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Reisereporter Hier schlägt das afrikanische Herz
Reisereporter Hier schlägt das afrikanische Herz
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00:35 09.05.2009
Gastfreundlich und erfolgreich: Die frühere Anti-Apartheids-Kämpferin Thope Lekau.
Gastfreundlich und erfolgreich: Die frühere Anti-Apartheids-Kämpferin Thope Lekau. Quelle: Fröhlich
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Wir würden sie finden, es sei ganz einfach, hatte Thope Lekau am Telefon gesagt. Von wegen einfach. 20 Kilometer südöstlich von Kapstadts Zentrum entfernt biegen wir von der Hauptstraße ab und sind sofort mittendrin im Gewimmel Khayelitshas. Das Township mit seinen geschätzten zwei Millionen Einwohnern ist das zweitgrößte Südafrikas.

Auf den ersten Blick besteht die Siedlung kilometerweit nur aus Wellblechhütten und Holzverschlägen. Doch die staubige Straße führt direkt zu der Tankstelle, an der unsere Gastgeberin schon mit ihrem Geländewagen wartet. „Herzlich willkommen! Gut, euch zu sehen“, sagt die gewichtige Frau in Türkis und drückt uns fest an ihren Busen. Das muss „ubuntu“ sein – die viel beschworene afrikanische Gastfreundschaft.

Thope Lekau ist eine der ersten Frauen Südafrikas, die Ende der neunziger Jahre eine Pension in einer Schwarzensiedlung eröffnet hat. Mittlerweile gibt es in der Umgebung der großen Städte Kapstadt und Johannesburg viele der Bed & Breakfasts, die fernab der Touristenströme in den weißen Hochburgen einen Ausflug in die afrikanische Wirklichkeit versprechen. Ihre Betreiber sind ambitioniert, den Gästen Einblicke in die Kultur und die Lebensweise der Bewohner zu geben. „Ich will, dass die Leute nicht nur durchfahren und fotografieren. Dies ist kein Zoo, die Leute sollen mit uns reden“, sagt Thope Lekau energisch.

Wo die Welt sich trifft

Wie andere Townships ist Khayelitsha (Neues Heim) ein Produkt der Apartheid, in der die Schwarzen aus den Städten verbannt worden waren, sobald sie dort die Arbeit für die Weißen verrichtet hatten. Noch heute sind die meisten Bewohner aus ökonomischen Gründen darauf angewiesen, in der auf einer Schutthalde erbauten Siedlung zu leben. Während derartige Townships für die Menschen aus Kapstadts Zentrum „No Go Areas“ aus Wellblech, Müll und wenig Hoffnung bleiben, sind sie für andere Horte der Lebensfreude und der Herzlichkeit. Darum sind auch einige Besserverdienende aus der schwarzen Mittelschicht geblieben, obwohl sie sich ein Haus im Kapstädter Zentrum leisten könnten.

Unser Weg führt in eine der besseren Gegenden der Millionensiedlung. Hier gibt es Ziegelhäuser und saubere Straßen, eine Schule und eine Shopping Mall. Kopanong, hat die 52-Jährige ihre Herberge genannt. Das heißt in der Sprache Sesotho: „Wo die Welt sich trifft“ – und das ist nicht übertrieben: In dem einfachen gelben Haus mit den vergitterten Fenstern haben schon Japaner, Amerikaner, Australier, Neuseeländer, Dänen und Deutsche übernachtet. Die Einrichtung ist bescheiden, aber gemütlich und zeugt von afrikanischem Flair. „Das ist nicht das Mandela Hotel“, sagt Lekau hinsichtlich der Luxusherberge in Kapstadt. „Aber es ist sauber, das ist wichtig.“

Thope Lekau ist beliebt in der Siedlung, nicht nur wegen ihres ansteckenden Lachens. Die Afrikanerin weiß, wie man Geschäfte macht, und sie verhilft auch ihren Nachbarn zu einer Einnahmequelle, wenn sie Touristen zum Kunsthandwerkermarkt oder zu Harry führt.

