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Reisereporter Der bekannteste Geheimtipp
Reisereporter Der bekannteste Geheimtipp
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00:49 25.04.2009
Typisch Hiddensee: Der Leuchtturm Dornbusch bestimmt das Bild der Insel. Quelle: Waterkant /Auf-nach-MV.de
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Die Hiddenseer messen die Sonnenscheindauer über ihrer Insel sehr genau. Das geschieht nicht, weil sie dort ein kostbares Gut wäre, die liebe Sonne. Ganz im Gegenteil: Exakt 2168 Stunden hat sie im vergangenen Jahr gestrahlt, das sind umgerechnet immerhin 90 komplette Tage. Sonniger ist es an keinem anderen Ort in Deutschland.

Stefan Kreibohm kann genau erklären, warum das schmale Inselchen in der Ostsee, das manche spöttisch als Rügens Wellenbrecher bezeichnen, zwangsläufig so viel Sonne abbekommt. Er ist der Statthalter von Wetterwessi Jörg Kachelmann auf Hiddensee. Fernsehzuschauer zumindest beim Regionalsender NDR kennen ihn, weil er regelmäßig vor dem Leuchtturm mit seinem Puschelmikrofon steht und den Leuten in den anderen Landesteilen erklärt, warum sie die Hiddenseer – es sind ingesamt nicht mehr als 1000 – beneiden müssen.

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Zusammengefasst und laienhaft lässt sich sagen, dass die Insel zu klein ist, um Thermik zu entwickeln. Somit können sich keine Quellwolken bilden, und die vom Land schaffen es auch nicht über die kalte Ostsee. Irgendwie haben auch noch die norwegischen Küstengebirge mit der Sache zu tun, aber das würde jetzt zu weit führen. Es kommt sowieso meistens dasselbe dabei hinaus: Über Hiddensee ist der Himmel blitzeblau.

Andernorts würden die Tourismusmanager mit dem Sonnenrekord gewaltig Werbewind entfachen. Die auf der Insel erwähnen ihn eher nebenbei, man ist hier gern zurückhaltend. Müsste man ein Prädikat für Hiddensee erfinden, könnte man es den bekanntesten Geheimtipp unter Deutschlands Inseln nennen.

Inspiration in der Sommerfrische

Dass es inspiriert, entdeckten von Mitte des 19. Jahrhunderts an, als Urlaub noch Sommerfrische hieß, zuerst diejenigen, die Inspiration benötigten. Malerinnen wie Henni Lehmann oder Elisabeth Büchsel gründeten die Kolonie „Blaue Scheune“ in Vitte, einem der vier Inseldörfer. Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann kam 1885 zum ersten Mal dorthin und dann immer wieder. Später baute er sich weiter nördlich in Kloster ein Sommerhaus, das heute ein Museum ist.

Es nimmt sich schon fast bescheiden aus gegen die Lietzenburg, die der ehemalige Holzhändler, spätere Maler und Bonvivant Oskar Kruse – seine Schwägerin war die Puppenfabrikantin Käthe Kruse – im Wald hinter Kloster baute. Die verschnörkelte, fast schon burgähnliche Villa wurde zum Inseltreffpunkt der Kultur- und Geistesgesellschaft. Heute ist sie zum Bedauern der Inselverwaltung ungenutzt. Dafür kann man aber im Speisesaal des Hotels Hitthim, einem ebenfalls opulenten Fachwerkbau am Hafen in Kloster, signierte Bilder derjenigen sehen, die im Lauf der Jahre nach Hiddensee kamen und dort für einen Sommer heile Welt suchten: Gustav Gründgens und Carl Zuckmayer, Gottfried Benn und Franz Kafka, Albert Einstein und Siegmund Freud, Asta Nielsen und Brigitte Horney, Bert Brecht und Heinrich George.

Heute zählt Hiddensee etwa 300.000 Tagestouristen im Jahr. Sie kommen vor allem in den Sommermonaten mit den Fähren von Schaprode auf Rügen aus über das flache Boddengewässer angeschippert. Von den Schiffsanlegern in Neuendorf, Vitte und Kloster sind es nicht mehr als 500 Meter zum Strand. Wer mehr will als nur ein Bad in der Ostsee, kann beispielsweise mit einem der 24 von geduldigen Mecklenburger Kaltblutpferden gezogenen Kremserkutschen oder mit einem Leihfahrrad die Insel erkunden. Sie ist nur 16,8 Kilometer lang, ihre Breite schwankt zwischen 300 und 3000 Metern. Weil die Südspitze, der Gellen, auch noch Vogelschutzgebiet ist, kann man Hiddensee getrost an einem Tag abklappern – allerdings nicht mit dem Auto, denn die haben hier nichts zu suchen.

