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Reisereporter Der Zauber der Tempelstätte
Reisereporter Der Zauber der Tempelstätte
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00:07 15.08.2009
Quelle: Fröhlich
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Im Schatten vor den gigantischen Mauern des Angkor-Wat-Tempels sitzt Khieu Sann und spricht Touristen an. „Kommen Sie zu meinem Stand, dort gibt es Postkarten und Reisebücher“, sagt der junge Mann leise, denn eigentlich ist es verboten, so dicht an den Tempelanlagen um Kunden zu werben. Doch was bleibt ihm übrig. Maximal fünf US-Dollar am Tag bringt Sann mit nach Hause. Er sagt, dort wartet seine alte Mutter, die er versorgen muss. „Ich hoffe, ich lerne eine reiche Touristin kennen, die mich heiratet. Am besten eine Amerikanerin“, bemerkt der 24-Jährige und grinst unter dem tief sitzenden Strohhut bedeutungsvoll.

In der Touristenstadt Angkor im Norden Kambodschas laufen die Geschäfte schlecht, es ist Nebensaison, und die Wirtschaftskrise tut ihr Übriges. Dabei ist es gerade außerhalb der Hauptreisezeit im europäischen Sommer am schönsten, die Tempel zu besichtigen, wenn sich keine Menschenmassen durch die Ruinen schieben. Deren Auswahl ist gigantisch: Angkor, das mit seinen 1000 Quadratkilometern etwa so groß wie Berlin ist, hat die größte Ansammlung von sakralen Bauwerken. Die 50 Denkmäler, die einst unter dichtem Urwald verborgen waren, wurden 1992 zum Weltkulturerbe erklärt.

Es ist natürlich kaum zu schaffen, alle Kultstätten zu besichtigen. Und überhaupt, wer will schon in einem solch exotischen Land nur alte Steine sehen? Und doch nimmt einen schon nach kurzer Zeit die mystische Atmosphäre gefangen, so wie die Wurzeln der gigantischen Bäume, die wie die Tentakel einer Krake den Ta Prohm umarmen. Diese 800 Jahre alte Ruine ist eines der romantischsten Orte Angkors, auch, weil sie bewusst nicht von der wuchernden Natur befreit wurde. So bohren sich mächtige Wurzeln durch die Mauern, winden sich durch die vom Einsturz bedrohten Galerien oder bilden hölzerne Säulen. Die Symbiose aus Natur und Kultur macht den Tempel zu einem unheimlichen Labyrinth, in dem man sich gern stundenlang verirrt oder einfach nur dasitzt und staunt.

Rituale zwischen Ruinen

Einen Tag kann man auch locker damit verbringen, durch die berühmte Tempelanlage des Angkor Wat zu streifen. Es ist das größte religiöse Monument der Welt und Dauersanierungsprojekt ausländischer Experten, etwa der Fachhochschule Köln, die die Reliefs auf den verwitterten Felsen mit Sandspritzen freipustet. Und dann ist da noch die Tempelstadt Angkor Thom, in deren Mitte der Bayon mit seinen 172 zu Stein erstarrten Fratzen eine schaurig-schöne Aura verbreitet. Oder der Priestertempel Banteay Srei (Die Zitadelle der Frauen) 20 Kilometer außerhalb der Stadt, dessen filigrane Steinmetzarbeiten perfekt erhalten sind. Zumindest diese vier Tempel sollte man einmal gesehen haben.

Oder besser: erlebt haben. Selbst das Leben zwischen den historischen Ruinen wirkt entschleunigend. Buddhistische Pilger und Mönche in safrangelben Roben kommen und halten ihre religiösen Rituale ab, Makaken springen lautlos über die Mauern, in der Ferne klingt meditative Musik. Manche Besucher sitzen den ganzen Tag im Schatten und lesen oder malen. Da ist der Regen am Nachmittag eine willkommene Erfrischung.

Außerhalb der Monsunzeit zwischen Dezember und Februar ist von Ruhe kaum zu sprechen, dann fallen die Reisegruppen ein und schieben sich durch die Tempel. Angkor in der Provinz Siem Reap ist der größte Tourismusmagnet in Asien. Die meisten Besucher kommen aus den Nachbarländern Vietnam, Thailand, China, Südkorea und bleiben nur wenige Tage, an denen sie möglichst viele Sehenswürdigkeiten abhaken. Gerade im Westen halten sich hartnäckig die Vorurteile: Kambodscha – herrscht da nicht Krieg? Liegen da nicht überall Minen? Beides ist Unsinn.

