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11:17 17.06.2010
Sonnenuntergang in Nordnorwegen
Sonnenuntergang in Nordnorwegen
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Langsam hat sich die Sonne vom Himmel Richtung Meeresspiegel sacken lassen. Wir beobachten die Szenerie von der Mole des kleinen Hafens von Storslett aus, einem 1500-Seelen-Ort in der Provinz Troms in Nordnorwegen. In Deutschland würde das Zentralgestirn jetzt irgendwann blutrot anlaufen und dann im Wasser versinken. Hier nicht. Zwei Handbreit über dem Horizont bleibt die Sonne stehen, will einfach bis Mitternacht nicht weiter hinunter, sondern im Gegenteil bald wieder steigen.

Das Wasser des Reisafjordes vor Storslett zeigt ein edles blaugrau, die Ausläufer der Berge ein geheimnisvolles dunkelgrün. Fahle Orangetöne sind am Himmel zu sehen, manchmal schimmert rot dazwischen. Jemand anderes würde vielleicht ganz andere Farben nennen, und in der nächsten Nacht, das ist sicher, wird die Natur neue Töne von ihrer Palette wählen. Der Mittsommer nördlich des Polarkreises, die faszinierende Zeit also, in der die Sonne nicht untergeht, ist mit Worten kaum zu beschreiben, obwohl viele Dichter das versucht haben. „Da ist dieses Licht …“, heißt es deshalb ebenso lapidar wie vielsagend im Prospekt der örtlichen Tourismusagentur.

„Paris des Nordens“

Nordnorwegen kennen viele, und zwar vom Durchhasten. Das Ziel der meisten liegt noch 600 Kilometer weiter oben auf der Landkarte, heißt Nordkap, besteht aus einem Felsplateau und bietet an mehr als 300 Tagen die Aussicht auf nichts außer Nacht oder Nebel oder beidem. Die Reise dorthin ist lang, könnte man Norwegen einmal umklappen, läge das Nordkap auf Rom. Es wird aber als nördlichster Punkt Europas vermarktet. Die Faszination, einmal hier zu stehen, treibt seit Jahrzehnten viele mit Auto oder Wohnmobil hier hinauf.

„Ich würde früher anhalten. Es gibt viel schönere Stellen, um den Mittsommer, das Polarlicht oder den Blick aufs Nordmeer zu genießen“, sagt Tina Fraune. Die Hamburgerin wird es wissen, sie hat in Tromsoe ein Jahr lang Skandinavistik studiert. Die Provinzhauptstadt mit ihren gut 60 000 Einwohnern kann gleich mehrere Superlative vereinen: nördlichste Universität Europas, nördlichste Bierbrauerei und höchste Dichte an Kneipen, Bars, Restaurants in Norwegen überhaupt. Deshalb nennt sie sich vollmundig „Paris des Nordens“.

Jede freie Minute draußen

Wir nutzen Tromsoe als Basis für Reisen in die Umgebung. Eine hat uns nach Storslett und dann weiter in den Nationalpark am Fluss Reisa geführt. Wir tun es den Norwegern nach. Der Sommer ist hier kurz, nimmt Mitte Mai Anlauf, wird im Juli intensiv und neigt sich im August schon wieder in den kaum vorhandenen Herbst. „Die Norweger sind Naturmenschen und in jeder freien Minute draußen“, erklärt Kjetil Svensson, einer von zwei Nationalparkrangern. Wir fahren zunächst mit flachgängigen Flussbooten die Reisa hinauf. Die Außenborder bringen sie auf Touren. Schon unterwegs sehen wir, was Kjetil meinte: Immer wieder stehen Zelte am Ufer, stehen Menschen im Wathose im Fluss und werfen die Angel nach Lachsen aus.