Das Inspirierende und die Kontemplation, die einst die Geistesgrößen anlockte, die wird man aber als Tagestourist nicht finden. Da braucht es ein paar mehr Tage auf der Insel, auch wenn es zwischen Mitte Juni und Mitte September manchmal schwer sein kann, eines der 3400 Gästebetten zu ergattern. Kutschen- und Fahrradtouren gehören immer dazu, Strandstunden auch, bei denen man faul oder mit einem guten Buch in der Sonne liegt und wegen des manchmal frischen Windes und der folgenden Gänsehaut gar nicht so gern aus der Deckung kommen mag.

Sanddorn und Seebühne

Wer aber Hiddensee erkunden will, der muss auch wandern. Das geht nicht nur am Spülsaum der Ostsee. Hinter Kloster beispielsweise beginnt das Hiddenseer Hochland, der bis zu 70 Meter hohe Dornbusch. Wer durch Waldgürtel und Wiesen, zwischen Heckenrosen, Ginster und Sanddorn hier hochgelaufen ist, dem legt sich die gesamte Insel vor die Füße. Elisabeth Büchsel musste den legendären Inselblick für ihre Kundschaft so oft malen, dass sie ihn am Ende, wie sie sagte, nicht mehr sehen konnte.

Wer Hiddensee erkunden will, muss sich dann in den Galerien und den kleinen Inselgeschäften umtun, muss das Gerhart-Hauptmann-Haus besichtigen und einen Abend in der Seebühne in Vitte verbringen. Das maritime Kammertheater, wie es sich selbst nennt, ist in einem ehemaligen Fischerschuppen beheimatet, bietet ganze 50 Plätze und hat Hiddensee dank schräger Inszenierungen seines Gründers, Leiters, Autors und Regisseurs Karl Huck einen Platz in der Theaterwelt verschafft. Man sieht hier Versionen von Stücken wie „Moby Dick“, „Sindbad“ oder „Titanic“, die nicht nur in den Hiddenseer Inselnachrichten, sondern auch in Berliner Tageszeitungen oder der „Züricher Abendzeitung“ rezensiert werden.

Wer Hiddensee erkunden will, muss sich schließlich auf einem der kleinen Kutter in den Häfen zum Fischessen einfinden, einen Abend in einer Pinte verbringen und ihn mit einem Sanddornschnaps beschließen. Lässt man dann möglichst vom Mondschein landseitig am Deich entlang nach Hause heimleuchten, wird man überrascht sein von der Stille. Hier unterbricht sie nichts außer ab und an das verschämte Blöken eines Schafes oder vereinzelte Vogelstimmen. Vielleicht war es während so einer Nachttour, als Gerhart Hauptmann sein Stoßseufzer entfuhr: „Nur stille, stille, dass dies liebliche Eiland nicht ein Weltbad werde.“

Die Gefahr besteht wohl nicht.

Von Bernd Haase

Anreise
Mit dem Auto: Von Hannover aus über Hamburg und Lübeck auf die Ostseeautobahn bis Stralsund. Dort über den Rügendamm fahren, der Bundesstraße 96 bis Samtens und weiter der Ausschilderung zum Fährhafen Schaprode folgen. Dort muss man das Auto auf einem der bewachten Parkplätze abstellen. Fähren und die etwas teureren Wassertaxis fahren dann nach Hiddensee.

Mit der Bahn: Zwischen Hannover und Stralsund gibt es eine IC-Verbindung. Wer die Bahnfahrt wählt, steigt am besten schon in Stralsund auf ein Fährschiff nach Hiddensee. Ansonsten muss man mit der Bahn weiter nach Bergen auf Rügen fahren und dort auf einen Bus bis Schaprode umsteigen.

Weitere Informationen
Hiddenseer Hafen- und Kurbetrieb, Norderende 162,
18565 Vitte/Seebad Insel Hiddensee,
Tel. (03 83 00) 6 42 26.

www.seebad-hiddensee.de (Allgemeines inklusive Fahrpläne der Fähren)
www.hiddensee.com
www.hiddenseebuehne.de
www.lietzenburg.de