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Reisereporter Kirchen, Kunst und Kitsch in Vilnius
Reisereporter Kirchen, Kunst und Kitsch in Vilnius
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05:16 08.09.2012
Die Altstadt von Vilnius ist von prunkvollen Kirchen geprägt.
Die Altstadt von Vilnius ist von prunkvollen Kirchen geprägt. Quelle: Nowal
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Vilnius

„As tave myliu“ steht groß in roten Blüten auf grünem Rasen gepflanzt am rechten Ufer der Neris in Vilnius „Das heißt: Ich liebe dich“, sagt Stadtführerin Janina. „Ir as tave“, antwortet das Ufer mit einem roten Blütenschriftzug auf der gegenüberliegenden Seite: „Ich liebe dich auch.“ Jedes Jahr im Frühjahr wird der Schriftzug an dem Fluss, der die historische Altstadt vom neuen modernen Teil mit seinen Bürogebäuden und Einkaufszentren aus Stahl und Glas trennt, neu gepflanzt. Echt liebenswert - wie die Metropole Litauens überhaupt ist.

Es ist nur ein kurzer Spaziergang vom Ufer-Kunstwerk bis zum Gedeminas-Turm, dem Überbleibsel einer ehemaligen Festungsanlage am Rande der Altstadt. Wer den 142 Meter hohen Burgberg zu Fuß oder mit dem Aufzug erklimmt, verschafft sich einen ersten Überblick über das „Jerusalem des Ostens“, wie Vilnius auch genannt wird. Aber auch die „Stadt der Kirchen“ wäre passend, wie man von dem exponierten Aussichtspunkt schnell erkennt: Überall zwischen dem Häusermeer erheben sich Kirchturmspitzen und Glockentürme - um die 50 werden es sein. Die meisten von ihnen katholisch, aber auchrussisch-orthodoxe, protestantische und eine Synagoge sind darunter.

Sie alle zu besichtigen würde Tage dauern - aber das berühmteste Gotteshaus liegt ja gleich zu Füßen des Burgberges: die St.-Stanislaus-Kathedrale, Hauptkirche der litauischen katholischen Kirche. Mit ihrer strahlend weißen, klassizistischen Fassade erinnert sie eher an einen griechischen Tempel als an eine Kirche. Mitten im Zentrum ist sie Publikumsmagnet und gleichzeitig Ruhepol im lebendigen Durcheinander der Stadt. Das Besondere: Ihr Glockenturm ist ausgelagert und steht gleich nebenan. Auf dem weitläufigen Platz vor dem Gotteshaus, der als historisches Zentrum der Stadt gilt, tummeln sich Touristen und Einheimische - eine große Hochzeitsgesellschaft zieht die Blicke auf sich.

Ein Dutzend Brautjungfern in farbenfrohen Minikleidern stöckelt hinter dem ganz in Weiß gekleideten Paar auf mörderischen High Heels trittsicher über das Kopfsteinpflaster. Sogar ein mehrköpfiges Kamerateam ist mit an Bord, um das junge Glück für die Ewigkeit festzuhalten. Vor einer Pflasterplatte mit der Inschrift „Stebuklas“ (Wunder) zwischen Kathedrale und Glockenturm stellt sich das strahlende Brautpaar für die Fotografen in Pose, nachdem es sich dreimal gegen den Uhrzeigersinn gedreht hat. „Das soll Glück bringen“, erklärt Janina den staunenden Touristen: „Wenn man sich beim Drehen auf der Platte etwas wünscht, wird es in Erfüllung gehen - so ist es einer Legende nach überliefert.“

Wer den großflächigen Kathedralenplatz überquert, findet sich nahezu unvermittelt in den verwinkelten Gassen der Altstadt wieder. Zahllose Souvenirstände säumen die kleinen Straßen, und sie haben vor allem eines im Angebot: Bernstein, das Gold des Baltikums. Ketten und Anhänger, Ringe und Armbänder, Figuren und Glücksbringer in allen Farben, Formen und Größen. 250 Lita, umgerechnet rund 70 Euro, für eine Kette mit ungeschliffenen Steinen mittlerer Größe - kann die denn wirklich echt sein? „Natürlich“, versichert der Straßenhändler entrüstet: „Ich verkaufe nur echte Steine.“

Wer ganz sichergehen will oder nach einem besonderen Design Ausschau hält, wird in einem der vielen Schmuckläden fündig oder, wenn es etwas ganz Besonderes sein soll, bei Kazimieras Mizgiris. „Botschafter des Bernsteins“ wird der 62-Jährige genannt. Der gelernte Kunstfotograf betreibt in der kleinen Seitenstraße Sv. Mykolo Gatve inmitten der Altstadt das Kunstzentrum des Baltischen Bernsteins - eine Galerie mit angeschlossenem, privatem Bernsteinmuseum.

