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Reisereporter Kurs auf den Nordpol
Reisereporter Kurs auf den Nordpol
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00:07 29.08.2009
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Er ist immer und überall. Auf großen Postern bei der Ankunft auf dem Flughafen, auf Hotellogos, Warnhinweisschildern. Im Supermarkt, in Souvenirläden, auf dem einen Kebab-Imbissbuden-Fahrzeug. Es gibt ihn in überdimensioniert groß und in schrecklich klein, als Kuscheltier und Briefbeschwerer, als Kühlschrankmagneten und hübschen Vitrinenstaubfänger, es gibt ihn auf Schnapsgläsern und Kaffeebechern, auf T-Shirts, Briefmarken, Pullis und Unterhosen. Doch werden wir ihn auch leibhaftig zu sehen bekommen, den König der Arktis?

3000 Eisbären soll es in ganz Svalbard geben. Svalbard, das ist jene Inselgruppe einen Katzen- (oder Bären-)sprung vom Nordpol entfernt, mit dem bekannteren Spitzbergen als größtes Eiland. Und hier, von der Hauptstadt Lonyearbyen aus, startet unsere Expeditions-seereise Richtung Nordpol.

Longyearbyen (benannt nach dem US-Bergwerksmagnaten John Munro Lonyear, 1850–1922) hat sicherlich die höchste Eisbärendichte des ganzen Inselarchipels. Wenn auch nur wenige aus Fleisch und Blut sich hier ins Menschenland hineintrauen, so findet man sie ausgestopft im Svalbard Museum, aufgeklebt auf Schildern und tausendfach angeboten als Mitbringsel.

Hier steht im Supermarkt sogar unser deutscher „Knut“, hergestellt von einer Karlsruher Firma, süß und kuschelig, und ist für umgerechnet etwa neun Euro zu erwerben. Außerhalb von geschützten Ortschaften wie Lonyearbyen müssen sich Menschen vor dem echten Bären jedoch schützen. Entweder man wandert mit bewaffneten Guides oder hat selbst ein Gewehr dabei (mit dem man nachweislich umgehen können muss). Vor dem Einkauf im Supermarkt muss es übrigens abgegeben werden, wie weitere Schilder zu verstehen geben. Bewaffnet auf Einkaufsjagd zu gehen könnte eben auch an diesem friedlichen Ort falsch verstanden werden.

Unsere Expedition beginnt an Land mit einer Wanderung zum Bärental. Die Führer Claudio (Italiener), Susanne (Schwedin) und Siv (Norwegerin) erklären auf Deutsch, Norwegisch oder Englisch, was hier am Wegesrand blüht, wie der hübsche rote Steinbrech. „Gebrütete Blumen“, so neudeutscht Susanne, dürfen nicht gepflückt werden, weil sie unter Naturschutz stehen.

Die Wanderer erfahren, was hier am Felsen tatsächlich brütet. Zum Beispiel die Schmarotzerraubmöwe, die kleinere Möwen so lange jagt, bis denen schlecht vor Erschöpfung wird, sie ihren Mageninhalt erbrechen – und schon hat der Schmarotzer quasi eine Fertigmalzeit. Während die erstaunten Gäste solche Neuigkeiten verdauen müssen, jagen sie schon mit den Blicken rechts im Meer Belugas, die küstennah ihre weißen Leiber zeigen. Und schießen auf der linken Landseite grasende Rentiere mit der Kamera ab. Rentiere sind frei in Svalbard, gehören also niemandem – aber jeder Einwohner darf eines pro Jahr schießen. Was letztlich auch den gemeinen Touristen erfreut: Rentier-Gulasch, Rentier-Wurst und Rentier-Filet sind kulinarisch ein Gedicht. Im Gegensatz zum doch sehr gewöhnungsbedürftigen Seehund- oder Walfleisch, das auf „Arktischen Barbecues“ schon mal angeboten wird.

Am nächsten Tag die Einschiffung auf die „MS Expedition“. Es ist Mittsommer, die Wolken haben sich davongemacht, der Wellengang ist angenehm, das Schiff wiegt uns an arielweißen Bergen vorbei zum nächsten Halt: Barentsburg. In der russischen Bergwerkssiedlung erinnert noch eine Lenin-Büste an die „glorreiche“ Zeit der Sowjetunion, ansonsten haben viele Möwen mittlerweile die Häuser als Nistplätze okkupiert. Gäste aus der übrigen Welt sind eine hochwillkommene Abwechslung für die etwa 300 Einwohner, von denen einige im Kulturhaus mit Verve russische Folklore darbieten. Bei der gesungenen und getanzten „Kalinka“ wird dem Arktisbesucher auch bei Minusgraden noch warm ums Herz.

Aber wir sind ja auf den Spuren des Eisbären, verabschieden uns herzlich von den anderen und legen mit unserem Traumschiff ab Richtung Magdalenenfjord.

