Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Amerikanische Klangreise nach Nashville
Reisereporter Amerikanische Klangreise nach Nashville
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:40 15.10.2012
Die Skyline von Nashville ist nicht so spektakulär wie die von New York, aber auch sie glitzert. Quelle: Tennessee Tourism
Anzeige
Nashville

Debbie dimmt das Licht und drückt auf „Play“. „Are You Lonesome Tonight?“ Wir haben den Song schon zigmal im Leben gehört, aber nie war es dabei so feierlich wie jetzt. Debbie - weiße, lange Haare, sehr roter Lippenstift - erklärt, dass Elvis Presley das Lied am 4. April 1960 um 4 Uhr morgens eingesungen hat. Es soll dabei genauso dunkel gewesen sein. Er liebte das. 262 Songs hat er in diesem Tonstudio aufgenommen, in dem wir gerade ziemlich gerührt dastehen und zu Elvis-Fans werden. „Dort am Flügel“, sagt Debbie, „das war sein Lieblingsplatz.“ Alle fotografieren den Steinway.

13 Jahre lang, immer nur sonntags, ist Elvis mit seinem Cadillac von Memphis ins 340 Kilometer entfernte Nashville gefahren, um im Studio B seiner Plattenfirma RCA Songs aufzunehmen. „Es waren seine glücklichsten Jahre“, meint Debbie. Der Cadillac, an dem vieles vergoldet ist, steht heute im Museum der Country Music Hall of Fame, ein paar Blocks entfernt. Das 1977 geschlossene Studio, in dem tausend Top-Ten-Hits entstanden, ist eine der Besucherattraktionen der Stadt. Der dort produzierte Nashville-Sound wurde durch Künstler wie Roy Orbison und die Everly Brothers weltberühmt. „25 Millionen Dollar“, sagt Debbie. So viel hat Dolly Parton mit „I Will Always Love You“ verdient. Viele kennen den Song nur von Whitney Houston. „Aber geschrieben und zuerst aufgenommen hat ihn Dolly - und zwar hier.“

Anzeige

Nashville - Hauptstadt des US-Bundesstaates Tennessee, mit Vororten anderthalb Millionen Einwohner - ist ein Zentrum der amerikanischen Gesundheitsindustrie. Es gibt 800 Kirchen in der Stadt, sie wird wegen mehrerer guter Hochschulen auch „Athen des Südens“ genannt. Deshalb kann man dort auch über einen maßstabsgetreuen Nachbau des Parthenons staunen - oder sich wundern. Aber die wenigsten kommen deshalb nach Nashville. Sie sind wegen der Musik da. Nashville ist die „Music City“ der Vereinigten Staaten. Schon am Flughafen, auf dem Weg vom Gate zum Gepäckband, trifft man auf einen Mann mit Gitarre, der Johnny-Cash-Songs spielt.

Nicht-Countrystars wie Jack White, die Kings of Leon, The Black Keys, Sheryl Crow und Keb’ Mo’ leben in Nashville oder in der Gegend, es geht also nicht nur um Country und seine diversen Spielarten, aber doch meistens. Männer oder Frauen mit Gitarre gehören zum Stadtbild. „Es gibt hier Tausende wie mich“, sagt David Langley. Er ist Singer/Songwriter und Gitarrist und war schon mit Willie Nelson auf Tournee. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, spielt er jeden Mittwoch und Donnerstag im Millennium Maxwell House Hotel Songs von Merle Haggard und eigene. „Das Hotel zahlt sehr gut“, sagt er. Aber er tritt auch in den Honky-Tonks am Broadway nur für „Tips“ auf.

