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Reisereporter Film ab für Massachusetts
Reisereporter Film ab für Massachusetts
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00:42 02.10.2009
Station vor dem State House: Scott Towers weiß alles über Filmdrehs in Boston.
Station vor dem State House: Scott Towers weiß alles über Filmdrehs in Boston. Quelle: Zgoll
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Die Werkshalle ist abrissreif. Das eiserne Skelett des 15 Meter hohen Baus rostet vor sich hin, der böige Wind hat freien Zugang. Hier, in Quincy, Massachusetts, wurde Jack Nicholson erschossen. Nicht persönlich, okay, nur Frank Costello, der von ihm gespielte Gangsterboss in dem Polizeithriller „The Departed – unter Feinden“. Aber immerhin.

Stolz führt uns Mark Carey vom örtlichen Filmbüro an die Drehorte bekannter US-Streifen der vergangenen drei Jahre, die in dem 90.000-Einwohner-Städtchen an der amerikanischen Ostküste eine Rolle spielten. Kevin Costner und Ben Affleck, Tommy Lee Jones, Kevin Spacey und Morgan Freeman standen hier schon vor der Kamera. George Clooney ging 80 Kilometer weiter nördlich an Bord seines Fischerbootes und in „Der Sturm“ unter, Mel Gibson, Steve Martin und Sandra Bullock waren auch schon da. Hört man Mark Carey reden, möchte man meinen, dass Hollywood schon Geschichte ist, dass Massachusetts dem Filmmekka Kalifornien schon den Rang abgelaufen hat.

Tatsächlich träumt der Neuengland-Staat davon, mithilfe von Steuererleichterungen und dem Bau eines 550-Millionen-Dollar-Studiokomplexes im Küstenstädtchen Plymouth zum „Hollywood East“ zu werden. Mehr als 30 Kinofilme wurden in den vergangenen zehn Jahren in Massachusetts gedreht, mit stark steigender Tendenz. Stadt, Land, Meer bieten manch reizvolle Kulisse – auch für Touristen.

Trotz aller bekannten Streifen, die in dem Ostküstenstaat in den vergangenen Jahren gedreht wurden, liegt ihr Anteil an den 500 alljährlich erscheinenden US-Kinofilmen von Rang gerade einmal bei zwei bis drei Prozent. Doch die Regierung des Neuengland-Staates will mehr. Jedem Zweifler rechnet sie vor, dass fünf Cent staatlicher Hilfe einen Dollar Umsatz von wirtschaftlichen Aktivitäten verschiedener Art im Umfeld nach sich ziehen; stolz verweist sie auf 3200 neue Arbeitsplätze rund um die lokale Filmbranche im Land, die jetzt schon geschaffen wurden.

Vertrag ist unterzeichnet

Bob Nolet, PR-Chef der Plymouth Rock Studios, ficht das bislang relativ kleine Stück am großen Filmkuchen nicht an. In leuchtenden Farben beschreibt er den gewaltigen Filmstudio-Komplex von „Hollywood East“, der südlich des Pilgrim-Father-Touristenortes entstehen soll. Modernste Aufnahmetechnik und komplette Ausstattung unter einem Dach verspricht er, baut auf die Entwicklungshilfe des renommierten Massachusetts Institute of Technology und auf hochkarätige Führungskräfte aus der Filmbranche.

Neben den großen Studioanlagen für Film- und TV- Aufnahmen soll es in Plymouth auch ein Areal für Tagesbesucher mit Hotel, Läden und Restaurants geben. Vor wenigen Tagen, in der letzten Septemberwoche, wurde der Vertrag mit dem Geldgeber, der Prosperity International LLC aus Florida unterzeichnet; die Fertigstellung von „Hollywood East“ ist für 2012 versprochen.

Massachusetts zählt zu den kleinen US-Bundesstaaten. Mit seinen 27.000 Quadratkilometern ist es ungefähr so groß wie Brandenburg, liegt mit 6,5 Millionen knapp unter der Einwohnerzahl von Niedersachsen. Dass das Land für die Filmindustrie zunehmend interessant wird, hat viel mit der Steuerersparnis in Höhe von 25 Prozent zu tun, die hier seit 2006 gewährt wird.

Doch die Konkurrenz schläft nicht: Auch Bundesstaaten wie New Mexico, Louisiana oder Michigan werben mit großzügigen Steuerrabatten zwischen 25 und 40 Prozent, auch Kanada punktet schon lange im Kinogeschäft. Das Film-Mutterland Kalifornien – verschuldet über beide Ohren – verweigerte lange Zeit einen Steuernachlass, muss jetzt aber dem Wettbewerb Tribut zollen und verspricht ab 2011 ebenfalls 20 bis 25 Prozent Nachlass. So versucht Massachusetts die Filmproduzenten verstärkt mit seinen landestypischen Schönheiten zu ködern – und die sind natürlich auch für Touristen interessant.

Von Michael Zgoll