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Reisereporter Wo Schottland hip ist
Reisereporter Wo Schottland hip ist
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13:01 18.11.2013
Von Michael Pohl
Moderne Stadt voller Geschichte: Die Buchanan Street ist eine der Haupteinkaufsstraßen Glasgows. Eine Statue erinnert hier an Donald Dewar – der 2000 verstorbene Politiker war der erste Minister Schottlands nach der Neugründung des schottischen Parlaments.
Moderne Stadt voller Geschichte: Die Buchanan Street ist eine der Haupteinkaufsstraßen Glasgows. Eine Statue erinnert hier an Donald Dewar – der 2000 verstorbene Politiker war der erste Minister Schottlands nach der Neugründung des schottischen Parlaments. Quelle: Visit Britain
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Glasgow

Es kommt nicht häufig vor, dass es einen gebürtigen Londoner dauerhaft raus aus der britischen Hauptstadt zieht. Sam Hansford ist so ein Fall: Der junge Engländer lebt im schottischen Glasgow, gut 650 Kilometer von London entfernt. Einst galt diese Stadt als eines der wichtigsten Industriezentren des britischen Königreichs, dann war sie für viele Briten nur noch eines - eine unter vielen.

Doch für Hansford ist das anders: Glasgow sei hip, sagt der junge Mann mit Dreitagebart und Umhängetasche. Jede Menge Kultur, Kunst, Musik - die einstige Industriestadt habe sich zu einem wahren Trendgebiet des Vereinigten Königreichs entwickelt. „Und dabei sind die Lebenskosten hier deutlich geringer als daheim in London“, betont Hansford.

Er arbeitet für einen der angesagtesten Klubs der britischen Insel: „Arches“, das Gewölbe. Direkt unter der imposanten Central Station gelegen, dem Hauptbahnhof von Glasgow, nutzt das Veranstaltungszentrum ein riesiges Kellergewölbe für sein Programm. Der Künstler Andy Arnold entdeckte die Räumlichkeiten im Jahr 1991 und erhielt von der Eisenbahngesellschaft grünes Licht für die Nutzung.

Auch Alistair McAuley und Paul Simmons ist der Aufstieg in Glasgow gelungen - wenngleich in einem ganz anderen Metier. Die beiden Designer gründeten 1990 in der schottischen Stadt Timorous Beasties, einen Hersteller von ungewöhnlichen Tapeten und Vorhängen. Motive mit großen Insekten und Vögeln sind zu ihrem Markenzeichen geworden, und dies mit Erfolg: Inzwischen hängen ihre Tapeten überall auf der Welt, doch produziert wird nach wie vor daheim in Glasgow. „In dieser Stadt bist du immer nur 20 Minuten von irgendwas entfernt“, schwärmt McAuley. Überschaubare Distanzen, dazu ein bisschen Heimatgefühl - die beiden schottischen Inhaber sahen nie die Notwendigkeit für einen Ortswechsel.

Glasgow ist geprägt von prachtvollen Gebäudezeilen aus der Zeit der industriellen Revolution. Kohle und Eisen sowie die Textilherstellung machten die Stadt zu einer Art zweitem Zentrum des Vereinigten Königreichs. An vielen Stellen entdeckt man noch heute den Hang der damaligen Stadtverwaltung, Glasgow zu einer Stadt ähnlich London zu entwickeln. Der großzügige George Square mit seinem fürstlichen Rathaus etwa zeugt nach wie vor vom Stolz der Einwohner. Die Stadt verfügt über die drittälteste U-Bahn der Welt - auch wenn die 1896 erbaute zehn Kilometer lange Ringlinie nie erweitert wurde. Das von Sir George Gilbert Scott im gotischen Stil entworfene Universitätsgebäude thront wie ein Schloss auf dem Gilmorehill. Und bis heute ist Glasgow mit rund 600 000 Einwohnern eine ganze Ecke größer als die schottische Hauptstadt Edinburgh (480 000). Ein heimlicher Triumph für viele Einwohner.

Der Architekt und Designer Charles Rennie Mackintosh prägte Glasgow architektonisch um die Jahrhundertwende. Als einer der führenden Vertreter des Jugendstils zeichnete er sich vor allem durch die Veränderung der viktorianischen Bauweise hin zu mehr Moderne aus. An zig Stellen ist sein Vermächtnis bis heute zu sehen, etwa in den Willow Tea Rooms in der Sauchiehall Street. Mackintosh hatte die Räumlichkeiten 1904 für Catherine Cranston, die Tochter eines wohlhabenden Teehändlers, gestaltet. Ovale Verzierungen, helle Farben, die typischen kleinen, viereckigen Lampen Macktintoshs prägen das Innere.

Eines seiner typischsten Gebäude hat in den vergangenen Jahren einen Wandel erlebt, der vermutlich ganz in seinem Sinne gewesen wäre: 1895 hatte Mackintosh am Rande der Innenstadt einen neuen Sitz für die Tageszeitung „The Herald“ geschaffen. Das damals noch sehr klassisch anmutende Gebäude wurde geprägt durch einen schmalen Eckturm, in dem der für die Rotation notwendige Kühlwassertank untergebracht war. Ein Baumerkmal, das dem Komplex heute einen neuen Namen verschafft hat: „The Lighthouse“. Dieser Leuchtturm ist nach einer Entkernung zu Schottlands zentralem Zentrum für Design und Architektur geworden. Der Wassertank ist längst verschwunden; heute können Besucher den Leuchtturm über eine Wendeltreppe erklimmen und von oben über die Dächer von Glasgow blicken. Übrigens kostenlos - wie fast alle Museen der Stadt verlangt auch das „Lighthouse“ keinen Eintritt.

Abends zieht es die Leute hingegen eher in die Klubs und Bars der Innenstadt und des Uni-Viertels. Schließlich trägt Glasgow den Titel der Unesco City of Music, denn zahlreiche international bekannte Bands und Musiker haben in Glasgow ihre Karriere begonnen. Neben der Indie-Rockband Franz Ferdinand waren dies beispielsweise auch Amy Macdonald und Travis. Selbst Oasis, die eigentlich aus Manchester stammen, wird nachgesagt, hier am Rande der schottischen Highlands entdeckt worden zu sein.

Wie sagen die Einwohner hier? Jeder „Glaswegian“ war entweder kürzlich in einer Band, ist zurzeit in einer Band oder gerade dabei, in eine Band einzutreten. Das soll mal ein Londoner von sich behaupten.

Stefan Stosch 11.11.2013