David lebt allein, seine Kinder sind erwachsen, vor fünf Jahren hat es ihn von Kalifornien nach Nashville verschlagen. „Ich bin 52“, sagt er. „Aber was soll’s?“ Der Konkurrenzkampf sei hart, aber er träume noch immer davon, berühmt zu werden. Wie ein Teenager. Vater, Mutter, Stiefmutter, Schwester, alle seien früh an Krebs gestorben. „Die Musik hat mich auf der Straße gehalten.“ Die „Nashville Skyline“ ist berühmt durch Bob Dylans gleichnamiges Album voller Liebeslieder. Sie ist bei Weitem nicht so spektakulär wie die von New York. Aber auch sie glitzert. Die Stadt hat auf Künstler eine hollywoodähnliche Anziehungskraft, denn sie bietet einzigartige Möglichkeiten: die besten Aufnahmestudios, die besten Songwriter, die besten Studiomusiker. Das Viertel, in dem die kommerzielle Countrymusik produziert wird, heißt Music Row. Debbie nennt es „die Wall Street der Musikindustrie“. Es erstreckt sich über zwei Straßenzüge. Dort wird das Geld verdient, dort sitzen die Plattenfirmen und Musikverlage. Dort sieht es aus wie in anderen Industriegebieten auch, viele Zweckbauten, für Sightseeing eher ungeeignet.

Wir besichtigen lieber die Country Music Hall of Fame, eine Rotunda mit bis jetzt 118 Tafeln, die die einflussreichsten Stars würdigen. Zuletzt ist dort Garth Brooks verewigt worden. Im dazugehörigen Museum sind Carl Perkins’ „Blue Suede Shoes“ ausgestellt, Hank WilliamsGitarre, eine Martin D-28, die knappen Kleidchen der 22-jährigen Country-Pop-Prinzessin Taylor Swift und Tausende andere Stücke. Man könnte Tage in der Dauerausstellung „Sing Me Back Home - A Journey through Country Music“ verbringen. Aber bald müssen wir selbst wieder nach Hause, also weiter.

Ein Budweiser nachmittags um halb drei im Honky-Tonk Central am Broadway. Von Mittag bis weit nach Mitternacht gibt es dort und in den benachbarten Kneipen tagtäglich Livemusik. Auf der Bühne: ein Mann mit Gitarre. Jared Collins trägt ein Johnny-Cash-Shirt, und er spielt einen Johnny-Cash-Song: „Folsom Prison Blues.“ Vier Dollar Trinkgeld sind nicht zu wenig.

Die „Grand Ole Opry“ ist die älteste Radioshow der Welt, erstmals ausgestrahlt 1925. Früher wurde sie jeden Sonnabend aus dem Ryman Auditorium gesendet, einer ehemaligen Kirche im Zentrum der Stadt. 1974 folgte der Umzug ins Opry House, eine 4400 Menschen fassende Konzerthalle auf der grünen Wiese. Angeschlossenen sind ein 2881-Zimmer-Hotel, ein Spaßbad und eine gigantische Shoppingmall mit Outletcenter. Der Komplex nennt sich „Opryland“. Dort kann man Geld ausgeben. Die Sendung läuft inzwischen dreimal pro Woche - nicht nur im Radio, auch im Internet. „The Show That Made Country Music Famous“ steht draußen am Opry House. Wer drinnen auftritt, ist ein Star - oder er wird bald einer.

Fast überall erklingt Musik. Die Nashvillians leben mit und viele auch von der Musik. Sie atmen sie ein und aus. Und das gilt für die ganze Region. Nur 20 Minuten Autofahrt vorbei an sanftem Grün, und man ist in Leiper’s Fork, die Gemeinde zählt zu den wohlhabendsten Tennessees. Beim diesjährigen „Fish Frying“ wird Geld für die Grundschule gesammelt. Das ganze Dorf scheint da zu sein. Es gibt frittierten Catfish mit Pommes. In der Scheune spielt die Homer Denver Band zum Barn Dance auf. An der Gitarre: der 75-jährige Reggie Young. Er arbeitete schon für Elvis, spielte die Gitarre bei „Suspicious Minds“ und „In the Ghetto“. Reggie legt los, und wir lernen den Two Step, eine Art Tennessee-Discofox. Zwei schnelle Schritte vor, einen langsamen Schritt zurück. Quick, quick, slow. Es ist Saturday Night. Die Band spielt etwas von Hank Williams. „I’m So Lonesome I Could Cry.“ Und wieder stehen wir ziemlich gerührt da.

Mathias Begalke

Mirjana Cvjetkovic 15.10.2012
08.10.2012