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Reisereporter Hundert Jahre Traurigkeit
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08:00 27.06.2009
Eines der legendären Cafés in Buenos Aires: Das bereits 1858 gegründete Tortoni pflegt eine lange Tradition.
Eines der legendären Cafés in Buenos Aires: Das bereits 1858 gegründete Tortoni pflegt eine lange Tradition. Quelle: Fabian von Poser
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Avenida de Mayo 325. Das Herz von Buenos Aires, Stadt des Tangos. Wenn das Bandoneon seine Klagen vorträgt, wenn es die zähe Kneipenluft entzweischneidet, wenn es die Tänzer in eine Art Trance versetzt, dann ist wieder Tangotag in einem der traditionsreichsten Kaffeehäuser von Buenos Aires. Die Zeit scheint in diesen Momenten stehen zu bleiben im Café Tortoni, der schönsten Tangokneipe der Stadt. An den holzvertäfelten Wänden hängen verblasste Bilder aus vergangenen Tagen. Die Kellner tragen die gleichen dunklen Anzüge wie vor 30 Jahren. Ihr graues Haar, fein mit Pomade nach hinten gestrichen, erzählt Geschichten von Hunderten solcher Abende, wenn im Tortoni kaum Luft zum Atmen war, wenn auf der Bühne getanzt wurde, wenn sich die Männer an den Eichentischen eine Zigarre nach der anderen ansteckten, die Frauen vornehm am Rotwein nippten.

Keine Stadt der Welt ist so mit einem einzigen Musikstil verbunden wie Buenos Aires. Es war in den südlichen Vorstädten der argentinischen Hauptstadt, in denen der Tango in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren wurde. In den kleinen Hafenspelunken und Einwandererkaschemmen vermischten sich die musikalischen Einflüsse von Menschen ganz unterschiedlicher Couleur: die poetische Milonga der Gauchos, die rhythmische Candombe ehemaliger afrikanischer Sklaven, die ausgelassene karibische Habanera und der emotionsgeladene Flamenco Andalusiens. Das Ergebnis war eine fröhliche Musik.

Tango als Ausdruck der Verlorenheit

Seine Melancholie erhielt der Tango erst durch die wachsende Zahl italienischer Einwanderer, die Ende des 19. Jahrhunderts zu Tausenden nach Buenos Aires strömten. Aus Genua, Neapel und Palermo kamen sie an den Río de la Plata, um in der aufstrebenden Metropole ihr Glück zu suchen. Doch die Wirklichkeit sah meist anders aus. Zu Tausenden lebten die Einwanderer in schäbigen Baracken im Hafenviertel La Boca. In der Musik gaben sie ihrer Verlorenheit in der neuen Welt Ausdruck.

In den frühen Jahren war der Tango nur eine Musik der niederen Bevölkerung, gesungen in der Sprache der einfachen Leute, dem Lunfardo. In seinen Texten ging es vor allem um Heimweh und um die kleinen Betrügereien des Alltags. Als er jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts urplötzlich vom Río de la Plata in die schicken Tanzcafés von Paris, Rom und Mailand getragen wurde und die Welle von dort zurück nach Argentinien schwappte, erfasste der Tango auch die argentinische Mittel- und Oberschicht. Tangobarden wie Carlos Gardel machten die einst verachtete Musik salonfähig. Der Tanz zog von den Bars und Bordellen der Einwanderer in die feinen Kaffeehäuser der gehobenen Gesellschaft ein.

Das Tortoni ist einer diese0r altehrwürdigen Orte des Tangos. Schon kurze Zeit nachdem das Café 1858 vom Franzosen Jean Touan nach dem gleichnamigen Pariser Vorbild gegründet worden war, entwickelte es sich zum Treffpunkt von Intellektuellen, Künstlern und Schauspielern. Sie diskutierten über Theater, Literartur und später auch über Tango. Berühmtheiten wie Federico García Lorca, Artur Rubinstein, Jorge Luis Borges und zahlreiche andere Berühmtheiten zählten zu den Gästen. Bis heute finden in den Räumen regelmäßig Ausstellungen, Lesungen und Tangoshows statt. Die meisten davon sind exzellent besucht.

Der Tango hat sich nicht nur im Café Tortoni, sondern in ganz Buenos Aires zu einem erklecklichen Geschäft entwickelt. Nach schwierigen Jahren zu Zeiten der Militärdiktatur feiert der Tanz seit einigen Jahren ein Comeback. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, in der sich Argentinien seit 2001 befindet, ist er für die Stadt zur unerlässlichen Einnahmequelle geworden. Immer mehr Touristen kommen wegen des Tangos nach Buenos Aires. Rund 100 000 Gäste sollen es allein aus Europa jedes Jahr sein. Mittlerweile gibt es Tangoshows, Tangokurse, thematische Stadtrundfahrten, ein Tangomuseum und neuerdings sogar eine Tango-Universität.

Überall lässt sich dem Tanz nachspüren

Für wen es nicht gleich ein Studium sein muss, der findet in Buenos Aires auch zahlreiche andere Möglichkeiten, um dem melancholischen Tanz nachzuspüren. Eines der heißesten Pflaster ist der Stadtteil San Telmo. In den kopfsteingepflasterten Gassen und an den kleinen Plätzen reiht sich ein Tanzlokal an das andere. Aus Geschäften schallt laute Tangomusik, in den Auslagen der Läden finden sich neben englischen Möbeln, Jugendstilvasen und betagten Grammofonen alte Bilder von Carlos Gardel und anderen Tangoheroen. Besonders schön gibt sich das Viertel am Wochenende, wenn auf der Plaza Dorrego der Antiquitätenmarkt stattfindet.

Auch ein bisschen weiter südlich, am öligen Hafenbecken von La Boca, weht noch der Wind der Vergangenheit. Die flachen, mit Wellblech gedeckten Häuser erinnern an die Zeit der Einwanderer. Aus alten Schiffsteilen zimmerten sie einfache Behausungen, in denen Italiener, Kroaten, Basken, Galizier und auch Deutsche ihr Dasein fristeten. Mit bunten Schiffslacken strichen die Neuankömmlinge ihre Verschläge an, um sie etwas ansehnlicher zu machen. Was damals optische Kosmetik war, ist heute eine Touristenattraktion. Caminito, wie die bunteste der Gassen heißt, ist mittlerweile ein Freiluftmuseum. Und aus beinahe jedem Hauseingang weht der Wind alte Tangofetzen herüber.

Fabian von Poser