Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Letzte Abfahrt im weißen Rausch
Reisereporter Letzte Abfahrt im weißen Rausch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 02.05.2009
Skiwahnsinn am Arlberg: Zum Ende der Saison stürzen sich 500 Starter gleichzeitig ins Tal. Wer als Erster unten ist, hat gewonnen.
Skiwahnsinn am Arlberg: Zum Ende der Saison stürzen sich 500 Starter gleichzeitig ins Tal. Wer als Erster unten ist, hat gewonnen. Quelle: TVB St. Anton am Arlberg
Anzeige

Wenn Schnee so matschig ist, dass er nicht mal mehr zum Werfen taugt, dann sollte man kein Ski mehr auf ihm fahren. Erfahrene Wintersportler legen sich deshalb dieser Tage ab Mittag, wenn die Sonne den Schnee in Pampe verwandelt hat, in die Liegestühle. Oder sie gehen schwimmen, klettern, fahren Fahrrad oder was weiß ich. All das kann man in St. Anton am Arlberg ganz prima. Trotzdem finden sich hier regelmäßig zum Saisonende rund 500 Verrückte ein, die am letzten Skitag um 17 Uhr bei schlimmsten Schneeverhältnissen und in praller Sonne genau das tun, was man dann tunlichst sein lassen sollte: Sie fahren ein Rennen. Und was für eins.

„Der Weiße Rausch“ gilt als eines der spektakulärsten Amateurrennen der Welt. Nach dem Startschuss am Vallugagrat in 2650 Metern Höhe rasen die Fahrer ins Tal. Diejenigen, die nicht im Getümmel der ersten Kurve stürzen, kommen nach 30 Sekunden an einen Anstieg, an dem sie 200 Meter bergauf klettern müssen, um danach neun Kilometer abzufahren. Vor dem Ziel in St. Anton müssen sie noch ein Schneehindernis überklettern, dann dürfen sie erschöpft, glücklich und hoffentlich unverletzt über die Ziellinie fallen. Die Schnellsten bewältigen die Strecke in knapp acht Minuten. Ich finde, länger als zwölf Minuten sollte ich nicht brauchen.

Der Tag davor

Am Tag vor dem Rennen komme ich in St. Anton an und finde den Party-Skiort fast ausgestorben vor. Die Hälfte der Cafés und Bars hat bereits geschlossen. Bei der ersten Auffahrt ins Skigebiet bin ich in der Gondel allein mit Martin aus München. Er erzählt, dass er hier ist, „um ein völlig durchgeballertes Rennen mitzufahren“ und erklärt mir die Route. „Irgendwo muss man doch ein Stückchen hochlaufen?“, erkundige ich mich vorsichtig.

„Ja, da drüben, wo die drei Skifahrer raufstokeln, die trainieren grad.“ „Oh … sieht ganz schön weit aus …“ Ich beschließe, mit einer Zeit von 15 Minuten zufrieden zu sein. Minuten später verstehe ich, weshalb man von „griffigem Schnee“ spricht. Bei der Abfahrt stoppt der Ski auf dem feuchten Geläuf immer wieder unvermittelt, als würde mir jemand von hinten in die Bretter greifen. „Nimm die breitesten Ski mit, die du hast“, hatte mir ein Freund aus München geraten, der mich zu dem Abenteuer überredet hatte. Dabei besitze ich nicht mal ein paar schmale.

Walter und Marc lassen die Verhältnisse völlig unbeeindruckt. Bei der Auffahrt zum Vallugagrat, wo morgen das Rennen startet, erzählt der 61-jährige Walter, dass er bereits achtmal den Glockner-Man-Triathlon mitgelaufen ist. Seine Bestzeit für die 1025 Kilometer betrage 41 Stunden.

Marc sagt: „Und mir gehen schon immer die letzten sechs Kilometer beim Marathon auf die Nerven.“ Offenbar fahren bei „Der Weiße Rausch“ nur Verrückte mit. Marcs Bestzeit liegt bei 13 Minuten, erzählt er mir. Vielleicht schaffe ich’s ja in 17.

Die Gipfelstation liegt im gleißenden Sonnenlicht. Morgen werden auf dem halbkreisförmigen Grat 500 Rennläufer stehen und auf den Startschuss warten, bis zu den Ohren vollgepumpt mit Adrenalin. Ich schaue auf die Uhr und fahre ab. Eine knappe halbe Stunde später stehe ich mit zitternden Knien im Tal, ringe nach Luft und kann nicht fassen, dass die Schnellsten in knapp acht Minuten ins Tal schießen. Dabei hab’ ich sogar den Aufstieg ausgelassen. Während Schweiß über meine Sonnenbrille rinnt, beschließe ich, es wenigstens unter 20 Minuten zu schaffen. Und unverletzt zu bleiben.

