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00:42 02.01.2010
Heißes Pflaster: Reykjavík zeigt sich in Weiß.
Heißes Pflaster: Reykjavík zeigt sich in Weiß. Quelle: visitreykjavik
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Es gibt Tage, da tanzen die Isländer ab 2 Uhr nachts auf den Tischen“, sagt eine junge Frau vor dem Kultcafé namens Kaffibarinn. Nur, wer kann schon darauf warten? Reykjavik im Winter – an einem gewöhnlichen Tag liefert die 160.000-Einwohner-Metropole nicht den Eindruck, hier tanze der Eisbär. Doch im Moment ist die Faszination für Island so groß, dass die Fluggesellschaft Icelandair mehr Maschinen einsetzen muss. Seit der Staat fast pleite, die isländische Krone kräftig abgewertet und das kleine Land in die Schlagzeilen geraten ist, strömen die Neugieren. Doch wo steckt der Reiz von Reykjavik im Winter?

101 – die Nummer fürs Zentrale

Die Straße Laugavegur vereint die meisten Einkaufsläden. Wer aber länger als eine halbe Stunde dafür braucht, die Meile abzulaufen, muss abgebogen sein in die Seitengassen. Es ist eine Kleinstadt mit bunt gestrichenen Häuschen im Zentrum und Plattenbauten in den Vororten. Heraus ragt die von 1945 bis 1986 gebaute Kirche Hallgrímskirkja mit ihrem 73 Meter hohen Turm. Von dort oben bietet sich ein bestechender Blick auf Stadt und Bucht. Die Gassen unten mit ihren schrillen, schicken oder schrägen Cafés sind ideal für die Begegnung mit den herzigen Isländern. Sie sprechen fast alle fabelhaft Englisch, sind offen, scherzen und sind neugierig.

Alles, was mit der Postleitzahl der Innenstadt, „101“, zu tun hat, ist in Anlehnung an Hallgrimur Helgasons Roman und Film „101 Reykjavik“ begehrt. Das Hotel und die Bar gleichen Namens sind die erste Anlaufstation für Fremde. Dort treffen sich Menschen aller möglichen Nationalitäten. Auch die Bar „B5“ in der Bankastraeti Nummer fünf zeigt mit übergroßen Lampenschirmen, Retrostil und Sofas eine eigenwillige Mischung, die den Ort unverwechselbar macht.

Stolz sind die Isländer auf ihren Outdoor-Laden „66° north“, der im Namen gleich den Breitengrad mitliefert. Seit 1926 wärmt die Firma die Isländer mit dicken Hemden und Hosen. Die Kleidung ist bei dem günstigen Wechselkurs der Renner. Aufwärmen lässt es sich in der eine halbe Autostunde entfernt liegenden Blauen Lagune. Im flachen, rund 40 Grad warmen Tiefenwasser eines nahen Geothermiekraftwerks erholen sich Einheimische und Gäste. Die milchige Farbe rührt von hautfreundlichen Mineralsalzen, Kieselsäure und Algen. „Wer hier schwimmt, lebt länger“, behaupten die Isländer, deren Lebenserwartung mit mehr als 80 Jahren ohnehin zu den höchsten der Welt zählt.

Ob das an der reinen Luft liegt? Jedenfalls gibt es auf Island kaum Schornsteine. 80 Prozent der Energie kommt aus der Tiefenwärme der größten Vulkaninsel der Welt. Reykjavik zählt deshalb zu einer der saubersten Städte der Welt. Ihr Name leitet sich von „rauchender Bucht“ ab und weist auf die vielen Quellen hin. Aus 50 Bohrlöchern rund um die Hauptstadt schießt heißes Wasser herauf. Es wird in Tanks gesammelt und in die Gebäude zum Heizen geleitet. Auf einer Tankbatterie nahe dem Regionalflughafen thront das halbkugelige Restaurant „Die Perle“. Es ist zu einer Art Wahrzeichen der Stadt geworden. 18 Millionen Liter Heißwasser und das Sagamuseum in einem der Tanks ruhen unter dem Gast, der von dort oben auf die Stadt schaut und im Winter das Nordlicht am Himmel bewundern kann.

Schuhe mit Fischhaut

Maria Reynisdottir, eine junge Isländerin, die in Oslo studiert hat, preist die Vorzüge ihrer Heimat so: „Wir haben keine Luftverschmutzung, keinen Lärm, keine Verkehrsstaus, eben keinen Stress.“ Die Marketingfrau sieht die isländische Hauptstadt als die kommende Metropole für den Kurzurlaub. Sie zählt Feste auf wie „Food and Fun“ mit allem, was Gourmets gern haben, weist auf den „DesignMarch“ vom 18. bis 21. März hin und erzählt, dass arbeitslose Architekten als Designer neue Aufgaben gefunden hätten. Die Bankenkrise und der Baustopp lassen viele Projekte ruhen. Dafür ist eine Vielfalt an Schmuck und Schuhen mit Fischhaut entstanden.

Am Hafen leuchtet Yoko Onos Friedenssäule. Die 72-jährige Witwe des Beatles John Lennon hat den Glaszylinder als Erinnerung an ihn und als Mahnung für Frieden in der Welt entworfen. Kurzgedichte sind eingraviert.

Es ist diese Mischung aus Kultur und Eigenleben einer Insel im Nordatlantik, die die Neugier weckt. Die antik klingende Sprache Isländisch hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Ein Rat tritt zusammen, wenn neue Begriffe wie Squash aufgenommen werden. Das heißt nun übersetzt „Wandtennis“. Die Fotokopie wurde zur „Lichtschrift“, die Elektrizität als „Bernsteinkraft“ bezeichnet. Software ist „Gedankenausrüstung“, das Teleskop ein „Sichtvermehrer“ und Optimismus „Hellsicht“.

Nur ein Telefonbuch

Marketingfrau Maria Reynisdottir hat viel davon. Sie sieht das Land aus der Krise kommen – vor allem dank der vielen Touristen. Die finden es putzig, dass sich alle 320.000 Isländer beim Vornamen anreden, sie nach diesen geordnet in nur einem Telefonbuch stehen. Maria hat gerade Emiliana getroffen, Emiliana Torrini. Die 32-jährige Sängerin mit dem rollenden Rattatong in ihrem Hit „Jungle Drum“ ist hier aufgewachsen. Die Tochter einer isländischen Mutter und eines italienischen Vaters gilt zwar als Weltstar, aber geht hier locker mit ihren Duzfreunden um. Zum Aufladen der Seele kommt sie immer wieder zurück nach Reykjavik. Da sind die Musikbars im Winter voll, da laufen Theaterprogramme, Konzerte von Jazz bis Klassik, da sind Galerien und Museen geöffnet. „Wir geben pure Energie“, sagt Maria und lächelt.

Von Knut Diers

Anreise
Icelandair, Flug ab Frankfurt bis Reykjavik 3,5 Stunden

Weitere Informationen
Visit Reykjavik, Adalstraeti 2, 101 Reykjavik, Tel. (00354)590-1500. www.visitjeykjavik.is
Visit Iceland – Isländisches Fremdenverkehrsamt Rauchstr. 1, 10787 Berlin, Tel. (030)5050-4200. www.visiticeland.com