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Reisereporter Auf Entdeckungstour durch Greenwich
Reisereporter Auf Entdeckungstour durch Greenwich
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00:09 23.02.2013
Von Michael Pohl
Das Zentrum der Null: Das Old Royal Naval College ist Teil des Unesco Welterbes und Ort des Längengrads von Greenwich.
Das Old Royal Naval College ist Teil des Unesco Welterbes und Ort des Längengrads von Greenwich. Quelle: Visit Britain/James McCormick
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Greenwich

Es ist Sonntagmorgen, und es drängt sich eine Frage auf: Geht in Greenwich eigentlich irgendjemand in die Kirche? An diesem Tag zumindest, so scheint es, zieht es in dem beschaulichen Londoner Stadtteil wirklich jeden hinunter zur alten Markthalle. Hier unter dem Dach aus der vorvergangenen Jahrhundertwende trifft man sich: der ältere Herr, der am Vorabend noch im Pub an der Themse saß; das junge Paar, das gerade mit der Hochbahn DLR angekommen ist; und natürlich die Händler, die hier nach einem festen Plan tageweise ihre Stände aufbauen dürfen. Und noch ein paar Hundert Menschen mehr.

Auch Justina Valentonyte hat ihren Tisch aufgebaut. Die Jungunternehmerin hat sich vor einem Jahr selbstständig gemacht und ist seitdem einmal wöchentlich hier in Greenwich, um ihre Waren an den Mann zu bringen. „Valentta“ nennt sie ihre mit einem sehr professionell wirkenden Logo versehene Marke, unter der sie Kosmetikartikel ohne künstliche Zusätze vertreibt. Vom Äußeren her könnte das Ganze auch in teuren Geschäften auf der edlen Regent’s Street verkauft werden. „Die Leute kommen hierher, um gute, natürliche Produkte zu kaufen“, sagt sie. Und genau dies sei ihre Zielgruppe. Der Markt von Greenwich, einer von vielen in und um London, hat sich längst den Ruf des Besonderen erarbeitet. Wer hier etwas anbietet, muss etwas qualitativ Hochwertiges dabeihaben.

Deswegen ist auch Hartwig Braun hier: Der gebürtige Karlsruher ist durch seine 3-D-Panorama-Ansichten von Städten bekannt geworden und 2008 nach London gezogen. Was damals mit einem kleinen Marktstand begann, ist inzwischen zu einer festen Galerie direkt im Markt von Greenwich angewachsen: Die comicähnlichen Bilder des studierten Architekten finden hier in allerlei Form großen Absatz. Der Standort Greenwich sei für ihn ideal, sagt Braun. „Man merkt, dass Greenwich Teil einer Weltstadt ist, denn man wird auch als Fremder schnell akzeptiert“, verdeutlicht er. „Gleichzeitig bietet sich hier aber auch die Intimität einer Kleinstadt.“

Greenwich ist nur einer von ein paar Dutzend Stadtteilen der Acht-Millionen-Stadt London. Doch er ist längst ein besonderer, wohl weil er sich eine Menge Historie bewahrt hat. Und auch, weil er etwas abseits der Touristenströme liegt: Das hektische Leben spielt sich eher auf der Nordseite der Themse ab, wo die Touristenhöhepunkte vereint sind, wo in Canary Wharf ein gewichtiger Teil des weltweiten Finanzhandels abgewickelt wird, wo die großen Einkaufsstraßen Besucher aus aller Welt anziehen. In Greenwich dagegen? Beschaulichkeit, fast wie in einem Miss-Marple-Film.

Dabei handelt es sich bei Greenwich (übrigens „grenitsch“ ausgesprochen, nicht wie oft vermutet „grienwitsch“) um einen Ort, der längst für die gesamte Welt von Bedeutung ist: Der Nullmeridian - jener Längengrad, nach dem alle weiteren ausgerichtet sind - führt durch den Stadtteil, einmal quer durch die alte Sternwarte im Greenwich Park. Und dies gab der modernen Zeitrechnung ihren Namen: Greenwich Mean Time (GMT), jene Zeit, an der sich alle anderen Zeitzonen orientieren. Hintergrund ist, dass die Sonne hier über der Sternwarte um 12 Uhr mittags ihren höchsten Punkt erreicht. Und natürlich, dass Großbritannien in der Zeit der Festlegung eines Nullmeridians als eine der führenden Nationen der Welt galt. 1884 wurde die GMT auf einer Konferenz in Washington als Weltzeit festgelegt. Seit 1972 ist streng genommen die koordinierte Weltzeit (UTC) der Richtwert - doch vor allem in Ländern mit britischer Vergangenheit spricht man bis heute von „Greenwich Time“.

Das königliche Observatorium selbst ist längst nicht mehr in Betrieb, doch es ist nach wie vor vorhanden und kann besichtigt werden. Unter anderem John Harrisons erste schiffstaugliche Uhren sind hier ausgestellt, vor der Sternwarte zeigt eine 24-Stunden-Uhr noch immer die exakte Zeit an. Vom Hügel vor dem Gebäude hat man eine perfekte Sicht auf Greenwich und die Themse.

Wer hier oben in die Ferne blickt, findet selbst in einer lebendigen Millionenstadt wie London zur Ruhe. Was trotz aller Historie für viele so etwas wie der entscheidende Grund ist, hierher zu kommen: Greenwich ist bis heute an vielen Stellen so etwas wie eine Kleinstadt geblieben, geprägt von Gebäuden überwiegend im Stil der Georgianischen und Viktorianischen Zeit. Fast könnte man meinen, die Zeit beginne nicht hier - sondern sie sei hier stehen geblieben.

