im Überschwang der Gefühle auf der resorteigenen Terrasse irrlichtert.
Das alles ist Samut Songkhram. Ein Erlebnis nur eine Stunde von der Millionenmetropole Bangkok entfernt. Und doch so fern dem Thailand des Massentourismus. Merke: Wer sich nur an die Empfehlungen in Reiseführern hält, wird das unbekannte Thailand nicht erleben.

Anreise
Air Berlin fliegt von München dreimal pro Woche in die thailändische Hauptstadt Bangkok, von Berlin täglich. Die Fluggesellschaft bietet Zubringerflüge unter anderem aus Hannover und Hamburg an. Vom Flughafen Bangkok aus werden Urlauber mit Bussen oder den üblichen Hotelshuttles zu den Hotels in die knapp 80 Kilometer entfernte Provinz Samut Songkhram gebracht. Die Fahrt dauert gut eine Stunde.

Reisezeit
Die angenehmsten Monate sind November bis April, dann ist die Luft etwa 32 und das Wasser 28 Grad warm.

Weitere Informationen
Thailändisches Fremdenverkehrsamt, Bethmannstr. 58, 60311 Frankfurt,
Tel. (0 69) 1 38 13 90
Internet:
www.airberlin.com
www.thailandtourismus.de

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