Harry ist der Besitzer einer „Shebeen“, wie die halb legalen Kneipen in den Townships heißen. Dort trinken wir selbst gebrautes Ingwerbier, das süffig schmeckt und die Zunge lockert. Bei Harry läuft immer der Fernseher. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 will er Public Viewing anbieten. Das bevorstehende Ereignis weckt auch das Interesse an den Armensiedlungen. Kürzlich, erzählt Harry, habe ein chinesisches Filmteam eine Dokumentation in Khayelitsha drehen wollen. Es war auf der Suche nach Bildern von Kindern, die aus Mangel an Bällen mit Müll Fußball spielen. Bei Harry und den anderen löste das Kopfschütteln aus: „Da müsst ihr woanders suchen. Bei uns wird mit richtigen Bällen gespielt“, verklickerte er den Chinesen.

Nicht alle Vorurteile sind amüsant für die Einheimischen. Wenn es um die Sicherheit geht, wenn von Bandenkriegen, Überfällen und der hohen Mordrate die Rede ist, leiden die kleinen, auf Touristen spezialisierten Unternehmen. Natürlich sollte man vorsichtig sein und die Probleme im Township nicht unterschätzen, sagt Thope Lekau. In Wirklichkeit aber seien die Menschen friedfertiger, und die Gastgeber würden ihre Besucher nie an gefährliche Orte mitnehmen. Zurück in der Pension bereiten Thope und ihre Tochter Mpho unser gemeinsames Abendessen zu: „Chakalaka“ ist ein traditionelles Gericht des Xhosa-Stammes aus gedünstetem Gemüse, Erdnussbutter, Gewürzen und süßer Chili-Soße.

Prominente Unterstützung

Beim Essen hören wir Thopes Geschichte. Die frühere Anti-Apartheids-Veteranin und Sozialarbeiterin erzählt, dass sie sich nach der Rassentrennung zur Reiseführerin ausbilden ließ. Zunächst öffnete sie ihr Haus für geführte Touristengruppen, bot ihnen Roiboostee und Mittagessen an und erzählte aus dem Leben im Township. Das lief so gut, dass sie schon bald drei Gästezimmer einrichtete, damit die Besucher länger bleiben.

„Meine Nachbarn haben mich damals ungläubig gefragt, wer denn hier um Himmels willen übernachten wolle“, sagt sie lachend. Aber die Hausbesitzerin bekam schon bald prominente Unterstützung. Der britische Außenminister und seine Frau verbrachten zwei Nächte in Kopanong und verhalfen Thope und ihrer Pension zu Bekanntheit. Für ihr Engagement und ihren Service erhielt die Betreiberin mehrere Auszeichnungen.

Am nächsten Tag führt uns die Gastgeberin durch die vibrierenden Viertel des Townships. Dort besteht die Welt aus zusammengenagelten Gemüseständen und Fleischhütten, aus Suppenküchen und spartanischen Kirchen. Wir bekommen Einblicke in die Methoden der Medizinmänner. Und wir besuchen eine achtköpfige Familie in einer Wellblechhütte, deren Kinder uns sofort zu ihren Spielkameraden erklären. Später verschwinden die winkenden Gastgeber hinter der Staubfahne unseres Wagens. Und wir wissen nun, dass es Orte wie dieser sind, in denen das afrikanische Herz schlägt.

Von Sonja Fröhlich

B&B-Pensionen

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe Township-Bewohner, die ihre Häuser zu B&B-Pensionen umgestaltet haben. Die meisten bieten afrikanische Küche und Führungen an. Auf Wunsch werden die Gäste vom Flughafen abgeholt. Die Preise liegen bei rund 50 Euro für Doppelzimmer und Frühstück mitunter auch für Halbpension. Eine Auswahl:

Kopanong, Khayelitsha: Thope Lekau bietet nicht nur selbst drei Gästezimmer an, sie vermittelt auch weitere Pensionen in ihrer Umgebung. Tel. (00 27/21) 3 61 20 84.
www.kopanong-township.co.za

Vicky‘s, Khayelitsha: Das B&B ist eines der ältesten in Südafrika. Vicky Ntozini hat drei gemütliche Zimmer zur Auswahl. Tel. (00 27/21) 3 87 71 04.

Ma Neo’s B&B, Langa: Gastgeberin Thandiwe Peter ist für ihre hervorragende Küche bekannt. Langa ist das dem Stadtzentrum am nächsten gelegene Township. Tel. (00 27/21) 69 42 50.

siea B&B, Johannesburg: Die Pension von Minah Makhoro liegt in Soweto (South Western Townships), dem größten und bekanntesten Township Südafrikas. Tel. (0027/11) 9 80 11 77.