„Wir sind hier nah an London, aber doch weit draußen“, sagt auch Paul Cunningham, der im Zentrum von Greenwich einen Coffeeshop der besonderen Art betreibt: Besucher können hier nicht nur sitzen und Kuchen essen - sie können auch aktiv werden: Im Biscuit Ceramic Café gibt es weiße Keramikartikel wie Becher, Figuren oder Teller, die nach Herzenslust bemalt werden können. Cunnigham glasiert und brennt sie anschließend im caféeigenen Ofen.

Nicht weit von seinem Café, direkt am Ufer der Themse, hat inzwischen so etwas wie das Juwel von Greenwich seinen Platz gefunden: die „Cutty Sark“, der letzte verbliebene Teeklipper aus der Zeit des großen Handels mit China. In Schottland gebaut, stach das Schiff 1869 erstmals in See und verkehrte seitdem in aller Welt. 1954 legte es in Greenwich an und wurde zum Museumsschiff. Nachdem die „Cutty Sark“ 2007 bei Restaurierungsarbeiten durch ein Feuer stark beschädigt worden war, wurde sie 2012 mit einem neuen Konzept wiedereröffnet: Besucher können nun nicht nur an und unter Deck herumwandern - sie können die „Cutty Sark“ auch von unten betrachten: Das Schiff wurde in einem alten Trockendock aufgebockt.

Die maritime Vergangenheit zieht sich wie ein roter Faden durch Greenwich. Was weniger daran liegt, dass der Londoner Stadtteil jemals so etwas wie ein Hafen zur Welt gewesen wäre. Er war vielmehr Wohnort für die wohlhabenderen Hafenangestellten. Seit 1705 lebten hier alte und verwundete Seeleute in einem prachtvollen Hospital: Die Anlage mit ihren zwei symmetrisch angeordneten Häuserzeilen zählt längst zu den bedeutendsten Barockbauten der Britischen Inseln. Heute ist der Komplex als Old Royal Naval College bekannt, obwohl er längst Heimat der Universität von Greenwich geworden ist. Zusammen mit dem gesamten Parkensemble gehört das College inzwischen zum Weltkulturerbe der Unesco.

Im Zentrum des symmetrisch angelegten Gebäudeensembles ist bis heute eine frühere königliche Residenz erhalten geblieben: Queen’s House, um 1638 fertiggestellt, gilt als erstes Gebäude auf den Britischen Inseln im Stil des Palladianismus. Damit inspirierte es ganze Generationen von Architekten zum späteren georgianischen Baustil, der auf der Insel weitverbreitet war. Im Inneren bietet es ein Novum aus vergangenen Tagen: die erste frei tragende Wendeltreppe der Britischen Inseln. Queen’s House war auch für die Geschichte des Königshauses Hannover ein nicht unwichtiger Ort: Es war 1714 für König Georg I. die erste Anlaufstation auf dem Weg zur Krönung in London - der Beginn der Personalunion zwischen den Königshäusern von Hannover und Großbritannien.

Sehenswert ist immer noch jede Ecke der Anlage um College und Queen’s House - vor allem jedoch der auch innen unveränderte frühere Speisesaal des früheren Hospitals. Diese „Painted Hall“ verfügt über eine Reihe von Europas größten Wand- und Deckengemälden, die die einstige Vormachtstellung der britischen Marine darstellen. Zu sehen waren sie unter anderem im Film „Fluch der Karibik“, der zum Teil hier in Greenwich entstand. Auch die gegenüberliegende Kapelle von St. Peter und St. Paul gilt als Meisterwerk der neoklassischen Architektur.

Vor allem abends zieht es Studenten wie Besucher jedoch eher ein Stück weiter in die Old Brewery, die alte Brauerei, in der schon früher die alten Seeleute des Hospitals tranken. Hier am Rande des Uni-Geländes braut heute das Unternehmen Meantime ein gutes Dutzend Biersorten und schenkt sie auch direkt hier aus. Doch dies ist bei Weitem nicht der einzige Pub: Rund um das College lädt Abend für Abend ein gutes Dutzend weiterer Kneipen zum Verweilen ein. Das zieht auch Besucher aus anderen Stadtteilen an - die Hochbahn DLR hat Greenwich in den neunziger Jahren perfekt an das Nahverkehrsnetz der britischen Hauptstadt angeschlossen.

Der schönste Weg ist hingegen bis heute jener per Schiff: Tagsüber verkehren regelmäßig Linienboote, die „Thames Clipper“, zwischen Greenwich und Westminster. Über die Themse bringen sie Besucher vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Parlament, der Tower Bridge und dem Tower - eine perfekte Einstimmung auf den idyllischen Stadtteil. Wer es noch etwas außergewöhnlicher mag, der kann unter die Erde: Seit 1902 verbindet ein Fußgängertunnel Greenwich mit der auf der anderen Flussseite liegenden Isle of Dogs, dem früheren Hafengebiet Docklands. 370 Meter schnurgerade unter dem Wasser, an jedem Ende ein hübscher viktorianischer Eingang mit breiter Wendeltreppe und einem Aufzug - beeindruckend in einer Stadt, in der man sonst wegen der großen Distanzen fast jeden Weg mit U-Bahn oder Taxi zurücklegt.

Greenwich verhilft Besuchern am Ende fast zu etwas wie ein bisschen Erdung. Sie kommen zur Ruhe und betrachten das touristisch beliebte London aus einer anderen Perspektive. Alles auf null - wo sonst sollte das gehen als hier am Nullmeridian?

Ursula Kallenbach 30.01.2013