Doch das Grauen ist nicht lange her, bis Mitte der neunziger Jahre gab es noch Überfälle und Morde, die von zersprengten Mitgliedern der Roten Khmer an der Bevölkerung verübt wurden. Die kommunistische Guerilla richtete in Kambodscha von 1975 bis 1979 eines der grausamsten Massaker der Geschichte an. Zwei Millionen Menschen fielen dem Holocaust zum Opfer, Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Pagoden, alles wurde zerstört. „Es sah aus wie nach der Bombardierung der Frauenkirche in Dresden“, erzählt Chan Prom, einer der 500 Reiseführer Angkors. Der Vergleich ist nicht zufällig gewählt.

Der Kambodschaner gehörte zu den Studenten, die Anfang der achtziger Jahre ein Stipendium in der DDR erhalten hatten. Mit 20 weiteren jungen Männern wurde er über Vietnam nach Ostdeutschland geflogen – und erlebte dort einen Kulturschock. Es war das erste Mal, dass er ein Flugzeug, elektrische Lampen, Heizungen und Besteck sah. Gern erzählt Prom die Geschichte von dem Stück eingepackten Butterwürfel, das er im Flugzeug bekommen hatte: „Ich dachte, das wäre ein Bonbon, also habe ich es mir in den Mund gesteckt und gelutscht. Igitt.“

Jedes Jahr drei neue Hotels

Mittlerweile gibt es die Butterstücke überall in Kambodschas Boomtown Angkor. Seit Anfang 2000 hat sich die Stadt für ausländische Gäste gerüstet. Innerhalb von fünf Jahren wurden ein neuer Flughafen gebaut, Shoppingmalls mit prunkvollen Portalen errichtet und Parks angelegt. 100 große Hotels gibt es schon, und jedes Jahr kommen drei neue hinzu. Hinter ihnen stehen ausländische Investoren, die von der Tempelstadt profitieren wollen. Jeder der zwei Millionen Besucher im Jahr, die Angkor besuchen, gibt durchschnittlich 500 US-Dollar aus – aber nur 60 Dollar bleiben davon im Land.

Rund um Kambodschas Tempelstadt herrscht noch verklärte Beschauligkeit. Ein Ausflug durch die Provinz führt durch üppige Natur und authentische Dörfer. Am Straßenrand die typischen Pfahlhäuser, Reisfelder, die mit Wasserbüffeln und Holzpflügen bestellt werden, Gärten mit exotischem Obst und Gemüse, endlose Lotusblumenfelder. Der Mekong und seine Ausläufer machen das Land fruchtbar. „Wir werden zwar nicht reich, aber verhungern werden wir auch nicht“, pflegen die Kambodschaner zu sagen. Auf jeden Fall empfiehlt es sich, das Nationalgericht „Amok“, die kambodschanische Antwort auf Thai-Curry, in einer ausgehöhlten Kokosnuss zu probieren.

Am Abend zieht es die Touristen in Angkor zum „Nachtmarkt“, einem Irrgarten aus Ständen, an denen Seidenschals, Körperöle, Gewürze und andere Souvenirs wortreich angepriesen werden. Hartgesottene tauchen ihre Füße mit fremden Paaren in ein trübes Wasserbecken und lassen sich die Hornhaut von den „Massagefischen“ abknabbern. In der angrenzenden „Pubstreet“ mit ihren Bars und Nachtklubs ist von der meditativen Aura der Tempelstadt gar nichts mehr zu spüren. In einigen Jahren, so heißt es, könnte sich der Bezirk in ein Klein-Bangkok verwandelt haben. Das wäre allerdings schade.

Von Sonja Fröhlich

Anreise

Vietnam Airlines fliegt von Frankfurt nach Hanoi ab 699 Euro (Hin- und Rückflug). Für den Weiterflug nach Siem Reap in Kamboscha wird ein ermäßigtes Ticket ab 67 Euro angeboten. Es besteht Visumpflicht. Visa für 30 Tage werden bei der Einreise am Flughafen ausgestellt. Erforderlich: ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass.

Klima

Die Höchsttemperaturen in Kambodscha liegen ganzjährig bei 30 bis 35 Grad. Die Trockenzeit dauert von November bis April. In der Monsunzeit von Mai bis Oktober kann es viel regnen.

Reiseangebote

Der Reiseveranstalter Ikarus Tours bietet kombinierte Rundreisen nach Vietnam, Laos und Kambodscha an. Die zehntägige Tour „Höhepunkte Kambodschas“ führt speziell zu den Tempelanlagen Angkors und in die Hauptstadt Phnom Penh (pauschal ab 2160 Euro). Auch Studiosus hat Kambodscha im Programm.

Literatur

„Kambodscha“ von Andreas Neuhauser aus der Reihe Reise Know-How, 528 Seiten, 19,90 Euro.