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Reisereporter Durch die weiße Wildnis im Norden Skandinaviens
Reisereporter Durch die weiße Wildnis im Norden Skandinaviens
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16:52 04.02.2011
Lappland
Aufwärmen am Feuer: Zur Pause gibt es Rentierbrühe und Moltebeerenmus. Quelle: Visit Sweden
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Schnee. Um mich herum ganz viel Schnee. Keine halbe Stunde auf schwedischem Boden, schon sause ich per Motorschlitten durch einen tief verschneiten Wald. Minus 25 Grad in der Luft, 40 Stundenkilometer auf dem Tacho, 60 Zentimeter Schnee unter den Kufen – und das Visier meines Helmes friert zu.

Froh über den dicken Schneeanzug und die doppelte Skiunterwäsche, umklammere ich die beheizten Handgriffe des Schlittens und gebe weiter Gas: Vorbei an Rentieren und Skiliften, unter schneebedeckten Kiefern hindurch und über zugefrorene Seen, bis die ersten bunten Holzhäuser in Sicht sind.

Vor mir liegt Arvidsjaur, ein kleiner Ort mitten in Schwedisch Lappland, 100 Kilometer südlich des Polarkreises und 700 Kilometer nördlich von Stockholm. In der Gemeinde leben 6600 Einwohner und mehr als doppelt so viele Rentiere. „Wir haben 4000 Seen, aber nur eine Schule, eine Kirche, einen Bahnhof und einen Laden für Alkohol“, sagt Fremdenführer Peter Mannr. Arvidsjaur ist ein verschlafenes, nordschwedisches Nest, in dem die Tretschlitten auf der Hauptstraße Vorfahrt haben – doch seinen Besuchern wird hier garantiert keine Sekunde langweilig.

Wer im Winter nach Schwedisch Lappland kommt, erlebt eine Mischung aus Aktivurlaub und Wildnisabenteuer. Es gibt zahllose Angebote, alle in freier Natur: Langlauf, Abfahrtski, Eisangeln, Jagen, Schneeschuhwandern, Schlittschuhlaufen, Wintergolf, Eisbaden, Rentierschlittenfahrt, Hundeschlittentour und Elchsafari sind einige davon. Ohne einen Ritt auf einem Motorschlitten, dem gängigsten Fortbewegungsmittel im lappländischen Winter, fährt niemand wieder fort. Laut Mannr habe jeder zweite Nordschwede solch ein „Mofa auf Kufen“. Sobald zehn Zentimeter Schnee liegen, lassen sich damit querfeldein lange Autostrecken abkürzen.

Mit vielen PS durch den Schnee – das war überhaupt der Auslöser, der die Region Norbotten, zu der Schwedisch Lappland gehört, als Reiseziel bekannt machte. Die Gegend ist heute berühmt für ihre Autoteststrecken, auf denen nicht nur Konzerne wie Volkswagen oder BMW heimlich den „Elchtest“ üben, sondern auch Autotouristen ihre Fahrkünste bei Eis und Schnee erproben.

Eis- und Schneetauglichkeit müssen Tom und Lotta Svensson nicht mehr beweisen. Sie sind zwei von 20 000 Sámi in Schweden, den Ureinwohnern Skandinaviens. Seit Jahrtausenden ist ihr Volk den Rentieren auf dem Weg zu neuen Weidegründen gefolgt. „Wir fühlen uns von Geburt an als Teil der Natur“, sagt Lotta. In einem Wald 50 Kilometer westlich von Arvidsjaur hütet die Sámi-Familie knapp 300 Rentiere. Auf dem Weg zu ihrer runden Holzhütte, der Kota, stapfen wir bei jetzt minus 35 Grad durch das Unterholz. Die Nacht hier draußen ist dunkel und still – und ist es doch wieder nicht: Sterne und Mond verwandeln die Schneedecke in ein helles Lichtermeer, und das laute Knirschen unserer Schritte hallt in der klaren Luft lange nach. „Früher lebten alle Sámi von ihren Rentieren, heute nur noch zehn Prozent“, sagt Tom. Ungefähr 230 000 Rentiere würden derzeit in Schweden herumlaufen. In der Mitte seiner Kota prasselt ein wärmendes Feuer, drum herum sitzen wir im Schneidersitz auf Rentierfellen, schlürfen würzige Rentierbrühe und kosten Rentierfleisch mit Moltebeeremus.

