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Reisereporter Die perfekte Stelle
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16:13 09.06.2013
Nicht nur für Surfer ein Paradies: Der Amado Beach lockt mit seiner Ursprünglichkeit – hier haben Hotelketten die Gegend noch nicht zugebaut.
Nicht nur für Surfer ein Paradies: Der Amado Beach lockt mit seiner Ursprünglichkeit – hier haben Hotelketten die Gegend noch nicht zugebaut. Quelle: dpa
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Sagres

Es ist ein Traum hier unten an der Algarve. Wir könnten jetzt unser Handtuch in einer der unzähligen tollen Buchten ausrollen, mit unserer Liebsten über den Markt schlendern, zum Golf gehen, oder biken. Aber wir sind doch Surfer! Wir tragen Neoprenanzüge – Neos genannt – und keine Radler- oder karierten Hosen. Das heißt, eigentlich sind wir bisher nur Windsurfer – das sind die mit dem Segel.

Heute bläst auch ein ordentlicher Wind, knappe fünf Beaufort. Wir sind am Martinhalstrand in der halbmondförmigen Bucht, die nach Südosten geöffnet und – wichtig – nicht durch Felsen vor dem Wind geschützt ist. Der Spot liegt gleich neben der Gemeinde Sagres – ein guter Ort, um aufs Brett zu steigen, am südwestlichsten Punkt Europas. Die Ecke wurde so lange als das „Ende der Welt“ angesehen, bis portugiesische Seefahrer erkundeten, dass es doch nicht das Ende ist. Aber das ist doch, was wir beim Windsurfen längst erkannt haben: Die normale Welt hört dabei auf zu sein, was sie ist. Es gibt nur noch Wind, Wasser und Wellen.

Und Gott sei Dank einen Verleih: Manuel Plantier hat in seiner Hütte am 400 Meter langen feinsandigen Beach am „Windsurf Point“ alles, was wir brauchen. Gute Tabou-Boards in allen Volumina, Segel in allen Größen von 1,2 bis 7,0 Quadratmeter. Wir nehmen ein Slalomboard mit 100 Litern und ein Sechser-Segel. Der „Nortada“ bläst wie meist aus Nordwest schräg ablandig. Für Ängstliche und Anfänger aber kein Problem: Zwei Rettungsboote ankern im Wasser. ,,Es gibt keine Strömung“, erklärt uns Surflehrer Andre. Es wird ein Spitzentag. Surfen ohne Ende, bis die Hornhaut an der Hand glüht.

Doch am nächsten Tag ist der Wind weg – und so soll es bis zum Ende der Woche bleiben. Jetzt also doch faulenzen, shoppen, biken oder golfen? Oder doch lieber mal richtig surfen lernen? Nach 30 Jahren mit Segel auf dem Brett auch in höheren Wellen haben wir es noch nie „oben ohne“ versucht. Eduardo Lima – 27, cooler Bart, T-Shirt, Shorts und Flipflops – holt uns vorm nicht ganz billigen, aber perfekt gelegenen Martinhal-Hotel ab. Sein VW-Bus entspricht allen Vorurteilen, die man von einem Surfermobil hat: Er ist voller Staub, Surfkram und Surfzeitungen, aber gemütlich. In 20 Minuten bringt er unsere kleine Gruppe zum Amado Beach, biegt dabei vom Mittelmeer sozusagen um die Ecke an die Atlantikküste ab. Der Unterschied ist enorm. Das Wasser vor Martinhal war flach wie eine Tischplatte, hier schlagen die Wellen meterhoch übereinander.

Hin und weg

Anreise
Airlines wie TUIfly, German Wings oder Air Berlin fliegen Faro regelmäßig von zahlreichen deutschen Airports an.

Unterkunft
Vom Fünf-Sterne-Familien-Resort Martinhal (direkt am Strand) bis zum einfachen Surfhouse Sagres gibt es Quartiere aller Qualitäten und Preise.

Tipp
Beim Hin- oder Rückflug einen Zwischenstopp in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon einlegen, zwei oder drei Tage lohnen sich immer. Besonderen Spaß macht es dabei, die Stadt mit dem Sidecar – einem tollen alten Motorrad mit Seitenwagen – zu erkunden. Ein Fahrer führt zu den schönsten Plätzen der Stadt. Eine Person sitzt hinter dem Fahrer, eine im Seitenwagen. Die Tour nimmt etwa einen halben Tag in Anspruch.

Weitere Infos
martinhal.com
amadosurfcamp.com
sidecartouring.co.pt

Wir ziehen uns am Parkplatz oberhalb des Strandes am Bus um. Ohne Neo geht nichts. Der Warmwasserboiler funktioniert am Atlantik nicht wie in Rimini. Der Blick auf Amado ist aber atemberaubend: sehr breiter Strand, wilde Dünenlandschaft dahinter. Trotzdem gibt es nur drei Wohnwagenbuden, keine Hotels im Hintergrund – Natur pur.

Eduardo lässt uns zum Aufwärmen die Hälfte des 600 Meter langen Strands entlangjoggen, dann dehnen wir uns im feinen Sand. Man muss beweglich sein, das spüren wir schon bei den Trockenübungen. Drei Schritte übt Eduardo mit uns ein: Erstens: flach auf dem Board liegen und paddeln. Zweitens: wie bei der Yoga-Übung „nach oben schauender Hund“ die Arme strecken, dann den linken Fuß nach vorn an die Seite setzen. Drittens, die schwierigste Übung: aufstehen und schräg nach vorn ausgerichtet mit gebeugten Knien losreiten.

Klappt am Strand, aber im Wasser müssen wir schlucken: Es geht zwar sehr flach rein, aber die Wellenspülung ist heftig. Die Fahnen, die Eduardo zur Orientierung in den Strand gesteckt hat, entfernen sich schnell. Gut, dass wir mit einem „Leash“ , einem Seil am Knöchel, mit dem Board verbunden sind. So kann es nicht abtreiben, wenn wir schon wieder herunterpurzeln. Nach vier Stunden pfeift Eduardo den Surftag ab. Immerhin: Für einige Sekunden gestanden und eine Welle erwischt – das ist doch was.

Treffpunkte am Abend sind die vielen Kneipen in Sagres, in denen die Surfer, die an den 22 Stränden der Westalgarve verteilt waren, wieder zusammenfinden. Zur Standardübung in Europas Surfzentrum gehört danach der Weg in die Disco, aber da braucht man vor ein Uhr morgens nicht anzutanzen, dann geht es erst richtig los. Der Surfer findet am Ende der Welt kein Ende, bis es am nächsten Tag von vorn losgeht – ganz gleich, ob mit und ohne Segel.

 Von Andreas Willeke