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Reisereporter Arabisch für Anfänger - Jordanien
Reisereporter Arabisch für Anfänger - Jordanien
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00:11 29.09.2012
Von Sonja Fröhlich
Jordaniens Felsenstadt Petra lässt sich nur zu Fuß entdecken. Quelle: Stosch
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Amman

Da steht sie nun und versucht, sich das rot-weiße Baumwolltuch um den Kopf zu wickeln. Schon nach kurzer Zeit schmerzen der Frau die Arme, das Tuch indes hängt schlaff wie ein Schleier herab. So einfach ist es eben nicht, einen Keffiyeh, den traditionellen Turban der Beduinen, zu binden. Der Verkäufer lächelt und hilft schließlich: Die Enden erst im Nacken kreuzen und nacheinander über die Stirn legen, dann einkrempeln, fertig. Jetzt erst mal einen Tee aufs Haus, besser: aufs Zelt.

Hier, im jordanischen Wüstenpark Wadi Rum, ist der Keffiyeh das beste Mittel gegen die Hitze. Schon früh am Morgen brennt die Sonne auf dem Haupt, 38 Grad - und es wird noch heißer. Egal, es ist märchenhaft schön. Jenes Wadi Rum, das der britische Archäologe und Soldat T. E. Lawrence als „Prozessionsstraße größer als die Vorstellungskraft“ beschrieb. Eben jener „Lawrence von Arabien“, dem Regisseur David Lean wohl seinen besten Film widmete und der Wadi Rum einem Weltpublikum näherbrachte. Später diente das als Tal des Mondes bezeichnete Wüstengebiet in dem Science-Fiction-Klassiker „Roter Planet“ zur Darstellung des Mars und als Drehort für viele andere Filme.

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Tatsächlich erscheint Wadi Rum wie eine gigantische Filmkulisse: Aus dem roten Sandmeer erheben sich von Wind und Wetter wild geformte Felsen, die manchmal aussehen, als hätten Riesen sie dorthin gestapelt. Wadi Rum ist der beeindruckendste Teil der Wüstengebiete, die in Jordanien 90 Prozent der Fläche ausmachen. Es ist ein Naturschutzpark und eine Touristenattraktion, in Wadi Rum kann man mountainbiken, sandboarden, Jeep fahren, auf Kamelen reiten, in einen Heißluftballon steigen, im Wüstencamp schlafen und sich zwischendurch in einem der Beduinenzelte von der Hitze ausruhen, gesüßten Tee trinken, Wasserpfeife rauchen, Silberschmuck und Kopftücher kaufen - oder einfach nur entspannen. Mehrere Hundert Beduinen aus einem nahe gelegenen Wüstendorf leben davon, dass Touristen in ihre Wüstenzelte einkehren.

Doch in letzter Zeit kommen immer weniger Besucher aus dem Westen in das filmreife Schutzgebiet, das 2011 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde. Das arabische Musterland Jordanien, das sich nach den Anschlägen auf Hotels in der Hauptstadt Amman im Jahr 2005 gerade wieder berappelt und zweistellige Tourismuszuwächse verzeichnet hat, leidet unter den Krisen seiner Nachbarländer. Seit den Aufständen des arabischen Frühlings meiden die Touristen aus Amerika und Europa auch das haschemitische Königreich. 30 Prozent weniger Deutsche kamen nach Angaben des jordanischen Fremdenverkehrsbüros im vergangenen Jahr ins Land. Jordanien grenzt im Westen an Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete, im Süden an Saudi-Arabien, im Norden an Syrien und im Nordosten an den Irak - das erklärt wohl alles.

„Dabei ist Jordanien mit seinen Nachbarn nicht zu vergleichen“, sagt Raed Haddad, der in Deutschland studiert hat und jetzt Touristen durchs Land führt. „Jordanien ist tolerant und modern, unsere Frauen machen Karriere. Das Schlimmste, das einem passieren kann, ist ein Autounfall.“

