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Reisereporter Im Land der glücklichen Bibernelle
Reisereporter Im Land der glücklichen Bibernelle
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00:42 22.08.2009
Stolzes Erbe: Die Stadt Grignan verdankt ihre Berühmtheit ihrem Renaissanceschloss und den bekannten Briefen, die Madame de Sévigné ihrer Tochter, Madame de Grignan, im 17. Jahrhundert geschrieben hat. Quelle: Pascale
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Zum Frühstück stehen acht Gläser mit selbst gemachter Marmelade auf dem langen Holztisch: Apfel mit Zimt und Rum, Aprikose mit Eisenkraut, bittere Pomeranze mit süßer Orange ... Die Tage bei Pascale Quinon in ihrem „Hameau Gourmand“, einem zum Gästehaus umfunktionierten Bauernhof in Saint Martial, beginnen fürstlich. Am Abend hat die quirlige Mittvierzigerin ihre Übernachtungsgäste mit gedünstetem wilden Spinat, Brennnesselkuchen und einer Brühwurst in einer Soße mit wilder Minze überrascht, einem „Menu curieux“. So heißt der Verband, dem sich Pascale Quinon angeschlossen hat.

Curieux hat viele Bedeutungen. Das Menü mag merkwürdig anmuten, das Wort lässt sich aber auch mit neugierig übersetzen. Und Neugier sollten die Gäste der blonden Pascale mit dem Holzfällerhemd durchaus mitbringen. Denn die einstige medizinisch-technische Assistentin animiert ihre Gäste gern dazu, sie beim Pflücken der Wildpflanzen zu begleiten, die abends über den Rucolasalat gestreut sind. Glückliche Bibernelle und Brennnessel von glücklichen Wiesen.

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Etliche Täler weiter bietet Marion Haas auf ihrer Ferme de Baume Rousse gleich veritable Kochkurse an. Alle Kochmaterialien sind „hausgemacht“: Milch und Schafskäse, Gemüse und Obst. Marion bewirtschaftet mit ihrem Mann Stéphane Cozon, einem Agraringenieur, seit 23 Jahren die Einöde hoch über dem Bergnest Cobonne biodynamisch. Cobonne liegt auf der anderen Seite der Rhône, in der Region Drôme.

Wer das Rhône-Tal südwärts fährt, der sieht rechts vom Fluss die Ardèche und die Drôme links gegenüber, zwei von acht Departements der Region Rhône Alpes, die den naturliebenden Touristen umwerben. Angeboten werden Rad- und Wandertouren, auch kindertaugliche. Aber auch Esel und Kutschwagen können gebucht werden. Ein Spezialist für die Touren heißt Safran; das Büro des Veranstalters befindet sich in Mirabel-et-Blacons, direkt an der 130 Kilometer langen Radstrecke am Ufer der Drôme.

Während man bis Nyons, der eleganten Hauptstadt der Region Rhône Alpes, komfortabel mit dem TGV reisen kann, sind pittoreske Ziele wie beispielsweise das Baumhaus der Ökounterkunft „Au Fil de Soi“ in Issamoulanc oder die Windschule von Saint-Clément nur mit eigenem Auto zu erreichen. Einige der 100 Einwohner von Saint-Clément haben sich 2001, nachdem die Dorfschule mangels Nachwuchs geschlossen wurde, diese originelle Ausbildungsstätte ausgedacht, in der interaktiv, spielerisch und poetisch alles über den Wind zu erfahren ist. Jetzt kommen ganze Schulklassen zumindest besuchsweise wieder auf den windigen, 1208 Meter hohen Col de la Scie. Eine Legende erzählt, dass in diesem vulkanischen Bergmassiv ein Volk lebte, das seine Kinder das Fliegen lehrte.

Die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten sind so zahlreich wie die kulturellen, allen voran Bergdörfer wie Saint Montant. Um 1970 hatte die aus dem fünften Jahrhundert überlieferte Einsiedelei noch etwa 60 Einwohner, heute leben wieder 1000 vor allem junge Familien in dem restaurierten Gemäuer. Im Le P’tit Bistrot unter der zotteligen Pinie trifft Raphaël Pommier, in der siebten Generation Winzer der Domaine Notre Dame de Cousignac, seine Nachbarn und Kollegen zum Apéritif – mit einem Klacks Purée escargots, Schneckenmus, auf einem Stück Baguette.

Wir befinden uns auch in einer Haupterzeugerregion für Trüffeln. Allerdings liegt deren Hauptsaison im Winter. In Grignan gibt es zur Ernte sogar einen Trüffelmarkt. Das prächtige Renaissanceschloss dominiert aber das ganze Jahr die Dachlandschaft des Städtchens. Auf der Schlossterrasse blickte Madame de Sévigné im 17. Jahrhundert bis zum Mont Ventoux, was immer noch möglich ist. Die Tochter der Schriftstellerin war Gräfin von Grignan. Das Hotel Le Clair de la Plume, ein stilvoll ausgestattetes Herrenhaus am Fuß des Schlosses, ist ebenfalls das ganze Jahr geöffnet. Sein Küchenchef serviert nur nicht immer das Ziegenkäsesahneheidelbeerdessert.

An einem eher frugalen Paradies wird noch gebaut. Vor einem Jahr hat das Departement das agroökologische Zentrum von Amanins eröffnet, eine Musterstätte der Nachhaltigkeit, die auf die Initiative von zwei visionären Männern zurückgeht. Der eine, Michel Valentin, ist ein erfolgreicher Unternehmer, der merkte, dass sein Geld ihn nicht glücklicher macht. Und Pierre Rabhi ist Pionier einer pestizidfreien Agrikultur in seiner Heimat Algerien. Yehudi Menuhin urteilte über Rabhi, er habe „der Wüste das Leben zurückgegeben“.

In Les Amanins wird gegessen, was auf den 55 Hektar wächst und gedeiht. Gebaut wird ausschließlich mit vorhandenem, ökologischem Material. Experimente sind erwünscht. Wer das gesunde Leben dort am eigenen Leib erfahren möchte, kann das jederzeit tun: Man darf sein Zelt unter einem Eichenbaum aufschlagen – oder in einem der sehr einfachen Zimmer oder in einem der zwei Holzhäuser übernachten. Der etwas andere Urlaub für den etwas nachhaltigeren Genuss.

Von Alexandra Glanz

Unterkunft
Gîtes de France bietet Feriendomizile in ländlicher Umgebung und verleiht Gütezeichen für besonders umweltfreundliche Unterkünfte.
www.gites-de-france.com

Die Gîtes panda, ebenfalls Ferienhäuser der Vereinigung Gîtes de France, tragen das Gütezeichen von World Wildlife Fund (WWF). Sie befinden sich in Naturparks.
www.gites-rhone-alpes.org

La Clef Verte ist das Umweltgütezeichen für Campinganlagen.
www.laclefverte.org

Literatur
Der Grüne Reiseführer „Rhônetal – Ardèche – Lyon“ von Michelin, 19,30 Euro.

Weitere Informationen
Französisches Fremdenverkehrsamt, Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/M., Tel. 0900-157 00 25 (0,49 Euro/ Min aus dem deutschen Festnetz)
www.franceguide.com
www.ardeche-guide.com