Im Geschäft kann man die edelsten Stücke und außergewöhnlichen Kreationen internationaler Künstler erwerben - logisch, dass die Preise hier eine etwas andere Dimension haben. Schmuckverkäuferin Mykolé holt eine Kette mit mehreren Zentimeter dicken Kugeln aus hellgelbem Bernstein aus der Vitrine: „Diese hier kostet 28000 Lita“ - umgerechnet 8000 Euro. „Heller Bernstein ist besonders wertvoll, weil er so selten ist“, erläutert sie. Welche Sorten des edlen Harzes es gibt, wie er entsteht, was ihn besonders wertvoll macht und welche Rolle das „Baltische Gold“ in alten heidnischen Riten spielte, erfahren die Besucher im Bernsteinmuseum, das in einem historischen Kellergewölbe gleich nebenan untergebracht ist. Hier ist auch eine Sammlung mit Einschlüsse zu bewundern. Besonders stolz ist Kazimieras Mizgiris, der auch in Nida auf der Kurischen Nehrung drei Geschäfte und ein Museum besitzt, auf ein einzigartiges Exponat: eine im Bernstein eingeschlossene Eidechse.

Ob Bernsteinkreationen oder Keramik, Malerei oder Kunsthandwerk - in den Gassen der Altstadt locken Galerien aller Art. Kunst und Kunsthandwerk sind seit langer Zeit ein wichtiger Teil des Lebens in Vilnius. Am Ufer der Vilnia, der die Stadt ihren Namen verdankt, haben Künstler und Kreative sogar ihren eigenen Staat gegründet. Das Bohemeviertel Uzupis am Rande der Altstadt, das übersetzt „Ort hinter dem Fluss“ bedeutet, erklärte sich 1997 zur Republik und genehmigte sich eine eigene Verfassung. Die kann jeder Besucher beim Bummel durch das romantisch anmutende Viertel, mit seinen verwilderten Gärten in den Hinterhöfen und seinen kleinen Kunst- und Antiquitätenläden, Liebhabergeschäften und alternativen Modeboutiquen, am Regierungssitz in dem am Flussufer gelegenen Café Uzupis Kavine einsehen. 41 Artikel sind hier vermerkt, die zwar originell und mitunter recht exzentrisch sind, aber die doch jeder unterschreiben kann: „Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein“ heißt es da in Artikel 5 zum Beispiel. Oder „Lass dich nicht unterkriegen“ in Artikel 39.

Auch wenn sich Uzupis von Vilnius unabhängig erklärt hat - zumindest diese beiden Artikel treffen auch auf die Stadt zu, die sich so geschichts-trächtig wie lebendig und liebenswert präsentiert.

Hauptstadt

Das litauische Vilnius mit seinen 549 000 Einwohnern ist die Hauptstadt der größten Republik des Baltikums. 2009 war die Metropole europäische Kulturhauptstadt.

Anreise

Am schnellsten geht es mit dem Flugzeug. Günstige Angebote gibt es z.B. mit AirBaltic, die ab verschiedenen Flughäfen mindestens einmal täglich die litauische Hauptstadt anfliegt. www.airbaltic.de

Unterkunft

Vom Luxushotel bis zu Pensionen oder Bed&Breakfast gibt es ein großes Angebot an Unterkünften. Viele Reiseveranstalter haben Vilnius in ihren Städtereiseprogrammen. Bei Dertour ist eine Übernachtung/Frühstück im Vier-Sterne-Hotel Radisson Blu Lietuva inklusive Nutzung des Spabereichs mit Sauna ab 32 Euro pro Person buchbar. Unter dem Motto „Barockes Vilnius“ sind drei Übernachtungen/Frühstück, Abendessen, Stadtführung mit Eintritt in die Universität und einem Ausflug nach Trakai ab 223 Euro pro Person buchbar. www.dertour.de

Weitere Informationen

Baltikum Tourismus Zentrale
Katharinenstr. 19–20
10711 Berlin
Tel. 030/89 00 90 91
info@baltikuminfo.de
www.turizmas.vilnius.lt

Birgit Jungke

Stefan Stosch 01.09.2012
Michael Pohl 25.08.2012