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Reisereporter „Dorade incognito“ für Bono
Reisereporter „Dorade incognito“ für Bono
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17:40 25.06.2009
Einsam, urig, voller Treibholz: Spaziergänger am Langoustier-Strand von Porquerolles.
Einsam, urig, voller Treibholz: Spaziergänger am Langoustier-Strand von Porquerolles. Quelle: Helge Sobik
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Gérard Genta ist das eigentlich egal: Ihn interessiert, ob er morgens genügend Doraden im Netz hat und ob sein Koch den Fisch später im Restaurant gut würzt und genau richtig brät. Aber ob dann Bono hineinbeißt oder irgendwer anders, das ist ihm gleichgültig. Hauptsache, der Fisch ist fangfrisch und schmeckt. Den Sänger von U2 hätte Gérard Genta in seinem Restaurants auf Porquerolles ohnehin trotz der obligatorisch blau verglasten Brille nicht erkannt, wenn ihn nicht Kellnerin Jasmin darauf aufmerksam gemacht hätte. „Ja“, sagt er zwar, „es kommen häufig Promis vor allem aus St.Tropez mit ihrer Jacht herüber, ankern in unseren Buchten, enstpannen an unseren Stränden, tauchen zum Abendessen hier auf. Aber sie interessieren mich nicht mehr als jeder andere.“

Wenn das letzte Linienschiff zurück zum Festland abends um halb acht von der Mole abgelegt hat, wird es still auf dem gerade mal zwölfeinhalb Quadratkilometer kleinen Eiland vor Hyères. Schon vierzig Minuten vorher schließt die Touristeninformation am kleinen Hafen, dreißig Minuten vor der Abfahrt auch der Croque-Laden am Ortseingang – sofern die vorbereiteten belegten Brote nicht wieder schon vorher vergriffen sind. Und kurz vorm Ablegen stapeln die Wirte der Bistros am Hafen bereits wieder die Stühle aufeinander: Feierabend.

Nur 340 feste Bewohner

Die meisten Menschen auf Porquerolles leben von den Tagesbesuchern, die zu Hunderten vom Festland herüberströmen. Nur bei Gérard Genta und ein paar anderen stehen die Möbel länger im Freien, denn dort hocken abends die Einheimischen, wenn Ruhe eingekehrt ist – und dort essen die vergleichsweise wenigen Übernachtungsgäste. Die beiden Leuchtturmwärter Eric und Emanuel sind dann dabei, Winzer Laurent, Eisverkäuferin Gisèle. Nur 340 Menschen leben ganzjährig auf Porquerolles – gut 1500 sind es im Sommer, wenn die Saisonkräfte in Cafés und Eisdielen, Hotels und Souvenirgeschäften, bei den Boots- und Fahrradverleihern hinzukommen.

Von St. Tropez ist Porquerolles gut zwei, drei Jachtstunden entfernt. Das Linienschiff von La Tour Fondue bei Hyères braucht nur etwa eine halbe Stunde über die gerade mal dreieinhalb Kilometer breite Meerenge. Die drei größeren der insgesamt zehn Îles d’Hyères, allen voran Porquerolles, sind beliebtes Ferienziel vor allem französischer Urlauber, die nur eines wollen: absolut relaxtes Insel-leben ohne allzu viel Stargetue und Paparazzirummel. Unter Ausländern sind die Eilande, die auch als Îles d’Or („Goldene Inseln“) firmieren, kaum bekannt: ein südfranzösischer Geheimtipp.

Autos haben nur die wenigen Einheimischen. Weniger als 100 sind zugelassen, und die meisten davon sind kleine Transporter: um die Kisten mit Orangina und Cola, mit Bier, Apfel-Cidre und Champagner von der Hafenmole zu den Hotels und Restaurants zu transportieren, die neue Matratze fürs Hotel, den Karton Tischdecken fürs Monsieur Troia, die Kiste mit den Fischbestecken für Gérard Genta – und um umgekehrt die Eichenfässer vom Inselweingut Domaine de la Courtade zum Hafen zu schaffen.

Ein klapperiger Minibus chauffiert alle ein, zwei Stunden die Gäste des auf einer abgelegenen Landzunge versteckten Luxushotels Le Mas du Langoustier zwischen Hafen und Edelherberge hin und her. Warum er keinen neuen kauft? Einen schicken, mit Ledersitzen und Klimaanlage? Direktor Salvatore Troia lächelt: „Weil dieser zum Lebensgefühl gehört und keiner einen neuen will.“ Und vielleicht, weil die verwöhntesten seiner Gäste ihn nicht brauchen: Sie kommen mit dem eigenen Hubschrauber wie Jean-Paul Belmondo, per Wassertaxi wie Fußballstar Zinedine Zidane, mit einer Jacht wie Nicolas Sarkozy.

1971 hat der französische Staat die Insel von der Grundbesitzerfamilie Fournier gekauft – um sie zu schützen. Porquerolles ist so etwas wie ein typisch südfranzösisches Dorf auf einem Stück Land, das vor der Küste Anker geworfen hat, von Pinienhainen und Olivenbäumen, von Weinreben und Sanddorn überzogen, von strahlend hellen Sandstränden und schroffen Klippen umgeben ist – ohne Hochhaus, ohne Bettenburg. Nicht eine Ampel gibt es, keine Fahrbahnmarkierungen.

Beste Böden für Weinbau

Stephanie Le Ber Fournier findet das mit dem Verkauf gar nicht schlimm: Schließlich lebt ihre Familie noch immer auf der Insel und hat ein bisschen Land behalten – die Parzellen mit den besten Böden für Weinbau, die zwei schicksten Hotels. Und das Restaurant „Plage d’Argent“ am gleichnamigen Puderzuckerstrand der Südküste, das sie führt. Es hat einen besonders großen Fahrradparkplatz unter Pinien: damit die Gäste ihre Leihdrathesel im Schatten fest machen können, ehe sie es sich auf ein Gläschen Weißwein und eine hausgemachte Bouillabaise oder einen Teller gegrillte Rotbarben gemütlich machen – gefangen von Gérard Genta. Den Meerblick von der großen Terrasse aus gibt es gratis dazu.

Ein Maiabend kurz nach 19 Uhr im Schatten der Platanen auf dem sandigen Place d’Armes im Zentrum von Porquerolles-Village: Ein paar Kinder spielen Fußball, ein Golden Retriever, noch nass vom Bad im Mittelmeer, will unbedingt mitmachen. Ein paar Ältere trollern derweil Boulekugeln vor Gentas Restaurant. Der Alltag hat die Insel wieder, der Tagesansturm ist vorüber. Irgendwer singt hinter einem zur Hälfte geöffneten Fensterladen im ersten Stock des Eckhauses französische Chansons. Bald betritt Bono ganz unauffällig die Bühne, auf der ihn diesen Abend niemand ansprechen wird – und falls doch, dann nur, um zu fragen, ob die Dorade perfekt gegrillt war.

Helge Sobik

13.06.2009
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