Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Himmel über dem Haff - die Kurische Nehrung
Reisereporter Himmel über dem Haff - die Kurische Nehrung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:43 04.08.2012
Von Stefan Stosch
Die meisten Besucher kommen mit der Fähre zur Kurischen Nehrung. Quelle: Privat
Anzeige
Klaipeda

Das weiße Band am Horizont erspäht man schon, lange bevor die Fähre im Hafen eingelaufen ist - und noch bevor die Kräne, die Kreuzfahrtschiffe oder auch Klaipedas Hochhäuser in Sicht kommen. Beinahe hundert Kilometer Sandstrand erstrecken sich vor den Augen des Reisenden, der über die Ostsee auf die Kurische Nehrung zufährt.

Entspannter kann man sich diesem mit Mythen und schmerzvoller Geschichte aufgeladenen Landstrich kaum nähern.

Anzeige

„Willkommen in Memel“, sagt die freundliche junge Frau am Fährterminal in Klaipeda. Diese Begrüßung erscheint denn doch etwas überholt. Gewiss, der Deutsche Orden hatte sich hier schon im 13. Jahrhundert niedergelassen, und Memel galt einst als die nördlichste Stadt Ostpreußens. Doch Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die Deutschen ihre Häuser verlassen. Sie flüchteten vor den anrückenden Russen, manche hinterließen Zettel: „Bitte nichts mitnehmen, wir kommen wieder.“ Heute gehört Klaipeda zu Litauen, zusammen mit dem nördlichen Teil der Kurischen Nehrung, die südliche Hälfte des schmalen Landstrichs ist russisch.

Die „Heimwehtouristen“ aus Deutschland waren denn auch die Ersten, die nach der Unabhängigkeit Litauens 1990 zurückkehrten, manche verbittert und voller Argwohn. Aber diese Besucher aus der Vergangenheit werden immer weniger, und wenn sie doch noch kommen, dann haben sie sich mit dem Sehnsuchtsland ausgesöhnt.

Umgekehrt haben auch die heutigen Bewohner ihren Frieden mit der Vergangenheit geschlossen. Dem vor 1945 im ganzen Memelland bekannten Schmied Gustav Katzke beispielsweise haben sie ein eigenes Museum in Klaipeda gewidmet. In mühevoller Arbeit trugen die Ausstellungsmacher Katzkes kunstvoll gefertigte Friedhofskreuze, Werkzeuge und alte Dokumente der Handwerkerfamilie zusammen.

Wer heute auf die Kurische Nehrung reist, der sucht die Ruhe des Haffs, den harzigen Geruch der Kiefern und den warmen Sand unter den nackten Füßen - und will auch die Kultur des baltischen Völkchens der Kuren kennenlernen, die hier über Jahrhunderte ein hartes Leben führten. Als die Küstenwälder für den Schiffsbau abgeholzt waren, begannen die riesigen Dünen zu wandern. Zweimal begrub der Sand in den vergangenen Jahrhunderten das Dorf Nida, dreimal bauten die Bewohner es anderenorts wieder auf. Heute schützen Kiefernhaine die Häuser.

Die hölzernen Kurenkreuze auf dem Friedhof in Nida zeugen davon, wie gefährlich der Fischfang war. Zog plötzlich ein Sturm auf und befürchteten die Fischer, dass sie den Heimweg nicht schaffen würden, banden sie sich am Mast ihrer Kähne fest. Ihre Ehefrauen, die in den rot-blauen Häuschen die Rückkehr ihrer Männer herbeisehnten, sollten wenigstens die Leichen begraben können.

Das Haff war eben nicht für alle ein Urlaubsparadies. Für einen besonders prominenten Gast schon: Thomas Mann ließ sich in Nida - damals Nidden - ein Haus hoch oben auf den Dünen bauen und verbrachte hier drei Sommer mit der Familie. Die Kinder spielten im Sand, der Hausherr genoss den „italienischen Blick“ durch die Kiefern hindurch aufs Wasser, wie er die Aussicht nannte, und schrieb an seiner Romantetralogie „Joseph und seine Brüder“. Dann gab Thomas Mann den Hausschlüssel in Niddens Künstlerkolonie ab: Er suchte vor den Nazis das Weite und kehrte auch später nie wieder zurück. Sein Sommerhaus ist heute ein Kulturzentrum. Bei internationalen Tagungen debattieren die Gäste an lauschigen Abenden im Freien - ausreichend Mückenspray ist zu empfehlen.

Begeistert sind auch die Einheimischen von ihrer Welt aus Wasser und Sand: „Unter diesem weiten Himmel spürt man in jedem Augenblick die Natur“, sagt Bürgermeister Antanas Vinkus und federt beschwingt in den Knien. Vinkus ist Arzt, war Gesundheitsminister Litauens und Botschafter unter anderem in Russland. Nun will der resolute 70-Jährige diesen schmalen Landstreifen voranbringen. Denn auch wenn das Idyll für den Außenstehenden perfekt zu sein scheint: „Es gibt viele Probleme“, sagt der Bürgermeister.

Der Kampf mit einer Vielzahl von Behörden mache zu schaffen, sagt auch die Lokalpolitikerin Ausra Feser. Dringend werde zum Beispiel ein Vier-Sterne-Hotel in Nida benötigt. Einen Investor gebe es bereits. Der veraltete Entwicklungsplan drohe aber, das Projekt zum Scheitern zu bringen. Es ist offenkundig schwierig, den Naturschutz und die Bedürfnisse der rund 4500 Bewohner unter einen Hut zu bringen. Die meisten Einheimischen leben heute vom Tourismus. In den Sommermonaten kümmern sie sich um 400000 Besucher.

Im Herbst und Winter aber haben die Gastgeber Haff und Nehrung für sich allein. Jeder, der laufen kann, sucht dann Steinpilze in den Wäldern oder stellt dem jungen Stint unter dem Eis nach, der so appetitlich nach Gurke schmecken soll. Die Einheimischen tun also all das, was man schon seit jeher auf diesem einzigartigen Flecken Erde getan hat. Es sieht so aus, als würde das vorerst auch so bleiben.

Hin und weg

Anreise:
Die Fährlinie DFDS Seaways fährt dreimal wöchentlich von Sassnitz und sechsmal von Kiel nach Klaipeda. Die Reise dauert 18 beziehungsweise 21 Stunden. Die Kabine für zwei Personen plus Pkw kostet ab 184 Euro, Fahrradmitnahme für 10 Euro pro Stück möglich.
www.dfdsseaways.de

Thomas-Mann-Zentrum:
www.thomas-mann-haus.de

Literaturtipp:
In „Mein Nidden“ (Mare Verlag, 18 Euro) entdeckt Thomas Manns Enkel Frido die Kurische Nehrung. Er wandelt auf familiären Pfaden, interessiert sich aber darüber hinaus auch für die wechselvolle Historie.

Weitere Informationen:
Tourismuszentrale auf der Kurischen Nehrung
www.visitneringa.com

Nicola Zellmer 30.07.2012