Sonnabend, 16.45 Uhr, Vallugagrat. „Noch 15 Minuten bis zum Start“, dröhnt es aus den Boxen, über uns knattert ein Helikopter. Dicht an dicht drängen sich die Starter am Abhang, wärmen sich auf, scherzen, manche fixieren starr die erste Rechtskurve. Hier werden viele stürzen. Ganz rechts steht Paul Schwarzacher, der große Favorit aus St. Anton. Sechsmal hat der ehemalige Weltklasseskifahrer schon das Rennen gewonnen. Er wirkt entspannt, dabei erzählte er gestern Abend noch, dass er seit Tagen schlecht schläft. Ganz St. Anton hofft auf einen Sieg „vom Paul“.

Der Startschuss – Hunderte Läufer stürzen sich nebeneinander ins Tal. Ich bleibe einige Sekunden stehen, um dem größten Gedränge in der ersten Kurve zu entgehen. Eurosport-Skikommentator Guido Heuber wird in einen Massensturz verwickelt, ein Ski zerschlägt dem ehemaligen Skiprofi die Brille. Menschen und Material liegen auf der Piste. Ich fahre los.

Unten im Tal sitzt ein Mann allein in der Talstation der Galzigbahn, vor ihm liegt ein eingeschaltetes Funkgerät. Peter Mall, Ideengeber und Cheforganisator von „Der Weiße Rausch“, hat sich wie jedes Jahr in eine stille Ecke zurückgezogen und hofft, dass sich oben niemand ernsthaft verletzt. 1300 Meter über ihm erreichen die Läufer den Anstieg.

Am Ende der Kräfte

Die Ski in den Händen stapfe ich inmitten des großen Pulks hinauf. Langsam und gleichmäßig. Wer jetzt läuft, bricht nach wenigen Metern zusammen. Die Anstrengung lässt mein Gesichtsfeld zu einem Tunnel schrumpfen, in meinem Mund breitet sich ein rostiger Geschmack aus. Oben zittern die Beine schon so, dass ich mit dem Skistiefel kaum die Bindung treffe. Vor mir liegen neun Kilometer Knochenarbeit.

Es ist nicht mein Rennen: Während ich in den Flachstücken skaten und schieben muss, fahren andere mühelos an mir vorbei. Offenbar bin ich der einzige Depp im Feld, der mit unpräparierten Ski unterwegs ist. In Abfahrtshocke fahre ich ins Steißbachtal ein – mitten in eine Buckelpiste, die am Mittag bei der Streckenbesichtigung noch eben war. Ganz knapp kann ich einen Sturz verhindern. Die Piste gleicht einem Trümmerfeld. Offenbar bin ich nicht der Einzige, der überrascht wurde.

Irgendwann erreiche ich den Talschuss. Am Ende meiner Kräfte kämpfe ich mich durch das Labyrinth und über das Schneehindernis ins Ziel. Die Zuschauer jubeln jedem zu, der es über die Linie schafft, selbst wenn er 19 Minuten braucht hat wie ich. Ich bin froh, irgendwem in die Arme fallen zu können.

Paul ist seit mehr als zehn Minuten im Ziel – und während der Strom der Läufer nicht abreißt, feiert St. Anton längst seinen siebten Sieg. Für dieses Rennen hat er einfach unschlagbar gute Voraussetzungen: Paul Schwarzacher ist Konditionstrainer des österreichischen Ski-Nationalteams.

Bis tief in die Nacht wird nun gefeiert, bevor am Tag drauf die Lifte schließen, die Musik abgestellt wird und der Ort in einen Dornröschenschlaf fällt. Gut schlafen kann in dieser Nacht auch Organisator Peter Mall: „Nur zweieinhalb Verletzte“, bilanziert er erleichtert.

Weitere Informationen

St. Anton
Informationen zum Rennen und einen Filmbericht gibt es im Internet. Dort werden auch im Laufe des Jahres Anmeldungen für das Rennen 2010 entgegengenommen. Das Teilnehmerfeld ist auf 500 Starter begrenzt, es besteht Helmpflicht.
www.stantonamarlberg.com

Ischgl
Das größte Konzert des Saison-abschluss-Wochenendes hat Ischgl gebucht: Am heutigen Sonnabend rockt Kylie Minogue beim „Top of the Mountain Concert“ auf 2300 Metern Höhe die Idalp.
www.ischgl.com

Sölden
Der Ötztaler Partyskiort feiert an diesem Wochenende mit dem „MAXXX Mountain Gletscherfestival“ seinen Saisonabschluss. Mit Ski- und Snowbardtests, SkiDoo- und Pistenbullyfahrten, Show- und Partyprogramm und einem Wasserrutsch-Wettbewerb am Rettenbachgletscher.
www.soelden.com