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Reisereporter Festliche Tradition im Allgäu
Reisereporter Festliche Tradition im Allgäu
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00:11 18.08.2012
Von Bernd Haase
In den nächsten Wochen werden im Allgäu die Kühe von den Weiden geholt. Quelle: Urlaubsregion Allgäu/Allgäu GmbH
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Obermaiselstein

Das Fremdenverkehrsamt in Obermaiselstein muss einen direkten Draht zum Referatsleiter Wetter oben beim lieben Herrgott haben. Anders ist das gar nicht zu erklären, dass der Himmel ausgerechnet zum Festtag über den Allgäuer Alpen mit einem derart satten Blau prahlt, dass man dafür erst noch einen passenden Namen finden müsste.

In Obermaiselstein sind alle auf den Beinen. Die 900 Einwohner sowieso, herausgeputzt in Trachten. Auch die meisten Touristen, die über Stunden unablässig herbeigeströmt sind, haben sich fein gemacht und schlendern nun zur Festwiese. An den Ständen werden schon am Vormittag die ersten Biere gezapft, an einem Spieß dreht sich Ochsenbraten, im Festzelt polieren Musiker der Feuerwehrblaskapelle aus Fischen zum letzten Mal ihre Instrumente. Es wird ein Traum von einem Viehscheid werden, so viel steht jetzt mal fest.

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Viehscheid heißt im Allgäu das, was sie andernorts in den Alpen Almabtrieb nennen. Der Name rührt daher, dass die Älpler, die die Rindviecherherde den Sommer über auf den Bergweiden in Obhut hatten, die einzelnen Tiere im Tal ihren Besitzern übergeben, die Herde also scheiden. Das passiert üblicherweise in den letzten beiden Septemberwochen. „Viehscheid ist ein Festtag für die Kühe und harte Arbeit für uns“, sagt Älpler Thomas Natterer. Der 54-jährige Rauschebartträger bewirtschaftet die 1400 Meter hoch gelegene Alm Grasgehren, eine von zwölf in den Bergen rund um Obermaiselstein. Kurz nach Sonnenaufgang wird er mit seiner Familie und Gehilfen 60 Stück Allgäuer Braunvieh über acht Kilometer und 600 Meter Höhenunterschied in den Ort treiben.

Der Himmel ist noch schwarz und sternenklar, als für Natterer und die Seinen gegen 4 Uhr die Arbeit beginnt. Die Kühe werden geputzt, an so einem Tag soll kein Dreck das Fell verunzieren. Und jede einzelne Kuh bekommt eine Glocke um den Hals, eine Klepfe beispielsweise, die einen dunklen Ton macht, eine der riesigen Halbschweizer oder eine der kleineren, heller klingenden Bunkeln. Bis zu 700 Euro kostet so eine Glocke. Ach ja, und dann muss natürlich auch Madame noch ausstaffiert werden, die Kranzkuh, die der Herde vorwegmarschieren wird. „Das ist unsere schönste“, sagt Johannes Natterer, während er dem Tier den opulenten Kopfschmuck aus Weißtannenzweigen und Alpenblumen anlegt.

Inzwischen glimmen die ersten Sonnenstrahlen über den Bergkuppen. Die Älpler haben sich braune Hosen aus Hirschleder, blütenweiße Hemden und Haferlschuhe angezogen. Dann geht gegen 7.30 Uhr die Stalltür oben in Grasgehren auf. „Geht beiseite, das wird hier gleich hektisch“, sagt Thomas Natterer. In der Tat: Haben die Viecher das Schmücken noch mit stoischer Ruhe über sich ergehen lassen, sind sie nun voller Tatendrang. Manche galoppieren, andere drängeln, einzelne bocken oder wollen ausbrechen. Wenn es gar nicht anders geht, sind die Älpler nicht zimperlich mit ihren Hirtenstäben aus Nussholz.

Bald kommt Ordnung in die Sache, der Zug der Rinder setzt sich in Bewegung. Hufe klappern auf dem Asphalt, die Glocken machen einen ziemlichen Lärm, und als die Herde durch einen Tunnel zieht, denkt man irgendwie an die Posaunen, die Jerichos Mauern einstürzen ließen. Die Tiere sind zügig unterwegs, und der Laie kann die interessante Beobachtung machen, dass sie in der Lage sind, im Gehen ihr, nun ja, großes Geschäft zu erledigen. „Das ist der Stalltrieb“, ruft der Hirte Anton über den Krach hinweg. Er und seine Kollegen müssen laufen und haben schon gleich gar keine Zeit, den Flatschen auf der Straße auszuweichen.

Dann kommt der Ort, und die wilde Fahrt ist vorbei. Die Kranzkuh, eben noch kaum zu bändigen, schreitet nun fast würdevoll durch die Straßen. Obermaiselstein und seine Besucher, an die 25000 haben den Ort geflutet, stehen Spalier für Kühe. Anton, der die Kranzkuh führt, ist stolz und Johannes Natterer erleichtert, dass wieder einmal alles glattgegangen ist. Auf dem Viehscheidplatz an der Festwiese stehen schon die Bauern mit ihren Fahrzeugen, um die Tiere zu verladen.

Bald stemmen die Treiber die erste Maß. Im Festzelt legt sich die Kapelle ins Zeug, später wird es Tanzmusik geben. Der Viehscheidtag unter blauem Himmel nimmt seinen Lauf. Und es spricht vieles dafür, dass er noch lange, lange andauern wird.

Stefan Stosch 11.08.2012
Bernd Haase 04.08.2012
Stefan Stosch 04.08.2012