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Reisereporter Maler und Meer
Reisereporter Maler und Meer
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00:35 14.11.2009
Große Meister für kleine Insel: Das Spektrum reicht von Beckmann bis Nolde.
Große Meister für kleine Insel: Das Spektrum reicht von Beckmann bis Nolde. Quelle: wdkw.de
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Der Maler war begeistert: „Für mich waren die Eindrücke auf Föhr so stark, dass ich große künstlerische Fortschritte machte“, notierte Otto Heinrich Engel im August 1901 in sein Tagebuch. Immer wieder zog es den Berliner Künstler in „Grethjens Gasthof“, wo er logierte, während er in den Sommermonaten Aquarelle und Gemälde von Dorfgassen, Windmühlen oder Ernteeinsätzen schuf – als künstlerisches Lob des einfachen Lebens.

Jetzt sind Werke von Engel wieder in „Grethjens Gasthof“ zu sehen. Die vormalige Dorfpension in Alkersum ist Teil des neuen Museums Kunst der Westküste. In Ferienorten an der See sind Museen meist Regentagsalternativen. Man kennt sie als Heimatstuben, in denen zwischen Walgebein und Friesentrachten die Kinder toben, wenn das Wetter keinen Strandbesuch hergibt. Doch das Museum Kunst der Westküste ist eine Kulturattraktion ersten Ranges, das schon für sich genommen den Besuch auf Föhr lohnt. Ein Schmankerl, mit dem das benachbarte, mondänere Sylt nicht aufwarten kann. Denn zu seinem Bestand zählen Werke so hochkarätiger Künstler wie Beckmann und Liebermann, Munch und Nolde.

„Es ist eine unglaubliche Bereicherung für unsere Insel“, schwärmt Sandra Lessau von der Föhr-Tourismusgesellschaft. Dort hofft man, dass das Museum zum Ziel von Busreisen und Tagesgästen wird. Tatsächlich kamen in den ersten zwei Monaten seit der Eröffnung im August rund 23.000 Besucher ins Museum. Dieses verdankt seine Existenz – ähnlich wie das Sprengel Museum Hannover – großzügigem Mäzenatentum, nur eben in einer nordfriesischen Variante: Der Unternehmer Frederik Paulsen, dessen Vater die Pharmafirma Ferring gründete, hat das Museum seiner Heimatinsel gestiftet.

Der 13,2 Millionen Euro teure Bau des Architekten Gregor Sunder-Plassmann ist ein verschachteltes Gebäudeensemble, das moderne Säle und teils reedgedeckte Altbauten verbindet. Auf 900 Quadratmetern zeigt die Eröffnungsausstellung „Von Bergen bis Bergen“, wie Maler im 19. und 20. Jahrhundert die Nordseeküste erlebten. Dicht gedrängt, wie einst in den Salons des Fin de Siècle, hängen an den Wänden rund 250 Gemälde, die zwischen dem niederländischen und dem norwegischen Bergen entstanden – „Petersburger Hängung“ nennen Experten den Kniff. Er bewirkt, dass die Fülle der Kunst den Besucher schier überwältigt.

Am Vorabend der Moderne suchten Europas Künstler die Einsamkeit der Küste mit ihren maritimen Motiven. Noch immer vermittelt sich etwas von der Faszination, die wettergegerbte Fischergesichter, monumentale Meereslandschaften und Fjorde im Mondenschein damals auf sie ausübten. Eine Landschaftsmalerei neuen Stils entdeckte nun Flachland und Dünen, bislang bestenfalls Kulisse oder Metapher, um ihrer selbst willen als Motiv.

Das Museum blickt gewissermaßen vom Strand aus auf all die Ismen, die der Kunstbetrieb so hervorgebracht hat. Besucher können entdecken, wie Nolde sich die Farbigkeit seines Expressionismus bei dem nordfriesischen Kollegen Hans Peter Feddersen abschaute. Oder wie Max Liebermann sich in seiner holländischen Malheimat allmählich vom Realisten zum Impressionisten entwickelte. Edvard Munch malte 1880, gerade im Teenageralter, Angler am felsigen Flußufer – ganz ohne die beklemmende Düsternis späterer Werke. Das alles präsentiert das Museum Kunst der Westküste in einer Art Strandspaziergang entlang den Gestaden der Kunstgeschichte. Auch an Regentagen. Aber nicht nur.

Von Simon Benne

Geöffnet bis zum 15. Januar täglich außer montags von 12 bis 17 Uhr.

www.mkdw.de