Vom wunderschönen Magdalenenfjord geht's weiter durch den Sorgattet in die Richtung der von den Holländern getauften Smeerenburgfjorden. Pünktlich zum Mittagsschnitzel erreicht die Touristen die Ansage, dass Walrosse auf dem frei schwimmenden Packeis rund um das Schiff gesichtet werden. Messer und Gabeln fallen, weggeschobene Stühle wackeln bedrohlich, Gläser auch, Getrappel auf den Treppen Richtung Decks – wen hält es jetzt noch am Mittagstisch? Die Kameras und Ferngläser gezückt, die Mütze fest übers Haupt geschoben, der Blick scharf auf die weiße Pracht gestellt: So entdeckt der eine und andere an diesem Tag bis zu sechs der fetten Kerle, um sie zum Abend den Entdeckungslosen in immer größeren Maßen zu schildern: „Soooo einen Kopf hatte das ... und soooolche Zähne ...!“

Und wo bleibt der Eisbär?

Die Hoffnung, einen Eisbären vor der geschützten Insel Moffen zu sehen, friert im undurchdringlichen Packeis ein. Die „MS Expedition“ kommt nicht weiter und muss drehen – die Sicherheit der Passagiere geht vor. Also festgeschnallt: Denn nun geht es in stürmischer See hoch zum 80. Breitengrad. Danach kommt nur noch der Nordpol, und das ist dem Kapitän des Schiffes Sekt wert: für die Passagiere. Später bekommt man auch ein Zertifikat, dass man es so hoch geschafft hat. Und erhebend ist die Vorstellung schon, so nah am fernen Pol zu sein. Drüber geflogen ist 1926 immerhin einer, der hier auf Svalbard als großer Held gilt: Roald Amundsen.

Seine Büste ist in Ny-Alesund, einer ehemaligen Bergwerkssiedlung, zu bewundern, von wo der Abenteurer aufbrach. Heute ist Ny-Alesund ein Stützpunkt mit feinstem Messgerät und großartiger Ausstattung für Polarforscher. Wissenschaftler aus aller Welt (unter anderem vom deutschen Alfred-Wegener-Institut) zieht es hierher. Es wäre sicher mal ein Spaß, den versammelten IQ in dieser kleinen Siedlung mit dem nördlichsten Postamt und der nördlichsten Lokomotive der Welt auszurechnen – wahrscheinlich ist er zehnmal höher als auf ganz Svalbard.

Blau schimmernde Kälber

Abenteuerlich wird es jetzt für uns. Denn wir starten im Königsfjord mit dem Zodiac eine Gletschertour. Warm und wassergeschützt angezogen machen wir uns in den stabilen Schlauchbooten auf den Weg zu den blau schimmernden schwimmenden Kälbern. Das sind die frischen (hier etwa eine Woche alten) Gletscherteile, die vom Muttergletscher oft mit Getöse abgebrochen sind. Was aus der Ferne wie blaue Miniberge im Eismeer ausschaut, entpuppt sich in der Nähe als wunderschön geformte Skulpturen. Die Natur schafft sich ihre Kunst selbst. Der Blomstrandgletscher, auf deutsch Blumenstrandgletscher, und seine Kälber als spektakuläre Augenweide in der Eiswüste. So nah kommt man Naturereignissen selten.

Und wir ahnen es schon: Irgendwo hier sind sie, der Eisbär, seine Beute: die Ringelrobbe, der Schwert-, der Pott- und der Buckelwal. Nur ist der Bär gerade nicht da, wo wir sind. Wildnis eben. Unberechenbar.

„Es ist fifty-fifty“, sagt Guide Heiko schulterzuckend. „Wir haben auf den Fahrten schon 21 Eisbären gesehen. Und manchmal nur drei. Selten wie dieses Mal, keinen.“ Gibt es ihn überhaupt, den König?

Zurück in Longyearbyen treffen wir auf Reisende der „Polarstar“. Die haben fünf Exemplare gesehen. „Aber recht weit weg“, sagt eine Glückliche.

Wir sind nicht traurig. Den Eisbären haben wir zwar nicht gesehen. Aber wie so oft im Leben war auch diesmal der Weg das Ziel.

Von Petra Rückerl

Spitzbergen
Spitzbergen ist eine zu Norwegen gehörende Insel des Svalbard-Archipels im Arktischen Ozean, Gesamtfläche 39.044 Quadratkilometer.
www.spitzbergen.de

Kreuzfahrt
Die siebentägige Expedition mit der „MS Expedition“ (Hurtigruten) kostet ab 3265 Euro, inklusive Flug, Transfer, Ausflügen an Land, Hotelübernachtung, deutschsprachiger Reiseleitung.
Auch Costa- und Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten bieten Touren nach Spitzbergen an.