Tom und Lotta sprechen vom Einfluss der Kolonisierung auf die Sámi-Kultur, als wir später im Wald ein paar ihrer Rentiere streicheln. 1757 zogen die ersten schwedischen Siedler in das Land der Sámi, dem sogenannten Sápmi, das sich im Ganzen von der Kola-Halbinsel in Russland über das nördliche Finnland bis Nord-Norwegen und Schweden erstreckt. „Inzwischen sind wir allenfalls Halbnomaden“, erklärt Lotta. Seit der Schulpflicht blieben Sámi-Frauen mit den Kindern zu Hause, während ihre Männer die meiste Zeit des Jahres mit den Rentierherden durch Lappland zögen, so Lotta.

Von der Rentierhaltung allein können Svenssons nicht mehr leben, in ihrem kleinen Holzhüttendorf, dem „Batsuoj Samecenter“, bieten sie deshalb Übernachtung und Bewirtung à la Sámi an. Neben all den winterlichen Aktivitäten entdecken Touristen hier einen Hauch der jahrtausendealten Kultur Schwedisch Lapplands.

Ein einzigartiges Wildnisabenteuer beschert der Besuch im „Svansele Vildmarkscamp“. 100 Kilometer südlich von Arvidsjaur gelegen und nur mit 30-minütiger Motorschlittenfahrt zu erreichen, besteht das Camp aus mehreren kleinen Holzbungalows mitten im Wald und Tiefschnee. „Unsere Besucher kommen her, um an ihre Grenzen zu gehen und gleichzeitig abzuschalten“, erklärt Johannes Holmlund vom „Vildmarkscenter“, das die Ausflüge anbietet. Im Wildniscamp gibt es keinen Strom und kein fließend Wasser, dafür einen Fluss, zwei Plumpsklos, zwei Saunas, zwei beheizte Badetonnen und ein großes, offenes Feuer in der „Küchen-Hütte“. Dort brät und wendet Johannes eine Menge Elch, Rentier und Forelle und erzählt ganz nebenbei von Braunbären, Vielfraßen und Wölfen, die in den umliegenden Wäldern gelegentlich ihr Unwesen treiben.

Im Morgengrauen satteln wir unsere Motorschlitten zur Elchsafari. Es schneit bei „warmen“ minus zwölf Grad – nicht das beste Wetter, um den „König des Waldes“ zu sichten. „Doch bei uns gibt es Elchgarantie“, sagt Johannes. Jeder Besucher, der keinen Elch gesehen hat, bekomme sein Geld zurück, verspricht der blonde Nordschwede. Kurz darauf blicke ich staunend auf eine Elchkuh und ein Kalb, die mit großen Augen und aufgeblähten Nüstern zu uns herüberschauen, bevor sie mit majestätischen Schritten davonwaten.

Auf der „Nymanen Huskyfarm“ werde ich mit lautem, vielstimmigem Geheul begrüßt. Neben dem roten Holzhaus von Birgitta und Mikael Sandin steht ein großer Zwinger mit 50 Siberian Huskys, die ungeduldig auf ihren nächsten Einsatz vor dem Hundeschlitten warten. „Der Siberian Husky ist einer der schnellsten Schlittenhunde, er erreicht bis zu 30 Stundenkilometer“, erklärt Mikael, während er zwölf der dunkelgrau-weißen Hunde vor einen Holzschlitten spannt.

Das Ehepaar Sandin nimmt mit ihren Huskys an Wettkämpfen teil und trainiert täglich 17 Kilometer lange Strecken. Heute stehen die Hündinnen Lo und Nova an der Spitze, sie haben den anstrengendsten Part. „Bei langen Rennen wechseln wir die Führhunde aber aus“, sagt Birgitta. Auf ihr Kommando schnellen die Schlittenhunde plötzlich los und pesen mit uns in das nächste spannende Wintervergnügen. Still und erhaben gleitet Schwedisch Lappland an uns vorbei. Und um uns herum wieder ganz viel Schnee!

Von Sophie Hilgenstock

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