Sonntagmorgen, 8 Uhr, im Strandresort einer Schweizer Hotelkette in Aqaba, am Roten Meer. Managerin Dima Jaradat kommt in den Frühstücksraum, gerade hat sie viereinhalb Stunden von der Hauptstadt Amman mit ihrem Auto zurückgelegt. Sie ist Mitte zwanzig, trägt ein kurzes Trägerkleid und hat kirschrote Fingernägel. Sie erzählt, dass ihr Mann Bauingenieur ist und ein philippinisches Kindermädchen auf ihre drei Kinder aufpasst. Auf die Stelle in einem Reiseführer angesprochen, laut der jordanische Frauen ohne Einwilligung ihrer Familie nicht reisen dürfen, muss sie lachen. „Ich bin schon als Schülerin nach Amerika gegangen, habe in Beirut und auf Zypern gearbeitet“, sagt sie. „Die Leute denken oft noch, wir reiten alle auf Kamelen und Frauen dürfen nicht wählen.“ Ihre Kollegin im Stadthotel der Schweizer Hotelkette führt ein anderes, nicht minder modernes Leben. Sie ist Zweitfrau, denn in Jordanien dürfen Männer mehrfach heiraten. Sie hat es sich so ausgesucht: „Mit der anderen hat er eine Familie, ich selbst wollte keine Kinder. So sind wir alle zufrieden“, sagt sie.

Im Badeort Aqaba im Süden des Landes scheint die kulturelle Kluft gleichwohl kaum größer sein zu können. An den Stränden sitzen junge arabische Paare in knappen Badesachen, rauchen und scherzen; daneben cremt sich eine Muslimin den Rand ihrer Augen ein, den einzigen nackten Fleck, den ihr Burkini - ein schwarzer Ganzkörperbadeanzug - nicht bedeckt. Allerdings stammen die meisten streng-islamischen Urlauber aus den Nachbarstaaten, viele aus Saudi-Arabien. Denn während immer weniger westliche Urlauber kommen, wissen die Araber Jordanien als friedliches Pufferland zu schätzen.

Jordanien bietet eine berauschende Mischung: von den fruchtbaren Hügellandschaften im Norden bis 416 Meter unter den Meeresspiegel hinab, ans Tote Meer, in dem man auf extremen Salzwasser treibend ein Buch lesen und dabei seine Haut gesunden lassen kann. Von Tausenden biblischen Stätten und archäologischen Schätzen, die die Weltgeschichte im Zeitraffer erzählen, hinaus in die scheinbar endlosen Wüsten, die bis zur quirligen Hauptstadt Amman reichen.

Dass es in Jordanien keinen Aufstand gegen den herrschenden König Abdullah II. gegeben hat, liegt wohl auch an dessen Volksnähe und diplomatischem Geschick - und an der Tatsache, dass Jordanien über keine nennenswerten Bodenschätze verfügt. Der König ist bei den meisten Jordaniern beliebt, sein Foto hängt in Läden und Hotels, über Straßen und sonst überall; mit der schönen Königin Ranja, einer bürgerlichen Palästinenserin, an seiner Seite ist er im Westen ein beliebter Gast.

Dennoch gibt es großen innenpolitischen Reformbedarf. Die Kluft zwischen luxuriösen Villen und ärmlichen Häusern ist groß, es gibt so gut wie keine Mittelschicht, aber auch kein wirkliches Elend. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, aber nie aufdringlich, wie man es manchmal von den Touristenhochburgen in Ägypten oder Marokko kennt. Vielleicht abgesehen von der Felsenstadt Petra, dem Nationalschatz des Landes, das heute oft als achtes Weltwunder bezeichnet wird. Petra, die geheimnisvolle antike Stadt, unbeschreiblich, was die Nabbatäer hier vor 2000 Jahren in die Sandsteinfelsen gehauen haben. Ein Labyrinth aus Giebeln und Säulen, Treppen und Brunnen, imposanten Tempeln und Grabmonumenten und dem majestätischen Schatzhaus des Pharaos, das sich rund 40 Meter über dem Boden erhebt, und als glanzvoller Abschluss das Kloster mit seiner Zeremonialterrasse.

Die Beduinen, die noch bis 1985 in Petra lebten, wurden umgesiedelt in umliegende Dörfer. Sie arbeiten aber auch heute noch in der Felsenmetropole, als Souvenirverkäufer und Touristenführer. Kaum ein Schritt, ohne dass die Männer ihre Dienste per Pferd, Esel oder Kamel anbieten. Aber selbst im achten Weltwunder laufen die Geschäfte schlecht, solange die Krisen rechts und links vom Jordan andauern.