Als uns die Boote abgesetzt haben, wandern wir durch das Flusstal mit seinen schroffen Hängen und ungezählten Wasserfällen zu unserem Ziel, der Nedrefosshütte. Hier belohnen wir uns zunächst mit einem Saunagang und dann mit einem Bad im eiskalten Fluss. Als wir uns hinterher mit dem Handtuch abrubbeln, prickelt die Haut. Später beginnen wir mit unserer Nachtbeschäftigung, dem Lachsangeln. Springen sehen wir die Fische immer wieder, aber keiner beißt an. Vielleicht wollen sie uns verhöhnen.

„Lachsangeln ist in erster Linie Glückssache“, tröstet uns Svensson. Außerdem ist es zu einem exklusiven Hobby geworden. Weil früher vor allem Deutsche und Niederländer mit Kühlwagen in eines der besten Reviere Europas gefahren sind und Angeln mit Abfischen verwechselt haben, mussten die Norweger die Ausfuhrmengen begrenzen. Außerdem kosten die Lizenzen mittlerweile happiges Geld. Statt frischen Fisch gibt es für uns in der Nedrefosshütte später Wurstbrote und norwegischen Käse. Den schneiden wir mit einem Käsehobel – neben der Büroklammer eine weitere herausragende Errungenschaft, die die Norweger für die Menschheit erfunden haben.

Unzählige Wasserfälle

Am nächten Tag wandern wir zum Imofossen-Wasserfall. Überhaupt Wasserfälle: Überall gurgelt, murmelt und plätschert es die Hänge runter zur Reisa. Riesige Wasserfälle wie der Mollisfossen mit mehr als 200 Metern Fallhöhe sind dabei, aber auch kleinere. Auf dem Weg dorthin, über Felsen, durch Kiefern- und Birkenwälder, sehen wir Moose, Flechten, Bäume, Farne und Kräuter und mit ihnen alle Schattierungen, die die Farbe Grün hervorbringen kann.

Im August wird es bunt werden an der Reisa, dann beginnt eine Art Indian Summer. Immer wieder sehen wir Hinterlassenschaften der Elche, die hier ebenso leben wie Bären, Vielfraße oder Rentiere. Wir hätten viele Fragen, müssen uns aber gedulden. Die Norweger schweigen, während sie wandern. Geredet wird in der Pause am Imofossen. Dort rauschen gleich zwei Wasserfälle in einen Pool. Die Felsen darüber hat die Natur zu grandiosen Aussichtsplattformen geschliffen.

Die Sommertage in Troms lassen uns das Schlafen fast vergessen. „Sie machen glücklich und impulsiv“, sagt Kjetil Svensson. Wir genießen noch viele schöne Stunden – bei Wanderungen in den Lyngs-alpen beispielsweise, die bis 1800 Meter aufragen und vielen als das schönste Gebirge Norwegens gelten. Bei Bootsfahrten in der durch Inseln und Fjorde zerfledderten Gegend um Tromsoe. Und in den Bars und Kneipen der Stadt, wo viele vor allem am Wochenende nicht nach Hause finden und wo fast immer ein Konzert oder ein Festival ansteht. Und immer ist da dieses Licht …

Berd Haase

Anreise
Wer das Auto nutzen will, kann sich mit der Fähre von Kíel nach Oslo übersetzen lassen. Von dort führt die E6 immer Richtung Norden. Bis Tromsoe sind es 1650 Kilometer. Mit dem Flugzeug kann man von Hamburg via Oslo Tromsoe erreichen. Und schließlich halten auch die Hurtigrutenschiffe in der Stadt.

Reisezeit
Tromsoes Durchschnittstemperatur liegt im Juli und im August bei 14 Grad. Bis zum Ende dritten Juli-Woche scheint die Mitternachtssonne, allerdings ist dies der Monat der Mücken. Im August sind sie weg, und man kann einen Indian Summer genießen.

Weitere Informationen
Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Postfach 11 33 17, 20433 Hamburg,
Tel. 01805 00 15 48 (0,14 Euro/Min.)
www.visitnorway.de

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