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Reisereporter Die heimliche Liebe vom Hang
Reisereporter Die heimliche Liebe vom Hang
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00:14 17.10.2009
Quelle: Gartner
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Einsvierundachtzig groß, kahl geschorenes Haupt, dünn wie eine Rebenstange und dabei muskulös wie ein Radprofi – so sieht Marcus Gruze aus, Kärntens erster Vollerwerbswinzer. Gruze war Radprofi, sechs Jahre lang, nachdem er Koch und Kellner gelernt hatte und bevor ihn in Neuseeland die Liebe zum Weinbau überfiel.

Jetzt steht der 29-Jährige am Längsee, just an dem Ort, wo seine verstorbenen Eltern viele Jahre lang das Längseestüberl betrieben und er in diesen Tagen seine eigene, mit viel Schiefer, Stahl und Glas gestaltete Vinothek eröffnet. Er zeigt auf den Hang gegenüber, wo er mit seiner Schwester Carina vor einem Jahr auf drei Hektar Weinstöcke gepflanzt hat, Chardonnay und Blauburgunder. Eigenhändig, weil er den Pflanzen „mei’ eig’ne Energie hab’ mit reingeb’n woll’n“.

Weinkenner ahnen, dass der Mann in dem schwarzen Overall mit dem klugen Sprüchen drauf („Lass jedermann das tun, was er am besten kann!“) seinen Gästen kaum vor 2013 die ersten Flaschen anbieten kann. Reben brauchen nämlich viel Zeit. Gruze nimmt sich die. Ungeduldige können ihn anmailen. Die Adresse hat er auch gleich auf den Overall drucken lassen – Weiß auf Schwarz: www.weinvomlaengsee.co.at.

Suche nach alten Lagen

Erwin Gartner betreibt seinen Weingarten unweit vom Längsee, im Lavanttal, (noch) hobbymäßig. Er, beziehungsweise Vater Georg, hat schon vor 30 Jahren mit dem Weinbau am Südhang unterhalb vom Schloss Thürn begonnen. Und das ist genau da, wo schon im Mittelalter Reben standen. „Wir suchen die alten Lagen“, erläutert Gartner, der selbstbewusst darauf verweisen kann, dass der Weinbau im Lavanttal erstmals 888 beurkundet ist.

Erst im 19. Jahrhundert verschwinden die Reben allmählich aus Österreichs südlichstem Bundesland. Und erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts machen es einige Lavanttaler Erwin Gartners Vater Georg nach und pflanzen wieder Reben, Weiß- und Grauburgunder, Traminer, Sauvignon blanc sowie Zweigelt und Blauen Burgunder. Für die Sorten scheint sich der Boden besonders gut zu eignen.

Heute bauen mehr als 120 Winzer auf rund 30 Hektar vor allem weiße, aber auch vereinzelt rote Rebsorten an. Das Ergebnis sind gut 30.000 Flaschen Wein im Jahr, doch es sollen deutlich mehr werden. Schon haben sich etwa 35 Winzer zum Arbeitskreis „Wein aus Kärnten“ zusammengeschlossen, der eigene Kriterien entwickelt und dem Landesweinbauverband angehört. Mit traditionellen Weinbaugebieten wie der Steiermark oder dem Burgenland wollen die fünf Kärntner Weinbauregionen, allen voran das Lavanttal, nicht konkurrieren: „Wir bauen den für uns und unsere Gäste an“, behaupten die Winzer glaubwürdig.

Serviert wird ihr Wein also schon überall da, wo die Wirte ihre Region als „Genuss-Reich“ propagieren, wie im Kulturwirtshaus Bachler in Althofen, das mit 14 Punkten im Gault-Millau brilliert. Ehrensache ist der Kärntner Wein aber auch in den einfacheren Gastbetrieben wie der Jausenstation Heritzer in St. Michael. Hier wird der prickelnde Traminer zur würzigen Zwiebel-Most-Suppe serviert.

Das schmeckt – nach der Wanderung durch den Herbstwald gegenüber Burg Hochosterwitz, dieser eigenwilligen Anlage auf einem 150 Meter hohen Felsen oder nach einem ausgedehnten Kulturbummel durch die Landeshauptstadt Klagenfurt. Der fast 100.000 Einwohner zählende Ort besitzt zwar tatsächlich keine Stadtbibliothek, wie der Kärntner Schriftsteller Josef Winkler bei der Ingeborg-Bachmann-Preisvergabe im Juni dieses Jahres zeterte.

Dafür gibt es das Robert-Musil-Literatur-Museum in der Bahnhofstraße 50. In diesem Haus lebte Musil die ersten elf Monate seines Lebens. Zu sehen ist hier aber auch die rekonstruierte Mansardenwohnung der Dichterin Christine Lavant, die ihre dörfliche Herkunft zum Nachnamen machte. 1973 ist sie gestorben, mit 57 Jahren, im selben Jahr wie die andere große Dichterin aus Kärnten, Ingeborg Bachmann. Auf deren Spuren lässt sich mithilfe einer Broschüre aus dem Klagenfurter Fremdenverkehrsamt wunderbar wandern.

Noch kann dem Touristen das Weinland Kärnten als „heimliche Liebe“ verkauft werden. Aber vermutlich nicht mehr allzu lange, dann die Liebe zeigt sich an den sonnenbeschienenen Südhängen immer öfter. Den jährlich zwölf Millionen Gästen ist’s recht. Oder wie der Kärntner gemütlich grummelt: „S passd scho!“

Von Alexandra Glanz

Anreise
Klagenfurt wird von TUIfly zum Beispiel ab Hannover direkt bedient. Dienstags und sonnabends fliegt Air Berlin, Germanwings ab 25. Oktober von Köln/Bonn.
Mit dem Auto fährt man über die Tauernautobahn München–Villach–Klagenfurt. Österreichische Autobahnen sind mautpflichtig!

Weitere Informationen
Kärnten Information, Casinoplatz 1
A-9220 Velden, Tel. (0043/463)3000
www.kaernten.at

Klagenfurt Tourismus
Rathaus, Neuer Platz 1
A-9010 Klagenfurt am Wörthersee
Tel. (0043/463) 5372223
www.klagenfurt-tourismus.at

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