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Reisereporter Burgund – zwischen Kathedralen und Küche
Reisereporter Burgund – zwischen Kathedralen und Küche
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13:02 23.08.2012
Der Bischoffsitz in Sens gleich neben der Kathedrale Quelle: gn
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Angeregt von einem Kochbuch voller Rezepte mit Bresse-Hühnern, Froschschenkeln und verschiedenen Unterarten des Boeuf Bouguignon – natürlich mit Fleisch von Charolais-Rindern – wollte ich unbedingt nach Burgund fahren. Bisher kannte ich die Mittelmeerküste, die Normandie und natürlich Paris. Vom Westen Frankreichs war mir von einer Interrail-Tour mit 19 Jahren nur der Wartesaal 1. Klasse in Saintes in Erinnerung. Bei der Reiseplanung stieß ich auf relativ schlechte geografische Kenntnisse, hatte ich doch übersehen, dass eines der vier Departements, die zur Region gehören, bereits 100 km südwestlich von Paris beginnt. Nach der ersten Etappe mit dem Flugzeug, das erst spät in Paris landete, nahm ich mir einen Leihwagen und suchte das von Deutschland aus gebuchte Chambre d‘Hôtes in Sens. Ich musste nur dem Flüsschen Yonne folgen und schon stand ich vor einem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Stofftapeten brachten die Antiquitäten richtig zur Geltung, Blumen in jeder Vase sorgten für die persönliche Note.

Am nächsten Morgen – das Wetter war leider gar nicht sommerlich – besuchte ich die Kathedrale Saint-Etienne. Für diese Kirche im so genannten Flamboyant-Stil, das heißt mit riesigen Fenstern, gingen die Baumeister der Spätgotik bis an die Grenzen der Statik. Neben weiteren Sehenswürdigkeiten, auf die in den kunsthistorisch orientierten Reiseführern hingewiesen wird, versteckt sich zwischen in 24 Metern Höhe eines Bündelpfeilers ein kleiner Steinkopf. Die Legende sagt, dass es sich um den Anwalt Pierre de Cognières aus dem 14. Jahrhundert handelt, der seit seinen Streitereien mit dem Klerus als Spottfigur dem Hohn der Bürger ausgesetzt ist. Zwischen zwei Regenschauern konnte ich von der Kathedrale direkt in den Bischofspalast wechseln, wo eine Ausstellung moderner Kunst einen interessanten Kontrast zur Architektur bildete.

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Inzwischen hatte ich Hunger und gönnte mir ein Menü mit allem, was die regionale Küche und hergab, ergänzte dies mit einem Chablis aus dem benachbarten Auxerrois. Ich blieb, bis der nächste Regen aufhörte und ging mit Kultur und gutem Essen gefüttert zurück in mein liebevoll ausgestattetes Herrenhaus.

Nach diesem Zwischenstopp fuhr ich vom einen Ende Burgunds bis ans andere Ende – nach Mâcon bzw. auf ein kleines Weingut in der Nähe. Auf dem Weg warf ich noch einen Blick auf und in die Kathedrale von Auxerre, streifte Avallon und würdigte die Arbeit der Dachdecker in Beaune. Meine Gastgeber empfingen mich – wie sollte es anders sein – mit einem Glas Wein von ihren eigenen Feldern. Es war ein Saint-Véran, der in Deutschland allenfalls unter seiner früheren Bezeichnung Beaujolais Blanc Erwähnung gefunden hat und immer noch im Schatten seines großen Bruders Pouilly Fuissé steht. In den folgenden Tagen sollte ich mich bei weiterhin schlechtem Wetter durch ihren gesamten Weinkeller trinken – nicht flaschenweise – natürlich, und dabei einiges über den Weinbau zwischen Solutré-Pouilly und Saint-Amour-Bellevue sowie Pruzilly und Crèche-sur-Sâone lernen. Auch über Kirchenbauten erfuhr ich in den folgenden zehn Tagen so viel wie noch nie in meinem Leben, denn dank des anhaltenden Regens waren Aktivitäten im Freien nicht meine erste Wahl. Das klappt hoffentlich beim nächsten Mal, denn in der Region gibt es viele attraktive Badeseen. Stattdessen standen unter anderen das spätgotische ehemalige Kloster Brou in Bourg-en-Bresse mit seinen fein ziselierten Kunstwerken sowie als Kontrastprogramm dazu die romanischen Kirchen Sainte-Trinité in Anzy-le-Duc und Saint-Julien in Saint-Julien-de-Jonzy auf dem Programm. Zur Stärkung gab es Huhn aus der Bresse in Morchelsoße, gebratene Froschschenkel und Boeuf Bourguignon vom Charolais-Rind sowie den jeweils passenden Wein.

Als ich mich gerade an diesen Tagesablauf, bestehend aus Kultur und gutem Essen gewöhnt hatte, ließ sich tatsächlich der Sommer blicken und „zwang“ mich zu einem ausgedehnten Spaziergang durch die Weinfelder meiner Gastgeber. Zum Baden luden die Temperaturen immer noch nicht ein. Fazit: Es muss nicht das Mittelmeer sein, um sich zu erholen. Selbst bei schlechtem Wetter ist Burgund mit seinen zahlreichen Kirchen und den hier gar nicht erwähnten Schlössern eine Reise wert und kulinarisch lebt es sich zwischen Sens und Mâcon wie Gott in Frankreich.

gn

Nicola Zellmer 30.07.2012
Michael Pohl 23.07.2012