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Reisereporter Fünf Dörfer für ein Halleluja
Reisereporter Fünf Dörfer für ein Halleluja
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00:07 24.10.2009
Vernazza: Der Ort ist eines der noch erhaltenen Fischerdörfer an der italienischen Riviera.
Vernazza: Der Ort ist eines der noch erhaltenen Fischerdörfer an der italienischen Riviera. Quelle: srt
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"Komm’ schon“, spornt Bob mich an. Es ist nicht das erste Mal, dass mich der Kanadier auf unserer Wanderung aus den Gedanken reißt, wenn ich so über das gelungene Farbzusammenspiel aus azurblauem Meer, hellgelben Ginsterflecken, purpurroten Spornblumen und sattestem Gräsergrün staune und vor lauter Begeisterung vergesse, weiterzumarschieren.

„Bei der Bar dell’Amore kannst du nicht nur den Ausblick genießen, sondern obendrein ein Bier – und einen süßen Sciacchetrà!“ Der Langzeitstudent muss es ja wissen, seit Jahren verbringt er seinen Urlaub zwischen den messerartigen Landzungen Punta Mesco und Punta Manara. Und seit Jahren hat er einen Lieblingsort, eben jenen direkt an der weit bekannten Via dell’Amore gelegenen Ausschank zwischen Manarola und Riomaggiore. Warum das so ist, erklärt sich, als wir uns dort auf die gemütlichen Stühle fallen lassen.

Ein gutes Dutzend kleiner Tische wurde hier auf einer Art lang gezogener Terrasse drapiert, dahinter befinden sich das kleine Esslokal und steil aufragende Felsen, davor – oder besser darunter – das aufregende Meer. Nur durch ein Gitter getrennt können wir rund 50 Meter hinunter auf die Wellen blicken, wie sie an den Klippen zerschellen. Nicht minder berauschend ist der Blick hinaus aufs weite Meer und links und rechts die Steilküste entlang. Auch andere Wanderer schätzen diesen Ort, wie die begeisternden Rufe in allen möglichen Sprachen vermuten lassen.

Die Internationalität ist nichts Ungewöhnliches in den Cinque Terre, die ihren Namen den fünf kleinen Orten Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso al Mare verdankt. Schließlich kommen die Besucher aus Übersee, Asien und ganz Europa nach Ligurien. Interessant ist auch: Die Cinque Terre begeistern so ziemlich alle Altersgruppen, das Publikum reicht vom Kegelklub über Rentnerrunden bis hin zu jungen Familien, aber eben auch jungen Reisenden.

Englisch als zweite Amtssprache

Durch beständiges Weiterempfehlen haben sie den „bekanntesten Geheimtipp Italiens“ zu einer festen Größe auf der Lonely-Planet-Weltkarte gemacht. Und die schnuckeligen Orte, die sich auf fast unerklärliche Weise in die wenigen winzigen Buchten, die die schroffe Küste freigibt, quetschen und mit ihrem Übereinandergestapel architektonische Grundgesetze auf den Kopf zu stellen scheinen, haben sich ihrerseits darauf eingestellt. Sie warten mit etlichen Internetshops und Waschsalons auf, in Monterosso al Mare hat sich eine Bar etabliert, die ganz und gar auf Amerikaner setzt, wobei Englisch auch in anderen Etablissements längst zur zweiten Amtssprache avancierte. Zwischen die in den Gassen gelagerten Fischerboote von Vernazza etwa passt immer noch ein „Take away Pizza“-Schild.

Aber es genügen bereits ein paar Schritte in die Seitengassen, eine Treppe hinauf, und schon sind die Insignien des internationalen Tourismus und erst recht die Touristen selbst nicht mehr zu vernehmen. Mit einer Kunstwelt haben die Cinque Terre zwar wirklich nichts zu tun, aber in den Nebengassen herrscht gleich noch mehr Authentizität. Hier ein streunender Kater, dort eine flackernde Laterne, Großmütter an Holztischen und lautstarke Familienauseinandersetzungen auf Minibalkonen. Die Einzigartigkeit des Landstrichs und seiner Bewohner, die in schweißtreibender Arbeit mehr als 10.000 Kilometer Trockenmauern in die Hänge setzten und diese nach wie vor unterhalten, bewog 1997 die Unesco zur Verleihung des Weltkulturerbetitels.

Seitdem hat das Interesse an den Cinque Terre weiter zugenommen, doch es gibt sie noch, die ruhigen Plätze. Erst recht abseits der Hauptrouten inmitten des bis auf 800 Meter aufsteigenden Küstengebirges, und erst recht in der Nachsaison, wenn die zahlreichen Sommerurlauber wieder abgereist sind. Dann kommen die Genießer und erfreuen sich beim Wandern, Reiten oder Mountainbiken an den Ausblicken auf Meer und Küste. Das Panorama ist auch deshalb so schön, weil man eine Menge nicht sieht: große Hotelkomplexe, lange Sandstrände mit akkuraten Liegestuhlreihen und anderen Zeichen des Massentourismus. Dafür ist hier schlicht kein Platz, im wahrsten Sinne. Und genau dieses Leben in einem eigentlich unmöglich zu belebenden Areal macht die Faszination der Cinque Terre aus – und zugleich ihre Gefährdung.

Sauberste Küstengemeinden

Nicht umsonst wurde in den neunziger Jahren der „Parco Nazionale 5 Terre“ gegründet, der erste des Landes, der sich für den Schutz einer primär von Menschen erschaffenen Landschaft einsetzt. Und das tun die Verantwortlichen nicht nur an Land mit innovativen Ideen, wie den Einsatz von Elektrobussen, einer restriktiven Parkplatzvergabe und der Verweigerung, Grundstücke an Hotelmogule zu verkaufen, sondern auch am und im Meer.

Einige Zonen sind streng geschützt und dürfen weder von Tauchern noch von Seglern oder Badenden betreten werden. Wer baden möchte, findet dafür in Riomaggiore einen der besten Strände vor – gemeinsam mit den Nachbarstränden in Vernazza und Monterosso al Mare wurde er vom Umweltschutzverband Legambiente und dem Touring Club Italiano in der 2008er-Ausgabe ihres Strandführers „Guida Blu“ auf den dritten Platz der saubersten Küstengemeinden Italiens gewählt. Ein herrlicher Ort, um sich nach dem Meistern des zwölf Kilometer langen Küstenwanderwegs – im Übrigen der einzige Italiens, für dessen Benutzung fünf Euro fällig werden – abzukühlen. Bei einer Wassertemperatur von rund 20 Grad ist das selbst im Oktober noch gut möglich.

Von Christian Haas

Weitere Informationen:
Parco Nazionale delle Cinque Terre,
Via Telemaco Signorini, 118, Riomaggiore, Tel. (0039/0187) 76031
www.parconazionale5terre.it

10.10.2009
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